15. September 2017
Kultur

Vom Singen, von Sehnsucht und vom Suchen

Björn Casapietra im Interview vor seinen Thüringen-Auftritten

Björn Casapietras sechstes  Studioalbum „Un Amore Italiano“ startete im vergangenen Jahr erfolgreich in den TOP 5 der deutschen Classic-Charts. Eine Auswahl der beliebtesten Lieder dieses Albums hat er auch für die diesjährige Tournee „Lieder der Sehnsucht“ ins Repertoire genommen. Dazu gibt es alte italienische und spanische Volkslieder wie auch altes deutsches Volksliedergut. Freuen darf man sich auch auf ein Wiederhören mit seinen schönsten Liedern der vergangenen Jahre und weitere musikalische Leckerbissen. Der 47-jährige Tenor vor seinen Auftritten in Thüringen im Interview:

Ihnen wird eine wunderschöne Stimme bescheinigt, sie ist stark, ausdrucksvoll und wandlungsfähig, heißt es. Wird die mit den Jahren sogar immer besser?

Das ist tatsächlich so bei den klassischen Sängern. Jeder, der sich mit Tenören wie Pavarotti oder Bocelli auskennt, weiß, dass  durch viel Singen – technisch gutes Singen – die Stimme lange jung und frisch bleibt. Ja, auch meine Stimme ist gereift, sie ist weicher geworden. Inzwischen weiß ich recht gut, wie ich mit ihr umgehe, sie nicht mehr unter Druck setzen muss. Ich bin ganz glücklich, auch mit der aktuellen Tournee, mehr geht fast gar nicht. Ich möchte die Menschen in Gotha, in Erfurt, an den anderen Orten erreichen, ihre Seelen berühren.


“Lieder der Sehnsucht“ heißt die Tournee. Lässt sich Sehnsucht am besten mit Musik ausdrücken?

Ja, das tut sie. Musik mit guten Texten, ich singe auch viel deutsch.. So ein Lied wie  „Am Brunnen vor dem Tore“ ist das deutsche Sehnsuchtslied überhaupt. Die Mischung aus Musik und wunderschönen Texten macht am Ende die Sehnsucht aus. Auch andere Texte sind von einer unfassbaren Schönheit und Anmut. Wenn sich das dann mit Musik vereint, kann man Sehnsucht direkt spüren. Im positiven Sinne. „Lieder der Sehnsucht“ ist kein melancholisches Programm, im Gegenteil, es ist
temperamentvoll und lebensbejahend.


Sie möchten, dass die Zuschauer innehalten, die Musik genießen, daraus Kraft schöpfen. Dabei sprechen Sie auch davon, dass Hoffnung Trauer verdrängt, Liebe Verzweiflung besiegt. Gelingt das so einfach?

Ich glaube daran, dass ich als Sänger eine Aufgabe haben. Nicht nur schön zu singen und den Leuten nette Stunden zu bereiten. Sondern auch, die Welt ein klein wenig besser zu machen, unsere Welt, unser Land, die Menschen. Das kann ich nur, indem ich mir – pardon – den Arsch aufreiße und so singe, dass ich die Menschen begeistere. Sie sollen spüren, dass ich das, was ich da tue, liebe. In dem Moment sind sie bei mir, gehen mit, denken vielleicht noch eine Weile daran. Dann geht es ihnen besser. Vor kurzem hat eine Frau beim
„Ave Maria“ bitterlich geweint. Das werde ich nie vergessen. Später hat sie mir
dann gesagt, dass ich sie damit so sehr berührt habe. Das ist das Schönste, was man einem Sänger sagen kann. Und vor allem – in dem Moment war die Frau glücklich. Trotz der Tränen. Nicht alle Tränen sind von Übel.


Ihre Art zu singen kommt vor allem bei der Damenwelt gut an, 80 Prozent Ihrer Fans sind weiblich…

Inzwischen kommen auch immer mehr Männer in meine Konzerte, die stehen dann eher auf die anderen Lieder. Das weibliche Publikum liebt eher die sanften, weichen Songs, die Männer mögen es, wenn ich laut schmettere, die große Stimme raushole. Das ist in Ordnung, ich möchte ja beide erreichen.


Ihre Mutter ist Italienerin, der Vater war Deutscher: Wie viel Sachse, wie viel Italieniener steckt in Ihnen?

Der Sachse ist durchaus ein italienischer Typus. Die Sachsen haben mehr mit Italien zu tun als andere Deutsche. „Sing mei Sachse, sing“ kommt nicht von ungefähr. Diese Lebensfreude, diese Offenheit, dass sie Humor haben, Ironie und auch Sarkasmus beherrschen – dass macht sie den Italienern ähnlich. Überhaupt spielt in meinen Konzerten Humor eine große Rolle.Ich singe nicht nur, sondern erzähle auch einiges, mache viel mit Augenzwinkern. Ich möchte, dass mein Publikum lacht. So werden sie offener, zum Beispiel auch mal für ein wunderschönes, aber unbekanntes schottisches Volkslied. Es wird kein verstaubter Abend, alles soll Spaß machen, fröhlich sein.


Man hat Sie auch schon als Schauspieler und Moderator erlebt. Gibt es noch etwas, worin Sie sich gern ausprobieren möchten?

Im Moment denke ich darüber gar nicht nach. Eher daran, dass ich mich nach den vergangenen desaströsen Jahren in meinem Privatleben auch gern
einmal wieder irgendwo zu Hause fühlen möchte. Ich suche nicht. Aber man darf schon wissen, dass ich durchaus wieder zu haben bin, nachdem ich die Scheidung hinter mir habe und der ganze Alptraum vorbei ist. Ich habe eine Tochter, die bei mir wohnt. Mit ihr bin ich sehr viel zusammen, sie ist ein Engel auf Erden. Aber ich würde gern noch einmal eine Familie haben. Und ja, manchmal gucke ich schon bei meinen Konzerten, ob da in den ersten Reihen jemand sitzt, der sich berührt fühlt von meinen Gedanken und auch mir gefällt… Ich wünsche mir einen lieben Menschen in meinem Leben.


Ihr größter Traum?

Das ist tatsächlich, eine Frau kennenzulernen, die normal ist, offen ist, die Lust
hat, glücklich zu sein und eine Familie zu gründen. Eine, die selbstbewusst ist
und mit beiden Beinen im Leben steht.


Sind Sie eher der rastlose, umherreisende Typ oder wird man Sie eines Tages im festen Engagement auf der Bühne eines Hauses sehen?

So eine feste Bühne ist nicht meins. In letzter Zeit habe ich so einen Leidenschaft fürs Schreiben entwickelt. Ich habe jetzt schon einige Artikel für die „BZ am Sonntag“ geschrieben, da geht es um jüdisches Leben in Berlin, das ist ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt. Ich kann mir sogar vorstellen, ein Buch zu schreiben. Über mein Leben, meine Kindheit, meine Mutter, meinen Vater. Das wäre eine große Aufgabe.


Was verbindet Sie mit Thüringen?

Eine Liebe und ein Publikum, das hier einzigartig ist. Ganz anders als in Meck-Pomm, Sachsen oder Sachsen-Anhalt. Ich bin nicht umsonst so viel in Thüringen, wir sind hier mit Abstand am häufigsten. Hier habe ich immer wieder so ein Wow-Gefühl – mit einem Publikum, das Sinn für Humor hat, das offen ist, das mich versteht. Irgendwie sprechen wir eine Sprache. Jedes einzelne Thüringen-Konzert habe ich in Erinnerung, wie an einem warmen Kaminofen zu sitzen. Da bin ich zu Hause, das werde ich verstanden.


Wo sehen Sie sich mit 50?

Ich möchte noch ein Baby im Arm halten und es hin- und herschaukeln. Und ansonsten bin ich sehr glücklich, wenn ich weiter Tourneen machen und Konzerte geben kann. Da bin ich in meinem Element. Ich möchte auch ein Weihnachtsalbum machen, das ist noch einer meiner Träume.



Casapietra in Thüringen:



“Lieder der Sehnsucht“:

23. September, 19 Uhr Margarethenkirche Gotha (Tickets: 01806
570070, 03621 302915);

11. November, 19 Uhr St.Nicolai Kirche in Bad Blankenburg
(036741 2971 und 036741 2771).


Weihnachtskonzerte:

27. November, Thomaskirche Erfurt (0361 6640100);

16. Dezember Marienglashöhle Friedrichroda (03623
33200).

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