Ein neues Kleid für Siedi - meinanzeiger.de
22. Januar 2018
Nordhausen

Ein neues Kleid für Siedi

Mitstreiter des IFA-Museums retten Nordhäuser Rangierlok "H2"

Wilfried Geiger gibt der Rangierlok H 2

Wilfried Geiger gibt der Rangierlok H 2

Dass sie in der Schweiz jahrzehntelang Milch zur Siederei transportierte, brachte ihr den Kosenamen „Siedi“ ein. Jetzt ist die Ragierlok H2 (Baujahr 1927) über verschlungene Wege an ihren Geburtsort Nordhausen zurückgekehrt – und erhält ihr einstiges Antlitz wieder.

Am Anfang war das Versprechen. „Wenn ihr diese Lok optisch in den Originalzu­stand versetzt, dann schenken wir sie euch.“ ­Wilfried Geiger hat die Worte des Schweizer Sammlers noch im Ohr. Es war ein unglaubliches Angebot, aber auch eine Wahnsinnsaufgabe. „Nichts am Führerhaus und der Motor­verkleidung stammte noch aus dem Baujahr 1927 – aus der Zeit, als die Rangier­lok vom Typ H2 das Werk Orenstein & Koppel in Nordhausen verließ“, erzählt der 74-Jährige. Mehr als 30 Jahre war die Benzol-Lok für ihren ersten Besitzer – die Berner Alpenmilchgesellschaft – im Einsatz.  Dann wurde sie weiterverkauft und irgendwer hat der Maschine in den 80er-Jahren einen zeitgemäßen Aufbau verpasst. Wollte man den alten Charme wieder herstellen, musste also eine komplett neue Hülle nach historischem Vorbild gebaut werden.

Wer sonst sollte das hinbekommen, wenn nicht die engagierten Mitstreiter des IFA-Museums in Nordhausen? Sie beschäftigen sich seit zehn Jahren mit der Geschichte des hiesigen Motorenbaus, bringen Exponate für ihr Museum auf Vordermann. Wilfried Geiger, selbst ehemaliger Ifaraner und im Vorstand des Museumsvereins, setzt kurzerhand den Hut auf und legt los.
„Es gibt nur alte, schlechte Abbildungen von der H2, darum studierte ich das Prinzip an den Vorgängerloks“, schildert der Technologe, wie er vor gut einem Jahr mit dem Projekt begann.

Oberflächliche Lösungen gibt‘s bei ihm nicht. Er setzt sich an den Computer, zeichnet, rechnet, konstruiert. „­Früher waren die Schrauben flach, also werden die neuen abgeschliffen. Früher hatten die Fenster feine Rahmen, also bekommen sie welche.“ Es sind die Feinheiten, die der Fachmann sieht.
„Ohne die Hilfe unserer ­Vereinsfreunde, der Schlosser der AGH und einer blechverarbeitenden Firma wäre das Projekt aber nie zu schaffen“, möchte er die vielen Helfer erwähnt wissen. Noch eine Menge Arbeitsstunden liegen vor ihnen. Doch jeder Baufortschritt verschafft ein unglaubliches Gefühl. „Als wir im Dezember das per Laser geschnittene Dach aufsetzten und alles passte, war das so ein glücklicher Moment“, erzählt Wilfried Geiger. Er ist sich sicher: Das Versprechen, das längst auch schriftlich bekräftigt wurde, wird noch in diesem Jahr eingelöst.

Hintergrund: Etwa 11 000 Motor­lokomotiven verließen zwischen 1907 und 1942 das Nordhäuser Werk Orenstein & Koppel, Abteilung Montania. Die Schweizer Familie Wymann überließ dem IFA-Museum Nordhausen aus ihrem Privatmuseum drei Loks als Leihgabe – eine RL 1c, eine L 308 und RL 4. Die Lok H 2 wird dem IFA-Museum nach der Wiederherstellung geschenkt.

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