Fake News und Feldpost - meinanzeiger.de
25. November 2020
Kultur

Fake News und Feldpost

Zwötzen um das Jahr 1900. Das Bild zeigt den Ort, wie man ihn von der Lasur aus sieht. Foto: Geschichtsverein Zwötzen e. V.

Wie der Geschichtsverein Zwötzen bei der Erforschung der Historie des kleinen Ortes immer wieder auf große Geschichte(n) stößt.

Als im Jahr 2014 eine Chronik von Zwötzen für die 700-Jahr-Feier des Geraer Stadtteils zusammengestellt werden sollte, ahnte wohl keiner der Beteiligten, wo das hinführen ­würde.
Doch als das Buch mit dem Titel „Zwötzen 1314 – 2014. Beiträge zur Geschichte“ fertig war, mussten die Mitwirkenden feststellen, dass sie sich trotz der 304 Seiten ­Umfang, die ihre Chronik ­immerhin hatte, immer wieder sehr kurz fassen mussten und viele Persönlichkeiten und Ereignisse nicht berücksichtigen konnten.

„Der Anker“ liefert immer die neuesten Erkenntnisse

Was lag da näher, als die Chronik einfach fortzuführen?
Zu diesem Zweck gründete sich im Februar 2015 der ­Geschichtsverein Zwötzen e. V., dem heute zwölf Mitglieder angehören.
Alle ein bis zwei Monate trifft man sich, tauscht die neuesten Erkenntnisse aus und veröffentlicht diese regelmäßig im Mit­teilungsheft „Der Anker“, ­wobei der Name auf das letzte Gemeindesiegel zurückgeht, das Zwötzen vor der Eingemeindung nach Gera hatte.
Dieses ziert ein Ankerwappen.

Viele Themen sind über die Ortsgrenzen hinaus interessant

Aber wie sehr muss man Zwötzener sein, um sich für die Themen des Vereins zu ­interessieren?
„Natürlich interessieren sich vor allem Menschen aus dem Ort für unsere Arbeit, aber auch viele Geraer wollen ­Geschichten um  Zwötzener Häuser unter Denkmalschutz kennenlernen.
Ferner gibt es Themen, die über die Ortsgrenzen ­hinausragen“, sagt Vereinsvorsitzender Uwe Lehmann.

Grußblätter an Soldaten

So hat der Frauenverein des Ortes im Ersten Weltkrieg unter Leitung des damaligen Pfarrers Grußblätter an die Soldaten an der Front verfasst und verschickt.
Das war ­damals nicht unüblich.
Das Besondere in Zwötzen:
Die komplette Sammlung von 41 Grußblättern ist erhalten ­geblieben und wird nun nach und nach veröffentlicht.„Vieles, was dort zu lesen ist, kann man heute nur noch sehr schwer nachvollziehen, einiges ist auch sehr befremdlich“, sagt Uwe Lehmann.
„Aber als Zeitzeugnisse haben diese Grußblätter einen enormen Wert.“

Manchmal finden Leser ungeahnte Spuren ihrer Vorfahren

Selbst zunächst uninteressant erscheinende Listen von Kriegsverwundeten oder mit dem Eisernen Kreuz Ausgezeichneten können auf  Interesse stoßen.
„Ein Mann erzählte mir, dass sein Großvater zu Hause nie über den Ersten Weltkrieg  gesprochen habe.
Erst durch die Veröffentlichungen des ­Geschichts­vereins habe er ­erfahren, dass sein Großvater mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war.“
So kommen immer wieder kleine und große Geschichten zu ­Tage, die überraschen und ­faszinieren.
Wie die folgende…

Die Geschichte vom Riesenfisch

Im Jahr 1773 ist Zwötzen plötzlich in den überregio­nalen Medien:
Ein Gänsejunge soll seine Gänse bei Zwötzen an die Weiße Elster ­geführt haben, als plötzlich ein großer Fisch auftauchte und zwei der Gänse wegschnappte.
Der Junge sprang hinterher – und auch ihn verschlang der Riesenfisch.
Sechs doppelt bewaffnete Männer seien nötig gewesen, um das große Tier zu erlegen.
In seinem Inneren seien nur noch die Knochen des Jungen ­gefunden worden, berichteten Zeitungen.
Eine wirklich schaurige Geschichte.

Eine ungeahnte Wendung

„Wenn Sie sich die Weiße Elster in Zwötzen ­anschauen, dann fragen Sie sich, wie dort so ein großer Fisch leben soll – auch 1773 war der Fluss nicht entscheidend anders“, weiß Uwe Lehmann.
Tatsächlich fanden ­seine Mitstreiter und er in der Chronik der Zwötzener Schützengesellschaft einen Hinweis darauf, dass die Geschichte auf die Wette zweier Schützenbrüder zurückging.
Sie hatten gewettet, dass dama­lige über­regionale Zeitungen  alles drucken – wenn es nur gut klingt.
Uwe Lehmann kann noch eine weitere spannende ­Geschichte erzählen.

Der versuchte Raubmord

Der Viehhändler Franz ­Weiser aus Zwötzen fand sich in einigen reißerischen Zeitungsberichten wieder.
Er soll mit 30 000 Mark im Gepäck nach Danzig  gereist sein, um dort Vieh zu kaufen.
Im Gasthof bemerkte er, dass jemand unter seinem Bett lag und holte sofort Hilfe.
Es handelte sich um den Sohn des Gastwirtes, der bewaffnet nur ­darauf warten wollte, bis der Viehhändler eingeschlafen war, um ihn zu ermorden und sein Geld zu stehlen.
Im Garten war wohl schon eine Grube ausgehoben worden…

Eine Geschichte aus dem Zug

„Anhand verschiedener Quellen können wir heute ­sicher sagen, dass diese Story ihren Ursprung in einem im Zug belauschten Gespräch hatte“, sagt Uwe Lehmann.
„Die Geschichte wurde dann aufgebauscht, ausgeschmückt und weitererzählt, bis ein Journalist sie aufschrieb.“

Erkenntnisse, die vieles relativieren im Alltag

So stoßen die zwölf Hobby-Historiker immer wieder auf spannende Details und neue Erkenntnisse, die oft neue Blickwinkel erschließen.
„Wir denken gelegentlich, dass ­Fake News und Propaganda neue Entwicklungen sind, aber das hat es schon immer gegeben“, sagt Uwe Lehmann.
„Die Menschen kämpfen eigentlich immer mit sehr ähnlichen Problemen.
Und diese Erkenntnis relativiert im Alltag so einiges.“

Kontakt zum Geschichtsverein Zwötzen

Geschichtsverein Zwötzen
Telefon: 0176 / 20 50 89 95
oder 0365 / 7 10 46 26
E-Mail: geschichtsverein.­zwoetzen@t-online.de

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