Radsportgeschichte zum Frauentag - meinanzeiger.de
10. März 2017
Jena

Radsportgeschichte zum Frauentag

Frau Rembiak siegte vor Fräulein Taubeneck

Thüringische Landeszeitung vom 8. März 2017 Nr. 531

Bei der Sportlerehrung, die kürzlich bei der Universität durchgeführt wurde, erhielt die Radsportlerin Sarah Reiners für ihren Deutschen Hochschulmeistertitel im Mountainbike-Marathon eine Ehrenplakette des Förderkreises des USV. In der Szene ist Sarah im letzten Jahr durch den Gesamtsieg der „Dr. Cannondale Sebamed Challenge“ bekannt geworden. Die Serie mit neun Rennen gilt als Deutschlands größte Mountainbike-Serie. Gestartet wird sie in Rheinland-Pfalz und im Saarland mit bis zu 1400 Teilnehmern. Die Rennlängen variieren von knapp 30 km bis zu 110 km. Die Jenaer Studentin Sarah Reiners aus Mützenich konnte im letzten Jahr die Gesamtwertung der Frauen mit deutlichem Vorsprung für sich entscheiden.

Bisher gab es nur vier Einträge bei den Radsportlern unter den fast 1700 Einträgen in der „Hall of Fame“ des Universitätssports. Versuche im USV eine Radsportgruppe aufzubauen scheiterten bisher. Hin und wieder wurde eine Radsportgruppe im Hochschulsport der Uni angeboten. So ist eine solche für das Sommersemester unter Leitung von Kerstin Genderjahn geplant.

Jena gehörte und gehört nicht unbedingt zu den Radsporthochburg in Thüringen. Der Frauenradsport zählte dabei in Vergangenheit und Gegenwart zu den Randsportarten.
Das erste Radrennen mit Jenaer Frauen wurde 1924 nachgewiesen. Während einer Sportwoche organisierte der Radklub „Pfeil Jena“ ein Rennen „Rund um Jena“. „Bei den Damen gewann nach Sturz von Müller Frau Rembiak vor Frl. Taubeneck und Frl. Franke…“ kann man in der Jenaischen Zeitung lesen.

Über die Entwicklung des Radsports in Jena hatten wir früher schon mehrere Beiträge geschrieben, die in dem Buch „Jenas Sporthistorie in Wort und Bild 2017“ veröffentlicht wurden. Dazu gibt es inzwischen weitere Archivfunde.
So ist bereits für 1893 ein Radfahrer-Verein Jena nachgewiesen, der „…im Schützenhause „Radaufführungen“ (organisiert), die lebhaftes Interesse erregen dürften…“ kann man der Jenaischen Zeitung entnehmen. Eventuell waren dabei auch Radfahrerinnen aktiv, die besonders beim Reigenfahren sehr früh in der Radsportgeschichte mitwirkten. „Damenradfahren“ war um 1900 eine regelrechte Modeerscheinung, die auch einige Blüten trieb. So liest man in der Illustrierten „Neue Kunst“ von 1896 u. a., dass es in Frankreich einen Radfahrwettbewerb um die Hand eines „…begehrenswerten jungen Millionärs…“ gegeben habe. „Eine Baronesse Emma von Santtender und eine Miss Amy Ever werden im Lyoner Velodrom auf Tricycles um die Wette fahren und auf diese Weise die zwischen ihnen seit langem schwebende Frage lösen, welche der Millionär – es soll ein deutscher Namens Albert Meller sein – zufallen solle.“ Der Ausgang des Rennens ist nicht bekannt.

Frauenradsport wurde ab 1900 in Jena besonders im Arbeiter-Radfahrerbund „Solidarität“ gepflegt, der sich bis 1933 zum größten Jenaer Radfahrerverein entwickelte. Zeitweilig hatte er fast 600 Mitglieder, darunter viele Frauen. Wettkampfmäßig waren die Frauen dabei besonders im oben schon genannten Reigenfahren aktiv. Ansonsten organisierte der Verein vor allem Radtouren für seine Mitglieder.

Richtige Rennen bestritten Jenaer Mädchen ab Mitte der 1980er Jahre. Die DDR-Sportführung hatte beschlossen den Frauenradsport in die zu fördernden Sportarten aufzunehmen. Hintergrund war, dass seit 1984 die Frauen bei den Olympischen Spielen um Medaillen fuhren. Da die Männer der DDR im Radsport schon viele Medaillen geholt hatten, die Konkurrenz hier aber immer stärker wurde, erhoffte sich die Sportführung durch die spezielle Förderung von Mädchen und Frauen hier zusätzliche Medaillenchancen. In Jena hatte um diese Zeit die BSG Carl Zeiss Jena-Süd die größte Radsportgruppe, die 70-80 Mitglieder umfasste. Entstanden war die Radsportsektion 1973 als ca. 20 Radfahrer von der BSG Handwerk zur neu gegründeten BSG Carl Zeiss Jena –Süd wechselten. Werner Meißies als Trainer, Christian Haase als Sektionsleiter und später Helmut Koblenz, der nach Beendigung seines Studiums wieder in Jena als Radsportler aktiv wurde, sind einige Namen von wichtigen Akteuren in dieser Zeit. Der Schwerpunkt lag vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit, die durch den Status eines Trainingszentrums besonders gefördert wurde, welches Koblenz 1973 als Leiter übernahm. Namen wie Stephan Planert, Hartmut Korn, Harald Wagner und Thomas Künast wurden in dieser Zeit als die erfolgreichsten Fahrer genannt. Auch der zweifache Weltmeister Lutz Haueisen gehörte zu denen, die im Trainingszentrum in Jena ihre sportliche Laufbahn begonnen hatten. Unter den Übungsleitern war auch Günther Fielauf. 1987 wurde er als vorbildlicher Übungsleiter des DTSB der DDR für seine langjährige erfolgreiche Tätigkeit ausgezeichnet. Seit 1964 war er im organisierten Sport tätig, erst selber als Wettkampfsportler u. a. in Rostock und beim Sportclub in Leipzig. Nach Beendigung des Studiums kam er 1974 zur BSG Carl Zeiss Jena-Süd und war seit 1977 Übungsleiter. Bei ihm trainierten auch die ersten Mädchen. Alexandra Glöde, Katja Böhme und Sandra Petzold findet man in Ergebnislisten. 1989 kamen Eva Rothenberger, Sylvia Haase, Sylvia Seifarth und Yvonne Grochla hinzu. Es gab mit Katja Böhme sogar eine erste Delegierungen zum Sportclub Wismut Gera. Dieser erfolgversprechende Weg wurde allerdings 1989 mit der politischen Wende in der DDR unterbrochen. Die besondere Förderung des Kinder- und Jugendsports in den Trainingszentren wurde eingestellt. Die BSG‘n gründeten sich als Sportvereine neu. Die finanzielle und materielle Ausstattung durch Betriebe fiel innerhalb kürzester Zeit weg.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Günther Fielauf 1989 mit seiner Trainingsgruppe, vorne die Mädchen.

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