9. Februar 2022
Landkreis Greiz

Introvertiert versiert

Greizerin hat Verlag für Introvertierte im Berufsleben gegründet

Ricarda Colditz zeigt das erste Buch ihres Verlages. (Foto: G. Zeuner)

Die Greizerin Ricarda Colditz hat voriges Jahr einen Verlag gegründet, in dem sie Bücher für introvertierte Menschen publiziert. AA-Redakteur Gerd Zeuner sprach mit der 43-Jährigen:

Weshalb haben Sie einen eigenen Verlag gegründet?

Ich hatte mich als staatlich geprüfte Übersetzerin für Englisch und Deutsch vor über zehn Jahren selbstständig gemacht. Als solche habe ich einige Bücher übersetzt. Das hat mir Freude bereitet, allerdings nicht so richtig erfüllt. Ich hatte das Gefühl, dass ich nichts Bedeutungsvolles tue. Dann stieß ich auf das Buch „The Introvert’s Edge to Networking“ von Matthew Pollard. Das wollte ich unbedingt übersetzen. Nicht nur, weil es mich persönlich interessierte, sondern weil ich feststellte, dass es über das Thema Introvertierte im Berufsleben kaum deutsche Literatur gibt. Allerdings fand ich dafür keinen Verleger.

Also war das Buch von Matthew Pollard sozusagen die Initialzündung für Ihre Verlagsgründung?

Das kann man so sagen. Bei einem Leitungskongress in den USA kam ich vor einigen Jahren mit Vertretern des sehr großen amerikanischen Verlags HarperCollins ins Gespräch. Ich stellte mich als Übersetzerin vor und überreichte meine Visitenkarte. So landete ich auf einer E-Mail-Verteilerliste für Verlage in Europa, welche jeweils über die Neuerscheinungen noch vor dem Veröffentlichungsdatum informiert. Auf diese Weise kann man das Manuskript anfordern und prüfen, ob sich eine Übersetzung in die eigene Sprache lohnt. Ich erhielt somit im November 2020 das Manuskript für „The Introvert’s Edge to Networking“, das im Original erst im Januar 2021 erschien. Es war brandaktuell, und ich war so begeistert vom Inhalt des Buches, dass ich mit dem Autor und dem Verlag Kontakt aufnahm.

Wie kam der Kontakt zustande?

Ich schrieb E-Mails an den Autor, vernetzte mich auf LinkedIn, füllte das Kontaktformular auf seiner Webseite aus, schrieb parallel an den Verlag. Ich blieb hartnäckig und habe ihn schließlich mit seiner eigenen Strategie des richtigen Follow Ups, die er in dem Buch beschreibt, überzeugt. Eines Nachts klingelte mein Telefon und Matthew wollte wissen, wer denn diese Ricarda sei und warum sie unbedingt sein Buch übersetzen wolle. In diesem Kennenlerngespräch konnte ich ihn überzeugen, und er versprach mir, sich bei HarperCollins für mich einzusetzen, damit sie mir die Übersetzungsrechte zusprechen – natürlich gegen Bezahlung.

Sie haben das Buch dann übersetzt?

Ja, ich durfte es übersetzen und es ist unter dem Titel „Der Pfad der Introvertierten zum Networking“ am 31. Januar dieses Jahres als erste Publikation meines Verlags im Print veröffentlicht. Als E-Book und Hörbuch erschien es bereits am 3. Januar – einen Tag nach dem Internationalen Tag der Introvertierten!

Das erste Buch aus dem Verlag Colditz.

Was zeichnet das Buch aus? 

Der Weg zum Erfolg sieht für Introvertierte nicht so aus wie der für Extrovertierte. Wir sind anders, und das müssen wir als Vorteil nutzen. Introvertierte sind die besten Netzwerker – wenn sie einem Plan folgen, der sie authentisch bleiben lässt. Matthew Pollard, der selbst introvertiert ist, blickt auf ein ganzes Jahrzehnt Netzwerkforschung und stellt anhand einer Vielzahl reeller Beispiele eine clevere Blaupause für introvertiertes Networking vor.

Wer sollte das Buch lesen?

Jeder, der introvertiert ist – in welcher Ausprägung auch immer – und im Berufsleben steht. Im ersten Kapitel des Buches, das man sich kostenlos über die Webseite herunterladen kann, geht der Autor auf die möglichen Adressaten ein: Ob angestellt und auf der Suche nach einem neuen Job, ob selbstständig oder mit eigener Firma – solange du introvertiert bist, ist das Buch für dich. Matthew erwähnt in einem Beispiel sogar einen Teenager, der sich durch die Aneignung von Matthews Erkenntnissen in der Schule besser integrieren und neue Freunde finden konnte.

In „Der Pfad der Introvertierten zum Networking“ geht es unter anderem darum, seine Leidenschaft hervorzuheben. Was ist Ihre größte Leidenschaft?

Definitiv Sprachen und Bücher. Ich weiß nicht, warum es so lange gedauert hat, bis ich inhaltlich zu dem Thema Introversion gefunden habe. Ich bin ja selbst sehr introvertiert. Aber mit dem Verlag kann ich nun alle drei Punkte verbinden.

Zu Ihren Aufgaben als Verlegerin gehört es, abzuschätzen, ob sich ein englischsprachiges Buch für den deutschen Markt eignet. Auf welche Kriterien achten Sie da besonders?

Also, eine Kristallkugel verwende ich nicht und es gibt immer ein gewisses Risiko, da man nur schwer voraussagen kann, wie das deutschsprachige Publikum ein amerikanisches Buch beurteilt. Ich verlasse mich da ein bisschen auf mein Bauchgefühl, welche Bücher ich selbst spannend finde und was gerade aktuell ist. Allerdings prüfe ich auch, wie erfolgreich die Autoren im eigenen Land sind, wie oft das Buch bereits in andere Sprachen übersetzt wurde und ob die Chemie für eine engere Zusammenarbeit stimmt.

Das Motto Ihres Verlags ist „Introvertiert versiert im Business“. Weshalb?

In meinem beruflichen Werdegang als Angestellte habe ich es häufig erlebt, dass extrovertierte Selbstdarsteller versuchen, sich lautstark in den Vordergrund zu spielen. Denn im Berufsleben wird immer noch viel zu oft davon ausgegangen, dass Erfolg von der Begabung abhängt, wie ein Wasserfall reden zu können. Doch Fakt ist: Man musst nicht extrem kontaktfreudig sein, um erfolgreich zu sein. Man muss auch kein Selbstdarsteller werden. Genau genommen muss man nicht einmal den Extrovertierten nacheifern. Denn Introvertierte sind nicht unbegabter als ihre Kollegen, können sich oftmals aber nicht so gut „verkaufen“. Mit den Büchern aus meinem Verlag möchte ich Introvertierten Hilfestellungen geben, wie man im Berufsleben besser voran kommt, wie man Kontakte knüpft und letztendlich im Job zufriedener ist.

Was wird Ihr Verlag als nächstes Buch veröffentlichen?

Zur Zeit übersetze ich „The Introvert’s Edge: How the Quiet and Shy Can Outsell Anyone“ von Matthew Pollard, das als „Der Pfad der Introvertierten zum Verkaufen“ im Herbst, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse im Oktober erscheinen soll.

Wird Ihr Verlag ausschließlich Übersetzungen anbieten oder in Zukunft auch Manuskripte von deutschsprachigen Autoren annehmen?

Langfristig gesehen kann ich mir schon vorstellen, auch deutsche Manuskripte zu veröffentlichen, die ich nicht erst übersetzen muss. Aber gerade, was das Thema Introversion angeht, ist die englischsprachige Welt uns in Deutschland so weit voraus, dass ich bereits eine Vielzahl anderer Autorinnen und Autoren kennengelernt habe, woraus sich spannende Übersetzungsprojekte ergeben könnten.

Was ist Ihr persönlicher Tipp für Introvertierte, die im Berufsleben unglücklich sind?

Zunächst sollte man der Ursache auf den Grund gehen, warum man unglücklich ist. Sind es die Räumlichkeiten, wie ein lautes Großraumbüro mit vielen Kollegen? Ist der Job selbst nicht erfüllend genug und man sollte sich nach einer anderen Tätigkeit umsehen? Vielleicht hilft es schon, seinem Team zu erklären, dass man introvertiert bist, und was genau das für einen selbst und sein Arbeitsumfeld bedeutet. Oder man ist selbstständig, aber nicht so richtig erfolgreich, weil einem die leise Art ausbremst? Dann sollte man sich auch damit beschäftigen, wie man sich auf deine Stärken konzentrieren kannst. Das Buch von Matthew wäre hierfür perfekt.

Kontakt und weitere Info: verlag-colditz.de

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