Die widerspenstige neue Heimat - meinanzeiger.de
23. Oktober 2020
Leute

Die widerspenstige neue Heimat

Carsten Schulz (r.) gratuliert Agron Jashari bei seiner Gesellenfreisprechung am 24. September 2020 in Fürstenwalde. Der Weg hierhin kostete viel Kraft. Foto: Jashari

Der harte Kampf darum,
dass ein vorbildlicher junger Mann hier leben und arbeiten darf

Carsten Schulz, der Inhaber von Reifen Schulze in Schmölln, ist stolz auf seinen ausgelernten Azubi.
Kein Wunder, ist der doch Landessieger des Freistaates Thüringen beim Wettbewerb der Kfz-Berufe in der Sparte Vulkanisationstechnik.
Er darf jetzt zum Bundesausscheid antreten.

 

Engagiert, pünktlich, freundlich

„Agron hat alles, was man sich als Arbeitgeber nur wünschen kann.
Er ist engagiert, pünktlich, freundlich – und vor allem sehr, sehr fleißig“, gerät Carsten Schulz geradezu ins Schwärmen. „Ich sage manchmal gern überspitzt:
Alle Tugenden, die wir Deutschen einmal hatten, die hat er noch.“

 

Ständige Sorge um den Aufenthaltstitel

Und genau da liegt das Problem.
Agron Jashari – „Baujahr 1994“, wie Carsten Schulz scherzhaft sagt –  stammt aus dem Kosovo.
Kann er nicht ständig eine Beschäftigung vorweisen, endet sein Aufenthaltsstatus augenblicklich, und er ist von der Abschiebung bedroht.
Was das für einen Menschen bedeutet – und für seinen Arbeitgeber – das hat Carsten Schulz  hautnah mitbekommen.

 

Engagement, das beeindruckt

„Agron tauchte 2017 eines Tages bei uns in der Werkstatt auf und fragte nach einer Ausbildungsstelle.
Es sprach nichts dagegen, also habe einfach mal ‚Ja‘ gesagt“, erinnert sich der Firmen-Inhaber.
„Da ist der Junge sofort nach Hause gefahren und hat noch am selben Tag seine Bewerbung mit allen Unterlagen vorbeigebracht.
Das hat mich beeindruckt.“

 

Böse Briefe und Hilfe von der Handwerkskammer

Die Probleme ließen nicht lange auf sich warten.
Agron Jashari besuchte die Johann-Friedrich-Pierer-Schule, das Berufliche Ausbildungszentrum in Altenburg.
Seine Ausbildung dort endete im Juni 2017.
Die Ausbildung in Schmölln sollte erst am 1. August beginnen.
„Da habe ich zum ersten Mal mitbekommen, was diese Menschen für Briefe vom Landratsamt geschickt bekommen, in denen ihnen mit Abschiebehaft gedroht wird.
Da bekommt man richtig Angst.“, schildert Carsten Schulz.

Mit Hilfe der Handwerkskammer Gera sowie des Arbeitsamtes organisierte man ein vierwöchiges „ausbildungsvorbereitendes Praktikum“, mit dem die Zeit überbrückt werden konnte.

 

Nur Einsen und eine Zwei

Sein erstes Lehrjahr  schloss Agron Jashari in Gera ab.
Dann folgte die Spezialisierung auf Vulkanisationstechnik an der Berufsschule in Fürstenwalde bei Frankfurt/Oder, „der letzten Berufsschule für Vulkaniseure, die wir in Deutschland haben“, schimpft Carsten Schulz leise.

Manchmal hat er sich Gedanken gemacht, weil das doch eine Doppelbelastung sein muss, in zwei Sprachen – Deutsch und Albanisch – zu denken.
Und die vielen Fachbegriffe dazu.

Er wollte schon sicherheitshalber eine Nachhilfe für seinen Schützling organisieren, doch das war nicht nötig, wie ihm die Lehrer versicherten.
„Agron hat nur Einsen auf dem Zeugnis und eine einzige Zwei. Sein Klassenlehrer meinte, so einen habe er noch nie am Tisch gehabt“, erzählt Carsten Schulz stolz.

 

Und wieder ein zähes Ringen

Doch die Freude währt nicht lange.
Mit dem Abschluss der Gesellenprüfung kommen wieder die bösen Briefe des Landratsamtes und die Androhung von Abschiebung und Ausweisung.
Die Handwerkskammer Gera holte auf das Flehen von Carsten Schulz hin, man könne ihm doch so einen Spitzen-Mann nicht einfach so wegnehmen, extra einen Experten für Ausländerrecht aus dem Urlaub.

„Der war natürlich ganz und gar nicht begeistert, aber er hat sich des Falls angenommen und tatsächlich erreicht, dass Agrons Aufenthaltsstatus um zwei Jahre verlängert wurde“, schildert der Firmen-Chef.

 

Man muss immer den Einzelfall sehen

Carsten Schulz ist zufrieden – und ein Stück weit verändert.
„Mich ärgert, dass es bei der Behandlung von Ausländern keine Einzelfallbehandlung gibt.
Wenn jemand wie Agron und seine gesamte Familie hier lebt und immer arbeitet, dann kann man solche Menschen nicht mit denen über einen Kamm scheren, die nichts tun wollen und die Hand aufhalten.

 

Viele schlaflose Nächte

Wenn wir hilfsbereiten, offenen Menschen, die sich bei uns einbringen wollen – Steine in den Weg legen, verwehren wir die dringend benötigte Unterstützung im Handwerk uns selbst.
Mir hat das viele schlaflose Nächte bereitet.“ 

Daniel Dreckmann

 

In der Ostthüringer Zeitung im Raum Schmölln erscheint an diesem Samstag, 24. Oktober, eine Sonderbeilage mit dem Titel „Leben in und um Schmölln“ mit vielen interessanten Geschichten und Berichten.

Auch interessant