Mord ist mehr als nur sein Hobby - meinanzeiger.de
29. Dezember 2020
Kultur

Mord ist mehr als nur sein Hobby

Ein starkes Team: Hans Thiers (l.) und Michael Kirchschlager. Der Kriminalist und der Verleger haben zusammen das Buch "Blutspur durch Thüringen" herausgegeben und sind inzwischen auch privat gut befreundet. Foto: Verlag Kirchschlager

Hans Thiers schreibt Bücher über reale Kriminalfälle – von denen er die meisten selbst kriminalistisch untersucht hat

„Mordfälle im Bezirk Gera I-III“, „Serienmörder in der DDR“ und „Blutspur durch Thüringen“ – Hans Thiers weiß, wovon er spricht.
Von 1973 bis 1990 arbeitete er in derMorduntersuchungskommission des Bezirkes Gera, die er von 1980 bis 1990 leitete.

98 Prozent Aufklärungsrate

„An 90 Prozent der Fälle, über die ich in meinen Büchern berichte, war ich selbst beteiligt, als Untersuchungsführer, Vernehmer oder weil ich sie selbst geleitet habe“, erzählt Hans Thiers.
„Es waren einige schwierige Fälle darunter, einige waren auch spektakulär.
Aber wir hatten damals eine Aufklärungsrate von zirka 98 Prozent“, sagt er stolz.

 

Aktenstudium im Staatsarchiv

Wenn er heute Einblick in die Akten von damals nehmen will, muss er ins Staatsarchiv nach Rudolstadt fahren, was er für seine Bücher regelmäßig tat.
Dort studierte er die Unterlagen und Analysebogen von damals, machte sich Notizen und arbeitete zu Hause alles auf.
„Das Wichtigste ist, dass dabei immer die Persönlichkeitsrechte der Opferfamilien geschützt werden und dass die Aufarbeitung kriminalistisch, wissenschaftlich und sachlich erfolgt“, erläutert der Kriminalist.

 

Er weiß, wovon er spricht

Dass er dafür der Richtige ist, daran lässt er keinen Zweifel und verweist darauf, dass er erst durch einen fünfjährigen Studiengang an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Diplomkiriminalisten wurde – und darauf, dass er Kriminalrat außer Dienst ist und Major der Kriminalpolizei war.

 

Vom Erfolg überrascht

Trotzdem kam der Erfolg seiner Bücher auch für ihn überraschend.
Seine erstes Buch, „Mordfälle im Bezirk Gera I“, erscheint inzwischen in der 7. Auflage, und das Buch „Sereinmörder in der DDR“ schaffte es auf Platz 25 (Sachbuch) der Bestsellerliste.

„Es war einfach nicht zu erwarten, dass wir mir realen Kriminalfällen so einen Erfolg haben würden“, meint der Kriminalist.
„Unsere Leser sind im zwischen 18 und 80 Jahren.
Und wir haben bereits 380 Lesungen veranstaltet mit mehr als 20.000 Besuchern.“
Natürlich war das alles vor der Corona-Pandemie.
Viele Veranstaltungen mussten ins Jahr 2021 verlegt werden, da das Interesse nach wie vor ungebrochen ist.

 

Ein Kriminalist zum Anfassen

Warum die Leute ihm so gerne zuhören, und inzwischen schon einige Dokumantar-Beiträge mit ihm vor der Kamera im MDR Thüringen, RBB, ZDF-Info, Hallo Deutschland, Drehscheibe Deutschland und dem MDR Hörfunk ausgestrahlt wurden?
Hans Thiers tut etwas, was er sonst nur ungern tut:
Er spekuliert.

„Ich nehme an, dass die Leute gerne einem Kriminalisten zuhören, der die Fälle selbst bearbeitet hat, sozusagen ‚einem Kriminalisten zum Anfassen‘.“

 

Wahre Begebenheiten aus allererster Hand

Der Herausgeber der Bücher von Hans Thiers und inzwischen sein sehr enger Freund, Michael Kirchschlager aus Arnstadt, kann das nur bestätigen.

„Wir geben in unserem Verlag seit 25 Jahren Bücher zu historischen Kriminalfällen heraus.
Diese Bücher werden sehr geschätzt, weil sie eben keine Romane also nicht ausgedacht sind, sondern weil sie auf Tatsachen beruhen.
Hans Thiers ist mit seinen Büchern aber so erfolgreich, weil er nicht nur auf Fakten beruhende Geschichten präsentiert, sondern die meisten Fälle auch selbst bearbeitet hat.
Er berichtet also aus allererster Hand.
Und das können andere Autoren so nicht“, erklärt Michael Kirchschlager, der den Kriminalisten auch menschlich sehr schätzt:
„Er ist angenehm im Umgang, unkompliziert, sehr erfahren und arbeitet auch noch mit Mitte 70 sehr straff und mit viel Energie.
Wenn man mit ihm an einem Buch arbeitet, dann läuft das immer hochkonzentriert ab – und nebenbei lernt man auch noch vieles, was man nicht wusste“, sagt er über Hans Thiers.

 

Wertvolle Kontakte

Allein die Kontakte, die Hans Thiers habe und der Respekt, der ihm entgegengebracht werde, seien „Gold wert“, meint Michael Kirchschlager.
„So ist zum Beispiel Stephan Werner, der ‚Held von Gera‘, der für seinenmutigen Einsatz bei einer Gewalttat später 2020 mit der ‚Goldenen Henne‘ ausgezeichnet wurde, sehr pressescheu.
Aber uns hat er für das Buch ‚Blutspur durch Thüringen‘ seine Geschichte erzählt“, nennt der Verleger nur ein Beispiel aus dem Buch „Blutspur durch Thüringen“, das er gerade mit Hans Thiers zusammen herausgebracht hat.

Täter erzeugen viel Leid in den Opferfamilien – und in den eigenen

Gibt es eigentlich auch Fälle, bei denen Hans Thiers Mitleid mit den Tätern hat?
Die Antwort kommt spontan, ruhig und fest:
„Eigentlich nicht.
Wenn man nachweisen kann, dass es der Täter ist, dann habe ich kein Mitleid mit diesem Menschen.
Es wurde schließlich ein anderer Mensch umgebracht.
Und so eine Tat erzeugt viel Leid in den Opferfamilien – aber auch in den Täterfamilien, was man nie vergessen darf.
Sie sind inder Regel indirekte Opfer.“

 

Niemals Täterwissen preisgeben

Gibt es für ihn Grenzen, Dinge, über die er nicht schreiben würde?
Hans Thiers nickt.
„Es gibt natürlich Grenzen:
Man sollte niemals Täterwissen preisgeben, Täterwissen wie eine kriminalistische Spur behandeln, also am besten immer erst über Dinge schreiben, wenn die Fälle geklärt und abgeschlossen sind.
Und wenn eine Tat auch nach Jahren noch nicht geklärt ist, dann gilt dieser Grundsatz um so mehr.
Außerdem sollte man Klarnamen nur mit dem Einverständnis der Bertroffenen oder ihrer Familien veröffentlichen.“

 

Der Erfolg spricht für sich

Auf die Frage, ob sich die Einstellungen zu einigen Fällen im Laufe der Jahre ändert, überlegt Hans Thiers kurz und sagt dann:
„Für mich war mein Beruf tatsächlich eine Berufung.
Ich haben alles dafür gegeben und war gut darin, was ich – denke ich – auchvon meinen Kollegen sagen kann.
Unsere Spezialkommissionen haben hohes Ansehen genossen, und wir hatten eine Aufklärungsrate von 98 Prozent.
Das war eine starke Kollektivleistung aller Kriminalisten und Volkspolizisten.
Der Erfolg spricht für sich.
Ich wüsste nicht, was ich daran anders sehen soll.“

 

Zwei ungelöste Fälle lassen ihn nicht los

Und gibt es noch Fälle, die ihn nach all den Jahren noch reizen?
„Zwei Fälle gibt es, die mich im Augenblick ganz besonders beschäftigen“, gibt der Kriminalist zu.
„Da ist der Fall Michaela Wagner aus Gera, die seit 1983 vermisst wird.
Wir wissen, dass sie mit einem jungen Mann mitgegangen ist, aber unsere Ermittlungen haben seit dem nichts Geifbares ergeben.
Der Fall lässt mich nicht los.

Und da ist die Geschichte der Vermissten Ines Heider aus Hermsdorf, die am 4. Januar 1990 mittags in Hermsdorf verschwand.
Dazu hatte ich schon Mitte 1990 einen Auftritt bei ‚Kripo live‘, und eine Fensehfirma aus Kassel produziert demnächst einen Beitrag mit mir und weiteren Probanden für den Sender ZDF-Info.
Wir erhoffen uns eventuell weitere Hinweise!“

 

Man gibt die Hoffnung nie auf,
dass doch noch ein ungelöster Fall aufgeklärt wird

Und dann sagt Hans Thiers etwas, was wahrscheinlich der größte Antrieb für all seien Bücher ist:
„Man gibt nie die Hoffnung auf, dass auch nach so vielen Jahren vielleicht doch noch jemand einen entscheidenden Hinweis zu diesem oder einem anderen Fall gibt – und eine schreckliche Tat doch noch aufgeklärt werden kann.“

Daniel Dreckmann

 

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