Ein richtiger Gerscher Lausbub - meinanzeiger.de
1. Dezember 2020
Kultur

Ein richtiger Gerscher Lausbub

Wenn Manfred Lemke (rechts) – hier im Gespräch mit seinem Verleger Mark Jischinski in der Stadt- und Regionalbibliothek Gera – aus seinem Buch vorliest, werden bei vielen Zuhörern Kindheitserinnerungen wach.  Foto: Wolfgang Hesse

Manfred Lemke hat in seinem Buch „Gersche Lausbubengeschichten“ Erinnerungen an seine Kindheit in den 50er- und 60er-Jahren festgehalten.

 

Bei jedem Blödsinn dabei

Ich war nie kriminell, aber bei jedem Blödsinn ­dabei“, sagt Manfred Lemke gern ­augenzwinkernd, fügt dann aber ernst hinzu:
„Ich war ­immer der Kleinste, konnte ­also nicht mit Körperkraft punkten.
Deshalb musste ich meinen Mut beweisen.“

 

Regelmäßig eine Tracht Prügel

Von seinem Vater fing er sich dafür regelmäßig eine Tracht Prügel ein.
Und wenn sich einmal im Nachhinein herausstellte, dass er gar nicht schuld war, dass er also zu ­Unrecht Schläge bekommen hatte, dann bekam er oft zu hören:
„Dann ist das gleich fürs nächste Mal.“
Nur, dass sein Vater das bis dahin ­wieder vergessen hatte.

 

Festhalten, was es wert ist, aufgeschrieben zu werden

Doch warum schreibt man solche Geschichten auf? ­
Manfred Lemke lacht.
„Es geht ja nicht nur um Streiche und Strafen – ganz im Gegenteil“, sagt er.
„Ich wollte festhalten, was mich in meiner Kindheit beeindruckt hat und wovon ich denke, dass es wert ist, aufgezeichnet zu werden.“

 

Ein lebendiges und lebhaftes Bild der 50er und 60er Jahre in Gera

Herausgekommen ist ein 269 Seiten starkes Buch mit 49 Geschichten, die durch die vielen beschriebenen Details ein sehr lebhaftes und eindrucksvolles Bild der 50er- und 60er-Jahre in Gera vermitteln.

 

Inspiriert von Tom Pauls

Wie er auf die Idee gekommen sei?
„2014 habe ich mein erstes Buch ‘Der Gersche Bierbrauer erzählt – Streifzüge durchs Fress- und Sauf-Gere’ verfasst.
Da stellte ich fest:
Das liegt mir, das macht mir Spaß.
Als ich dann Tom Pauls Buch ‘Das wird mir nicht noch mal passieren – meine fabelhafte Jugend’ las, dachte ich mir:
Das kann ich auch!“, erzählt der Moderator und Gästeführer und kann das so  begeisternd, dass man stundenlang zuhören ­möchte.

 

Der Tote im Wald

Seine persönliche Lieblingsgeschichte?
„Das ist ganz eindeutig ‘Der Tote im Wald’“, sagt Manfred ­Lemke spontan.
„Die ­Geschichte hat einfach alles – kindliche Neugierde, Abenteuer, Zeitgeschichte.
Und ausnahmsweise bin ich mal ein Held – wenn auch erst im Nachhinein und  viel ­später.“

 

Ein Streit, der die Neugierde weckt

Was war geschehen?
In den großen Ferien war der kleine Manfred Lemke im örtlichen Ferienlager, „dort, wo heute der Waldzoo ist“.
Auf einer Wanderung sahen die Kinder  auf einer Lichtung einige Männer mit Bierflaschen, die sich heftig stritten.
Irgendwie ließ das Manfred nicht in ­Ruhe und am Nachmittag, als er nach Hause gehen wollte, war die Neugierde so groß, dass er allein auf die Lichtung zurückkehrte, um zu schauen, ob die Männer noch da waren und worum es bei dem Streit wohl gegangen war.

 

Die schreckliche Entdeckung

Auf der Lichtung war niemand mehr, doch als er in eine ­nahe gelegene Grube schaute, erschrak Manfred Lemke fürchterlich:
Dort lag ein Toter.
Aufgeregt, fast schon ­panisch, rannte der Junge zur HO-Gaststätte „Felsenkeller“ und berichtete von seinem Fund.
Die Polizei wurde informiert, kam und befragte den Jungen eingehend, bevor sie mit ihm im Streifenwagen zur Lichtung fuhr.

 

Die Auflösung

Die Polizisten gingen zur Grube, Manfred Lemke traute sich schon gar nicht mehr.
Dann sprang einer der Beamten in die ­Grube – und holte einen „stockbesoffenen Mann“ ­heraus.

Scham und peinliche Momente

Kein Wunder, dass Manfred Lemke zum Schulanfang, als alle berichteten, was sie so ­erlebt hatten in den Ferien, lieber gar nichts sagte, weil er sich so schämte.
Am zweiten Tag wurde es noch schlimmer:
Da erschien der Direktor mit zwei Polizisten in der Klasse und rief Manfred ­Lemke nach vorn.
Der Junge befürchtete das Schlimmste – doch plötzlich wurde er ­gelobt für seine Umsicht.

 

Für den Weltfrieden

Und zum Pioniernachmittag hieß es beim Fahnenappell:
„So handeln Junge Pioniere – zum Schutze des Sozialismus und zur Erhaltung des Weltfriedens.“

Manfred Lemke ­lächelt:
„Ich war ein Held – wenigstens für einen Tag.“

 

Heute noch Weihnachtsmann und „Gerscher Lausbub“

Im Mittelpunkt zu stehen, genießt Manfred Lemke zweifellos heute noch, sonst wäre er kaum so leidenschaftlich Stadtführer in Gera, Moderator und wegen seines präch­tigen weißen Bartes in diesen Tagen oft auch Nikolaus und Weihnachtsmann.

Dabei kommt er dann und wann noch durch – der „Gersche Lausbub“.

Daniel Dreckmann

Auch interessant