vor 30 Jahren erste „Westläufer“ - meinanzeiger.de
7. Dezember 2019
Jena

vor 30 Jahren erste „Westläufer“

50. Geraer Silvesterlauf

Wenn am 28. Dezember 2019 der 50. Geraer Silvesterlauf startet, hat dieser Lauf gleich zwei Jubiläen. 50 Jahre wurde er ohne Unterbrechung organisiert, und vor 30 Jahren gehörte er zu den ersten großen Läufen in der DDR, die „westdeutsche“ Läufer zum Start ohne Teilnehmergebühr einluden. Neben Wasungen, Meiningen, Tanna und Erfurt kann man Gera als den traditionsreichsten Silvesterlauf in Thüringen ansehen.

Der 1. Geraer Silvesterlauf wurde vom Vorsitzenden der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Wismut Gera, Karl Muschitz im Rahmen der Meilenlaufbewegung als Volkslauf, über ca. zwei Kilometer, ins Leben gerufen. Um die 100 Teilnehmer starteten. Es folgte die Weiterentwicklung zu einem 10-Kilometerlauf durch die Leichtathleten der BSG Wismut Gera um Werner Scheffler. Die 1977 gegründete Laufgruppe der BSG Wismut Gera übernahm dann die Organisation und baute den Lauf zum zweitgrößten Laufereignis nach dem Rennsteiglauf in Thüringen weiter aus. Mitte der 1980er Jahre gingen zeitweilig über 2000 Aktive auf drei Strecken. Die anspruchsvollen 20-Kilometer und auch die 11-Kilometerstrecke lehnten sich an Erfahrungen des Rennsteiglaufs an. Heute würde man die Strecken, die damals als Geländeläufe bezeichnet wurden, Trailläufe nennen. Sie haben noch heute anspruchsvolle Höhenmeter und verschiedenster Untergrund, von Straßen bis zu Schlammpassagen zu überwinden. Die Meilenstrecke über ca. zwei Kilometer bot dagegen allen Interessierten die Teilnahmemöglichkeit.
Ein gut eingespieltes Organisatorenteam von der Laufgruppe, mit Rennsteiglauferfahrung, mit Unterstützung einer leistungsfähigen Betriebssportgemeinschaft ermöglichte ein ständig steigendes Teilnehmerfeld. Gesamtleiter waren in diesem Entwicklungsabschnitt Dr. Hans-Georg Kremer und zur politischen Wende in der DDR Dr. Martin Nimptsch.
Zur „Popularität2 des Geraer Silvesterlaufs trugen auch die über eine Tombola ausgegebenen Karpfen und anspruchsvolle Siegerpreise bei. Die kostenlose Nutzung der Schwimmhalle war ein weiteres „Highlight“ des Geraer Silvesterlaufs.

Mit der Öffnung der Mauer im November 1989 entwickelten sich vielfältige Initiativen für gemeinsame innerdeutsche Sportveranstaltungen auch in der Laufbewegung. Bereits zum Geraer Silvesterlauf 1989 luden die Veranstalter Läufer aus der Region Nürnberg, der Partnerstadt Geras, zur Teilnahme nach Gera ein. Zeitungen aus Gera und Nürnberg veröffentlichten kurzfristig diese Initiative. Dr. Peter Ullrich, der heute noch zur Organisation gehört, war mit seiner Frau mit dem Trabant sogar nach Nürnberg gefahren, um dort Ausschreibungen an den Mann zu bringen.Ca. 25. Läuferinnen und Läufer aus dem Raum Nürnberg und aus Oberfranken nahmen das Angebot spontan an und gingen an den Start. Einige von ihnen waren läuferisch überhaupt nicht vorbereitet. Sie wollten einfach mal in die „DDR“ fahren, und da sie keine verwandtschaftlichen Beziehungen in den Osten besaßen, nutzten sie das Angebot der Geraer Silvesterlauforganisatoren. Alle schafften aber erfolgreich die verschiedenen Strecken. Da der Silvesterlauf 1989, wie es Tradition ist, an einem Samstag, der 30. Dezember, stattfand, organisierte die Wismut-Laufgruppe noch eine Zusammenkunft mit den „Westgästen“ in der Sportlergaststätte, Außerdem stellten sie Privatquartiere zur Verfügung, für die, die am nächsten Abend noch mit Silvester feiern wollten.
Zu einer Laufgruppe in Helmbrechts entwickelte sich sogar eine Sportfreundschaft, die aber in den Folgejahren wieder einschlief, als die BSG Wismut Gera aufgelöst wurde und der Nachfolgeverein ums Überleben kämpfen musste.

Heute hat sich der Geraer Silvesterlauf fest im Terminkalender etabliert und seine Besonderheit, dass er immer an einem Sonnabend stattfindet, führt auch manchmal dazu, dass er, schon einige Tage vor Silvester startet, wie auch bei der 50. Auflage am 28. Dezember 2019.
Nachdem in den 1990 Jahren der Lauf viele Teilnehmer verloren hatte und auf unter 200 zurückgegangen war, gelang es dem Team um Dr. Detlef Ebert die Organisation zu stabilisieren und schrittweise neue Starter zu gewinnen. Dabei hatte es der neu gegründete Sportverein, heute 1. SV Gera e. V., anfangs nicht leicht, da besonders die Fußballabteilung für finanzielle „Turbulenzen“ sorgte. 2014 konnte der zeitweilige Gesamtleiter Dieter Müller erstmals wieder auf über 1000 Starter zurückblicken.
Auch Traditionen wurden weiter gepflegt. Der inzwischen 85ig jährige Laufbegründer Karl Muschitz ließ es sich nicht nehmen, Karpfen für die Siegerehrung zu stiften, was er auch zum Jubiläum wieder vorhat. Auch unter den Teilnehmern war der eine oder andere aus den Anfangsjahren, die sogar jedes Jahr ihre alten Baumwoll-T-Shirts aus DDR-Zeiten heraussuchen um damit zu starten. Auf der Vorderseite war das schön gestaltete Stadtwappen von Gera zu sehen und auf der Rückseite ein Spruch des Rennsteiglaufs. Hintergrund war, dass die BSG Wismut Gera als größter Sportverein der DDR mit seiner Laufgruppe 1979 zu den Organisatoren des Rennsteiglaufs stieß. Die starke Läufergruppe aus Gera übernahm Aufgaben in der Öffentlichkeitsarbeit und zeitweilig sogar die gesamte Erstellung und den Vertrieb von Läufersouvenirs. Vorausgegangen war eine finanzielle Schieflage des Rennsteiglaufs, der ohne Zuschüsse des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) auskommen musste. Die BSG Wismut als finanziell gut dastehender Verein sicherte deshalb die Vorfinanzierung der Souvenirs. Es entstanden dabei auch einige Souvenirs mit gemeinsamer Gestaltung, wobei der Rennsteiglauf, der Geraer-Silvesterlauf und der Städtelauf Jena-Gera davon profitierten. Auch die Herstellung der Ergebnishefte des Rennsteiglaufs wurde für einige Jahre durch die Wismut-Druckerei in Siegmar bewältigt. Die Logos des Silvesterlaufs und des Städtelaufs wurden von der damals noch wenig bekannten Geraer Grafikerin Angelika Schütt entwickelt.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Zu den wenigen Fotos von Geraer Silvesterlauf 1989 gehört dieses Foto vor dem Start, als der Gesamtleiter die Teilnehmer aus Nürnberg vorstellt. (Fotoarchiv Kremer)

Auch interessant