Mit dem Mediziner Geßner gegen die Göttinger Uni - meinanzeiger.de
8. November 2017
Jena

Mit dem Mediziner Geßner gegen die Göttinger Uni

Jenaer Sporthistorie

Sportmedizinische Ausbildungsinhalte gibt es an der Jenaer Uni spätestens seit 1911, als die ersten akademischen Kurse für Turn- und Sportlehrer eingeführt wurden. Der erste Professor, der hierfür mit Lehrauftrag tätig war, hieß Julius Grober (1878-1971). Er war Internist und zuletzt (1950) für physikalische Therapie zuständig. Bei der Sportlehrerausbildung war er bis 1936 im Amt, bis er im III. Reich durch „stramme“ NSdAP-Parteimitglieder ersetzt wurde.
Nach dem II. Weltkrieg begann die Sportlehrerausbildung in Jena 1948. Zuerst wurden die Anatomievorlesungen von Prof. Hermann Voss gehalten, dem der Oberarzt Hans-Joachim Gompper folgte. Langjähriger Nachfolger von Gompper wurde der spätere Saalfelder Klinikchef Johannes Geßner. Bereits 1951 beantragte die Direktorin des Instituts für Körpererziehung, Elly Tetschke, dem cand. med. Johannes Geßner einen Lehrauftrag bei der Ausbildung der Sportstudenten mit Vorlesungen und Massageübungen zu übergeben. Dieser wurde ab 1952 ausgestellt. Geßner hatte im Sport einen guten Namen, spielte er doch zeitweilig bei den Fußballern von der BSG Motor Carl Zeiss (heute FC), wo er später auch Mannschaftsarzt des Oberligakollektivs wurde.
Johannes Geßner (Jahrgang1927) wurde in Langenwetzendorf bei Greiz geboren. Sein Vater war Maurer. Nach dem Schulbesuch wurde er 1943 erst als Luftwaffenhelfer nach Jena, dann zum Arbeitsdienst und 1945 als Sanitätssoldat bei der Luftwaffe eingezogen. Schon als Jugendlicher war er sehr sportlich und besonders am Fußball interessiert. Bei Kriegsende kam er in die amerikanische Gefangenschaft. 1946 konnte er sein Abitur ablegen und bekam kurzzeitig eine Stelle im Sportamt von Greiz. Ab Wintersemester 1946 begann er in Jena mit seinem Medizinstudium. Gleichzeitig trainierte er in verschiedenen Fußballmannschaften und trat nach deren Gründung 1948 der BSG Motor Carl Zeiss bei, wo er insgesamt 13 Mal in der ersten Mannschaft eingesetzt wurde.
Auch für die Universitätsauswahl spielte er mehrfach u. a. bei dem legendären ersten deutsch-deutschen Fußballvergleich am 9. November 1949 gegen die Uni Göttingen. In Jena tagte damals der Weltjugendverband. Das Fußballspiel war eine Rahmenveranstaltung durch die bewiesen werden sollte, dass auch westdeutsche Studenten einbezogen waren. Göttingen gewann vor 2500 Zuschauer im Stadion mit 2:1. In der Zeitschrift FORUM konnte man dazu unter anderem lesen, dass in der Mannschaft der Göttinger mehrere Oberligaspieler dabei waren, und dass die Gäste die Gelegenheit hatten „…Ausschnitte aus dem Leben in der Deutschen Demokratischen Republik mit eigenen Augen zu sehen. Sie besichtigten mit großem Interesse den volkseigenen Betrieb Schott, in dem das bekannte Jenaer Glas hergestellt wird, und sahen, dass Schott, ebenso wie das Zeisswerk, längst wieder in drei Schichten auf vollen Touren arbeitet…Anschließend waren die Göttinger Kommilitonen noch Gäste einer FDJ-Veranstaltung in der Mensa und erhielten hier einen Einblick in die politischen Aktivitäten der Studentenschaft im Rahmen der Freien Deutschen Jugend… damit (war) ein spürbarer Schlag gegen die westdeutschen Spaltungspolitiker (geführt worden). Es ist aber hoffentlich auch ein Ansporn für unsere beiden Jenaer Großbetriebs-Sportgemeinschaften, dem Bespiel der Uni nachzueifern und ihre vieltausendköpfige Anhängerschar recht bald mit einem ähnlichen Spiel zu überraschen.“ Beim Rückspiel in Göttingen am 7. Dezember war Geßner ebenfalls im Einsatz.
Auch 1950 bei einem Fußballspiel gegen die TH Hannover, spielte Geßner neben Herrling, Bergmann, Morigorowski, Weber, Weider, Trübner, Thomas, Schneider, Hartmann und Michel für die Jenaer Uni erinnert sich Lothar Köhler, der selber eingewechselt wurde und zwei Tore schoss. Die Jenaer Fußballer gewannen 3:0. Insgesamt sahen das Spiel 2000 Zuschauer, der größte Teil Uniangehörige. „In der 44. (Minute) gelang es Geßner nach einem Freistoß von Trübner dem Ball zum ersten Treffer über die Linie zu bringen…Zur zweiten Halbzeit erscheint Jena mit Köhler an Stelle von Schneider als Mittelstürmer und dadurch gewann das Stürmerspiel an Wirksamkeit…“ Köhler schoss in der 51. Minute zum 2:0 und erhöhte in der 71. Minute zum 3:0, konnte man in den Tageszeitungen lesen.
Wie oben erwähnt, hatte Geßner schon als Student sowie später als Arzt im Uni-Klinikum einen Lehrauftrag bei der Ausbildung der Sportlehrer. Sicher kam ihm seine Freundschaft mit Georg Buschner, der ebenfalls erst Student am Institut für Körpererziehung und dann Lehrkraft war und mit ihm bei Carl Zeiss spielte, bei der Vergabe des lukrativen Lehrauftrags zu Gute, erinnert sich der damalige Buschnervertraute Paul Dern.1952 promovierte Geßner. Da die Zahl der Sportstudenten und auch die Stundenzahl in den sportmedizinisch geprägten Vorlesungen, Seminaren und Übungen ständig wuchs, beantragte der amtierende Direktor Walter Wurzler 1956, dass Geßner mit Dr. Correnz nebenamtlich je 250,00 Mark pro Monat für je 12 Stunden wöchentlich erhalten sollten. Langfristig solle aber Geßner eine feste Einstellung am Institut bekommen. Daraus wurde aber nichts, da Geßner 1960 auf Grund seiner guten operativen Fähigkeiten zum Oberarzt in der Chirurgie ernannt wurde. 1964 habilitierte er und wurde Ende 1965 als Leiter des Klinikums in Saalfeld berufen. 1972 wurde er als Verdienter Arzt des Volkes ausgezeichnet.

Ab den 1960er Jahren begann der schrittwiese Aufbau der Sportmedizin als eigenständiger Bereich am Institut für Körpererziehung, später Sektion Sportwissenschaft. Jochen Scheibe konnte diese „Abteilung“ kontinuierlich ausbauen, was aber eine andere Geschichte ist.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Fotonachweis: Fotoarchiv Kremer: Geßner ganz links mit der Uni-Mannschaft vor dem Rückspiel 1949 in Göttingen.

In: Thüringische Landeszeitung vom 8. November 2017 Nr. 562

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