Geidel wirft das Handtuch - meinanzeiger.de
10. Juni 2013
Nordhausen

Geidel wirft das Handtuch

Zwanzig Jahre lang war Mathias Geidel mit dem Nordhäuser Boxsport eng verbunden. Er war der Macher zahlreicher unvergesslicher Boxnächte

Zwanzig Jahre lang war Mathias Geidel mit dem Nordhäuser Boxsport eng verbunden. Er war der Macher zahlreicher unvergesslicher Boxnächte


Leiter der NSV-Boxabteilung macht Schluss und steigt nach Bleicheröder Boxnacht aus



NORDHAUSEN. „Wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören. Bei der Sportlerwahl 2012 im Landkreis Nordhausen haben wir das Triple geschafft, wurden Sportler, Trainer und Mannschaft des Jahres. Das gab es vorher noch nie! – Deshalb betrachte ich dieses Votum von Sportfunktionären, -freunden und Journalisten als höchste Ehrerbietung gegenüber dem Nordhäuser Boxsport und gleichzeitig als Höhepunkt meiner Karriere als Box-Abteilungsleiter beim NSV“, sagte Mathias Geidel. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt aufzuhören. Dann, wenn es am schönsten ist.“

Der Triumph über die sportlichen Erfolge kann größer nicht sein. Seit rund 20 Jahren hat sich Mathias Geidel der Boxabteilung verschrieben und an der Erfolgsgeschichte des Boxens in Nordhausen mitgeschrieben: als einer der Hauptakteure.

Maik Koudele, der frühere Nordhäuser Superboxer und letzte deutsche Henri-Maske-Bezwinger, hatte seinen Freund Mathias einst mit zum Training genommen. Kurz nach der Wende drohte der Boxsport Opfer des politischen Umschwungs, seiner Irrungen und Wirrungen zu werden. Fußballspielen und ein wenig rumbolzen hielt die letzten Leutchen in der Gemeinschaft, nachdem die BSG Aktivist aufgelöst war und der einstige Hauptträger – VEB Schachtbau Nordhausen – selbst ums Überleben kämpfte. „Nach und nach kamen doch wieder Leute zurück. Wir sahen Licht am Horizont und ich blieb dabei, fing Feuer und machte den Trainerschein“, erzählt der heute 45-jährige Geidel. Als Trainer arbeitete er nie, doch er hatte den Profiblick für die Stärken und Schwächen der Jungs im Ring. Und er hatte das goldene Händchen fürs Managen und Organisieren. Deshalb wählte ihn die Abteilung Boxen im Nordhäuser Sportverein vor zehn Jahren zu ihrem Chef.

Kometenhaft marschierten die Boxer im NSV-Trikot von der Thüringenliga durch die Oberliga weiter hinauf in die 2. und 1. Bundesliga. Aus kleineren Boxwettkämpfen wurden sensationelle Boxnächte, die nicht nur bei den Nordhäusern, sondern inzwischen bei Boxfans aus ganz Nordthüringen zu Höhepunkten mit dem gewissen Etwas avancierten. 1000 Mann in der Halle – weniger sind’s nie. Das Publikum wird zur dritten Faust für die Männer im Ring, trägt sie in kritischen Situationen mit ihren Anfeuerungsrufen zum Sieg. Und immer sitzt ein Mann am Ring, der aufgeregter ist als alle anderen: Mathias Geidel. Er fiebert mit, er leidet mit und er freut sich mit. Und dennoch ist er immer bescheiden, will kein Lob und schon gar keine Huldigung.

Ihm, dem stillen Macher, muss das skandalöse Verhalten des Deutschen Boxverbandes seit dem finalen Kampf um die Deutsche Meisterschaft am 23. Februar wie ein Faustschlag unter die Gürtellinie anmuten. Den Nordhäusern wird seitdem der Vizemeistertitel vorenthalten. Auch in der Saison 2011/12 gab es einige umstrittene Entscheidungen des DBV, die an Sportlichkeit und Fairness zweifeln ließen. „Das alles hat sehr an meinen Kräften und an meiner Auffassung von ehrlichem fairen Amateursport gezehrt. Es ist inzwischen nicht nur ein Kampf im Ring, sondern mehr noch hinter den Kulissen“, resümierte Geidel ernüchtert. Deshalb ist für ihn nun Schluss.

Doch auf die traditionelle Boxnacht zum Bleicheröder Bergmannsfest am 4. Juli freut sich Mathias Geidel sehr. Klar wird er sie noch organisieren. Und er wird noch einmal die Atmosphäre genießen, mit der Sportler und Fans den Ring in einen faszinierenden Zauber hüllen. Eben typisch NSV-Boxnacht!

Wie steht es um die Geidel-Nachfolge?
Ende Juni tagt die Abteilung Boxen und wählt eine neue Leitung. Die wird dann unter sich den Chef ausmachen.

Und was wünscht sich Mathias Geidel für die Zukunft?

„Privat, dass meine Familie und ich gesund bleiben und wir künftig mehr unsere Freizeit genießen können. Sportlich wünsche ich mir, dass es mit dem NSV-Boxen in der 1. Bundesliga erfolgreich weitergeht und die Sponsoren weiter am Ball bleiben.“

Was war das schönste Erlebnis in 20 Box-Jahren?
„Unser sensationeller 13:10-Sieg am 18. Februar 2012 hier zu Hause über den bis dato zehnfachen Deutschen Meister BC Velbert. Leider hat’s dann am 25. Februar beim Rückkampf in Velbert nicht gereicht. Ein einziger Treffer entschied damals über Sieg und Niederlage und letztlich sogar über den Titel des Deutschen Meisters. Glück und Trauer lagen ganz dicht beisammen. Das vergesse ich nie!“

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