Die Zukunft liegt im Handwerk - meinanzeiger.de
25. September 2020
Ratgeber

Die Zukunft liegt im Handwerk

Bereut hat er seine Entscheidung nicht: Studienaussteiger Robert Gloria geht seinen Weg im Backhandwerk. Foto: Handwerkskammer Erfurt

Im Gespräch mit Stefan Lobenstein, Präsident der Handwerkskammer Erfurt, rät dieser, einen Handwerksberuf zu ergreifen

 

Es gibt Jugendliche, die schon zu Schulzeiten ganz genau wissen, was sie einmal werden wollen und die ganz zielgerichtet darauf hinarbeiten. Und dann gibt es Jugendliche – wahrscheinlich die Mehrheit – die ist sich gar nicht so sicher, welchen Beruf sie ergreifen sollen, zumal sich die Arbeitswelt ständig verändert. Aber wie findet man einen Beruf, der Zukunft hat?
Bei der Vielfalt an Ausbildungsberufen kann die Orientierung und Entscheidung durchaus schwer fallen – erst recht, wenn man noch keine eigene Präferenz festgelegt hat.
Wer auf seine Zukunft bauen will, dem rate ich, einen der 130 Handwerksberufe zu erlernen.

Handwerker werden immer gebraucht

In kaum einem anderen Bereich ist die Zukunft so greifbar wie im Handwerk – und das wird sich auch nicht ändern. Handwerker werden immer gebraucht, vor allem im Bauhauptgewerbe, im Ausbaugewerbe sowie im Lebensmittelhandwerk.

Die beste Garantie und eine Art „Jobversicherung“ ist der Meisterbrief.
Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Handwerksmeister seltener arbeitssuchend sind als Akademiker.

Frühzeitig aktiv werden

Grundsätzlich rate ich allen jungen Menschen, die Angebote zur Berufsorientierung an ihren Schulen frühzeitig wahrzunehmen.
Darüber hinaus kann man sich auf regionalen Ausbildungs- und Berufsmessen informieren und mit Ausbildungsbetrieben in Kontakt treten.

Wer sich bereits für einen bestimmten Berufszweig interessiert, sollte sich in einem Praktikum ausprobieren.

 

Beste Aussichten

Haben Sie einen Tipp, welche Berufe im Handwerk in den nächsten Jahren besonders gefragt sein werden?
Alle 130 Handwerksberufe haben beste Zukunftsaussichten, denn alle bieten gute Aufstiegs- und Karrierechancen.
Dazu gehören nicht nur ein guter Verdienst, sondern auch attraktive Karriere- und Fortbildungsmöglichkeiten sowie die Option, später selbst sein eigener Chef sein zu können.

Langfristig finden junge Meister und Gründer in nahezu jedem Beruf gute Perspektiven, weil in den kommenden Jahren viele Betriebe vor der Übergabe stehen und einen Nachfolger suchen werden.

Betriebe haben sich in der Krise behauptet

Die Corona-Krise hat einmal mehr bestätigt, dass das Handwerk unser Land am Laufen hält.
Handwerksbetriebe leisten einen wichtigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der zentralen Infrastruktur und sind damit auch zukünftig unabdingbar.

Nachhaltigkeit, Mobilität, kreatives Wohnen, gesundes Leben, vielfältige Regionen – qualifizierte Handwerker werden gebraucht in allen Bereichen, die die Zukunft Deutschlands bestimmen.

 

Man muss ständig up-to-date bleiben

Früher haben die Menschen häufig in einem Betrieb angefangen und sind dort geblieben bis sie in Rente gingen. Manch einem mag das nicht zusagen und es wird ja heute viel mehr Flexibilität von den Arbeitnehmern erwartet. Muss man sich aber wirklich vollständig von so einem Modell der Beständigkeit verabschieden?
Nein. Auch heutzutage kann man einen erlernten Beruf ein Leben lang ausüben.
Vorausgesetzt man bleibt up-to-date.
Lebenslanges Lernen ist für jede qualifizierte Fachkraft unabdingbar, um mit den aktuellen Entwicklungen mithalten und seine Stellung auf dem Arbeitsmarkt sichern zu können.

Elektroniker sind gute Beispiele

Gut erklären kann man dies am Beispiel des Elektronikers:
Er ist ein traditioneller Beruf.
Durch die fortschreitende Digitalisierung, Globalisierung und den Nachhaltigkeitsaspekt hat sich das Berufsbild über die Jahre gewandelt.
Dank technischer Neuerungen und dem Fortschritt von Smart Home sowie der Vernetzung mit anderen Gewerken erlebt der Elektroniker derzeit eine echte Wiedergeburt, was der Bedarf an Fachkräften zeigt.

Abschließend sei gesagt, dass es aber immer möglich und auch oft sinnvoll ist, bei der Weiterentwicklung im eigenen Beruf flexibel zu bleiben, sich umzuorientieren oder zu spezialisieren.

 

Digitalisierung bietet große, neue Chancen

Die zunehmende Technisierung und Digitalisierung verschiedener Berufszweige verunsichert  einige Menschen hierzulande.  Was ist Ihre Einschätzung, wie „gefährlich“ ist diese Entwicklung, die häufig unter dem Schlagwort  Industrie 4.0 zusammengefasst wird? Und bieten sich dadurch auch neue Chancen?
Digitalisierung spielt sich nicht nur in den Hallen der Industrie ab.
Auch für die hiesige Handwerkswirtschaft steckt die Digitalisierung der Arbeitswelt voller Chancen!

Individualisierung und neue Möglichkeiten

Im Mittelpunkt steht hier die Entwicklung neuer Verfahren und Technologien, die Handwerksbetrieben mehr Individualisierung ihrer Produkte ermöglichen, Arbeitsprozesse schlanker gestalten, individuelle Kreativität und Problemlösungskompetenz steigern können.
Hier seien 3D-Technologien, Drohnen und Roboter genannt, die sich bereits bis in die Lebensmittelgewerke verbreiten.

Größere Felxibilität und Mobilität

Weiterhin bieten mobile Endgeräte mit entsprechenden Softwarelösungen und Applikationen eine große Chance für Handwerksbetriebe: Mit ihnen lassen sich zum Beispiel Daten beim Kunden vor Ort oder auf der Baustelle erfassen und bearbeiten.

Aber auch die effiziente Gestaltung von Geschäftsprozessen und die Erledigung von internen Verwaltungsaufgaben (digitale Erfassung von Stundenzetteln oder Materialverbrauch) mit wenig Personal gehören dazu.
Nicht zuletzt ermöglicht die Digitalisierung der Geschäftsprozesse auch eine verbesserte Kundenansprache sowie ein bedarfsorientiertes Marketing.
So kann auf die steigenden Kundenbedürfnisse besser eingegangen werden.

Datensicherheit ist eine Grundvoraussetzung

Voraussetzung für all dies ist die Gewährleistung einer hohen Datensicherheit.
Durch eine umfangreiche Vernetzung von Maschinen, Kunden, Lieferanten, Produktions- und Distributionsprozessen entstehen sehr große Datenmengen, die ein Risiko für Unternehmen bergen.
Ein umfassender Datenschutz muss stets gewährleistet werden. Dieser birgt wiederum ein gewisses Kostenrisiko, denn Digitalisierungstechnologien können mit hohen Investitionen für Software, Implementierung und Personal einhergehen.

Interview: Daniel Dreckmann

 

Stefan Lobenstein, der Präsident der Handwerkskammer Erfurt, sieht im Handwerk auch in Zukunft sehr gute Aufstiegs- und Karrierechancen. Foto: Handwerkskammer Erfurt

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