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5. April 2017
Jena

Sportvereine in Jena

Über die Verwaltung der Vereine


Im Landessportbund Thüringen waren 2016 ca. 370.000 Mitglieder in 3.422 Sportvereinen organisiert, was ca. 17% der Bevölkerung entspricht. Das heißt der durchschnittliche Verein hat etwa 110 Mitglieder. Jena liegt bei 24.000 Mitgliedern in 112 Vereinen und einem Durchschnitt von 214 Mitgliedern. 24 Vereine in Thüringen haben mehr als 1.000 Mitglieder, davon allein vier in Jena, was sicher dazu beträgt, dass Jena beim Organisationsgrad der Bevölkerung mit 22 % an zweiter Stelle der kreisfreien Städte und Landkreise rangiert. Der Spitzenreiter Sömmerda mit 23,8% profitiert von Reha-Sport-Bildung Elxleben der 4.798 Mitglieder hat, was 25% der Mitglieder des Kreises ausmacht.
Die aus Jena stammenden vier Vereine in den Top 25 sind der FC Carl Zeiss mit 3.947 Mitgliedern, der Universitätssportverein (3.417), der SV Schott (1.438) und der Deutsche Alpenverein (1.418). Gegenwärtig zeichnen sind in Thüringens Sportvereinslandschaft zwei Tendenzen ab. Auf der einen Seite überwiegen immer mehr Einspartenvereine mit unter 100 Mitgliedern und andererseits wachsen einige wenige Großsportvereine mit halbkommerziellen Strukturen, bei denen die Vereinsidee – einer unbezahlten ehrenamtlichen basisdemokratischen Tätigkeit möglichst vieler Übungsleiter und Funktionäre – immer stärker ins Hintertreffen gerät.

In der Gründungsphase der ersten Turn- und Sport Vereine zwischen 1860 und 1914 waren diese noch rein ehrenamtlich organisierten „Selbsthilfe“-Vereine, wo sich Mitglieder zusammenschlossen um gemeinsam ihren „Sport“ zu entwickeln. 1858 wurde in Jena der erste bürgerliche Turnverein gegründet, der sich 1859 mit dem Akademischen Turnverein zusammenschloss und seitdem als „Turnverein Jena 1859 e. V.“ bezeichnete. Anfangs nur auf städtische Schulturnhallen, Gaststätten oder öffentliche Plätze und Parks angewiesen, fand die „Vereinsverwaltung“ bei den Vorstandsmitgliedern in der Wohnung statt. Im Vereinslokal, der „Turnverein 1859“ hatte den „Goldenen Engel“, gab es die Vorstands- und Vereinsversammlungen. Der Gasthaussaal wurde regelmäßig mehrmals im Jahr zu Vereinsfesten genutzt.
Mit der Gründung des „Fußballklubs Carl Zeiss“ setzte in Jena 1903 die Bildung von Sportvereinen ein. Auch dieser Verein bevorzugte eine Gaststätte, heute „Thüringer Hof“, als Vereinstreffpunkt. Der Verein für Bewegungsspiele (VfB, heute USV) nutze als „Geschäftsstelle“ anfangs das Schuh- und Sporthaus Richard Dannemann in der Johannisstraße. Mit dem Bau von eigenen Sportstätten durch den Turnverein, den FC Carl Zeiss und den VfB etablierte sich eigene „Vereinsverwaltungszimmer“ vor Ort. Bis 1945 waren aber immer alle tätigen Funktionäre ehrenamtlich. Die komplette Vereinsverwaltung für bis zu 700 Mitglieder realisierten sie in ihrer Freizeit.
An diesem Modell änderte sich auch wenig, nachdem 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernommen und den Sport schrittweise nach dem Führerprinzip „gleichgeschaltet“ hatten.

Nach dem Ende des II. Weltkrieges, 1945, gab es in der sowjetisch besetzten Zone Anfangs den Versuch den Sport auf kommunaler Ebene aufzubauen, was 1949 durch gesetzliche Verfügungen neu geregelt wurde. Sport fand unter der Trägerschaft der Gewerkschaft (FDGB) und der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Betriebssportgemeinschaften (BSG) statt. Großbetriebe wie Zeiss und Schott leisteten sich von Beginn an dafür eigene Sportbüros mit fest angestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. An der Uni wurde die BSG unter dem Namen Hochschulsportgemeinschaft (HSG) gegründet. Dafür stand ein kleines Büro in der Mensa am Philosophenweg zur Verfügung. Die ersten Vorsitzenden (Bernd Schwalbe und Gerhard Rauschenbach) waren ehrenamtlich tätig. Es gab aber einen Instrukteur, der Verwaltungs- und Organisationsaufgaben übernahm. Der erste namentlich bekannte „Organisationsleiter“ war der Student Albrecht Börner, der später u. a. als Autor des Fernsehmehrteilers „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ bekannt wurde. Kurze Zeit später wurde Dora Lattermann als Geschäftsstellenmitarbeiterin angestellt, die bis 1959 als Geschäftsführerin der HSG von der Uni bezahlt wurde. Sie wurde später die persönliche Sekretärin der Schriftstellerin Inge von Wangenheim. Anfang der 1960er Jahre übernahm der Sportlehrer Eberhard Täubert die Funktion eines HSG-Geschäftsführers. Als ehrenamtlicher Vorsitzender wurde damals ein Uni-Professor, der Chemiker Günther Drefahl gewählt. Da Täubert mit der wachsenden Verwaltungsarbeit überfordert war, freute er sich, als die Universität die kürzlich im Alter von 95 Jahren verstorbene Edith Schwarz als Sachbearbeiterin für die HSG anstellte. Sie hatte mit ihrem Ehemann Erwin die Kinder- und Jugendsportschule Bad Blankenburg aufgebaut. Er als Direktor und sie als Verwaltungsleiterin führten die Schule familiär, wobei strenge Regeln einzuhalten waren. Nach Umzug der Sportschule nach Jena geriet Erwin Schwarz zunehmend mit den übergeordneten Leitungen über die dominante Durchsetzung leistungssportlicher Regeln in Konflikte. Er gab seine Funktion auf. Horst Götze und Hermann Kleppe von der Sportwissenschaft sorgten dafür, dass er bei der Uni angestellt wurde. Edith Schwarz wurde bis zum altersbedingten Ausscheiden zur guten Seele der HSG. Für fast 2000 Mitglieder zu Spitzenzeiten organisierte sie die Beitragskassierung, die ohne Computer nur mit einer einfachen Rechenmaschine bewältigt wurde. Jede Zahlung für Startgelder, Bahnfahrten, Sportartikel usw. musste einzeln per Hand verbucht und abgerechnet werden. Dazu kam der komplette Schriftwechsel der HSG-Leitung.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Die USV-Fördermitglied Erwin Schwarz und seine Frau Edith bei ihrem letzten gemeinsamen Besuch im Vereinszimmer um 2000.

In: Thüringische Landeszeitung vom 5. April 2017 Nr. 533

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