Häusliche Gewalt findet meist im Verborgenen statt - meinanzeiger.de
7. Juli 2020
Ratgeber

Häusliche Gewalt findet meist im Verborgenen statt

Mit Plakaten wie diesem mit der Fernsehmoderatorin Marlene Lufen will der Weiße Ring unter dem Motto "Schweigen macht schutzlos" gegen Häusliche Gewalt mobil machen. Man geht heute davon aus, dass dritte Frau Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt wird. Foto: weisser-ring.de

Laut Statistik werden ein Viertel aller in Deutschland lebenden Frauen Opfer von Häuslicher Gewalt. Jede dritte Frau ist betroffen.

Das Dunkelfeld ist noch viel größer.

„Wir hoffen auf den Mut der Opfer“

Virginie Wolfram, Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS im Saale-Orla-Kreis, ist überzeugt, dass die Häusliche Gewalt in der Quarantänezeit während der Corona-Pandemie zugenommen hat – „auch wenn wir bis jetzt keine steigenden Fallzahlen in Thüringen registrieren.
Aber wir hoffen, dass die Opfer die Möglichkeit und den Mut haben, uns zu kontaktieren“, meint Virginie Wolfram.

 

Es dauert oft Jahre bis zu dem Entschluss, Hilfe zu holen

„Es dauert in der Regel sehr lange, bis betroffene Frauen sich trauen, Hilfe zu holen, oft sogar Jahre.

Darüber zu reden, dass man Opfer Häuslicher oder Sexualisierter Gewalt geworden ist, ist für viele Betroffenen sehr schambehaftet – obwohl das Sprechen darüber so wahnsinnig wichtig ist“, erklärt Virginie Wolfram.

 

Die Spirale der Gewalt und „angenehme Pausen“

„In der Regel erfolgt Häusliche Gewalt nach einem bestimmten Muster bzw. Kreislauf- mit schleichender Dynamik.
In Fachkreisen auch genannt als Gewaltspirale.

Es ist zunächst harmonisch, dann kommen Spannungen von außen und es kommt zu Gewalt.
Danach: Rückzug des Täters*Täterin, Reue auch meist wieder Versöhnung und positive Zuwendung.

Das ist dann etwas Angenehmes, was die Beziehung wieder stabilisiert, bis der Kreislauf oder die Spirale weitergeht.“

 

Täter können meistens gut beeinflussen

„Man darf auch nicht vergessen, dass die meisten Täter sehr gut beeinflussen können, und ihren Opfern das Gefühl vermitteln, ’nichts wert‘ zu sein.

„Selbst schuld“

Viele Opfer reden sich schließlich selbst ein, dass die Täter ja nicht immer böse sind und dass es vielleicht irgendwie doch an ihnen selbst liegt, dass sie so schlecht behandelt werden.

Sich daraus zu lösen fällt vielen schwer“, so die Außenstellenleiterin.

Aussprechen, was passiert ist

„In dieser Situation ist es essentiell, dass betroffene Frauen erzählen, was Ihnen passiert ist.
Der erste Schritt für Betroffene ist, sich überhaupt jemanden anzuvertrauen.

Suchen Sie sich Hilfe – Sie haben das Recht dazu!

Suchen Sie sich Hilfe – Sie haben das Recht dazu!
Das kann z.B. jemand aus dem sozialen Umfeld sein oder kontaktieren Sie Hilfetelefone oder Beratungsstellen.“

 

Auch das Model Stefanie Giesinger unterstützt die Aktion „Schweigen macht schutzlos“, mit der der Weiße Ring gegen Häusliche Gewalt mobil machen möchte. Foto: Viktor Strasse / weisser-ring.de

 

Der WEISSE RING hilft

Der WEISSE RING als größte Opferhilfsorganisation in Deutschland bietet niedrigschwellig und unbürokratisch Hilfe an.

Opfer können sich ganz anonym online (www.weisser-ring.de) oder telefonisch beraten lassen (Opferhilfetelefon 116 006 kostenfrei).

 

In jedem Landkreis eine Außenstelle

In jedem Landkreis gibt es eine Außenstelle, die kostenfrei persönliche Beratung anbietet.

 

Individuelle Hilfe für Frauen und Männer

Da Gewalt gegen Frauen/Männer viele Gesichter und Facetten aufzeigt, sind die Anliegen und Bedürfnisse der Betroffenen genauso unterschiedlich.
Es gibt kein Patentrezept- die Hilfeleistung wird ganz individuell an das Opfer angepasst.

 

Der WEISSE RING als Lotse

Der WEISSE RING fungiert an dieser Stelle als Lotse, der durch das unruhige Wasser navigiert und von Bord geht, wenn sich die See wieder geglättet hat.

 

Emotionaler Beistand und rechtliche Beratung

Für Hilfesuchende bietet der WEISSE RING v.a. emotionalen Beistand, aber auch finanzielle Unterstützung ist je nach Bedarf möglich.
Oft geht es um rechtliche Beratung:
„Wie kann eine Trennung erfolgen in Hinblick auf die finanzielle Situation, Sorgerecht, Wohnrecht usw.?“
An dieser Stelle kann der WEISSE RING mit einem Beratungsscheck für eine anwaltliche Erstberatung unterstützen.

 

Loslösung vom Täter ist ein langwieriger Prozess

In den meisten Fällen steht hinter jeder Kontaktaufnahme ein Prozess.

An dem Punkt der Kontaktaufnahme zu Beratungsstellen ist der Prozess der Loslösung relativ weit.

Doch die erfahrene Helferin weiß, dass es – selbst wenn irgendwann die Hilfemaßnahmen greifen – es noch ein sehr, sehr langer Weg ist für betroffene Frauen ist.

 

Eine Rückkehr zum Täter ist nicht selten – oft sogar mehrfach

„Im Schnitt gehen Opfer drei Mal in die problematische Beziehung zurück, bevor sie den endgültigen Bruch vollziehen können“, so die Expertin.

„Sind Kinder aus der Beziehung entstanden, ist eine komplette Loslösung aufgrund des Sorgerechtes schwierig und für die betroffene Frau oft zermürbend – viel Zeit für die Täter, ihre Opfer zu manipulieren und zurückzugewinnen.

Der emotionale Faktor Liebe spielt ebenfalls eine starke Rolle in Bezug auf Abhängigkeit und Loslösung.“

 

Die Rechte der Opfer wurden gestärkt

In den letzten Jahren hat sich aber viel getan, um die Rechte von Opfern, die in einer Beziehung Gewalt erfahren haben, zu stärken.

„Wer schlägt, der geht!“ – hat Konsequenzen

Während früher die betroffenen Frauen das Haus verlassen mussten, folgt das neue Gewaltschutzgesetz (GewSchG) dem Grundsatz „Wer schlägt, der geht!“.

Das Gericht kann auf Antrag der verletzten Person befristete Abstands- und Kontaktverbote anordnen.

Auch die gemeinsam genutzte Wohnung kann dem Opfer befristet überlassen werden, egal welche Eigentumsverhältnisse vorherrschen.

„Es geht darum, den Betroffenen Zeit zu verschaffen, sich zu sortieren und Hilfe zu holen“, sagt Virginie Wolfram.

 

Die Aktion „Schweigen macht schutzlos“

Mindestens so wichtig wie die Entscheidung der Opfer, sich zu wehren, ist aber die Aufmerksamkeit und Sensibilisierung, Gewalt zu erkennen und Hilfe zu holen.

Darauf will auch die aktuelle Kampagne des WEISSEN RINGS „Schweigen macht schutzlos“ aufmerksam machen.

Unter diesem Motto erheben prominente Frauen in einer bundesweiten Kampagne ihre Stimme gegen häusliche Gewalt.

 

#machdichlaut

Die teilnehmenden Prominenten und weitere Influencer wollen zudem mit dem Spot unter dem Hashtag #machdichlaut das Internet regelrecht fluten.

Großflächige Fotos, auf denen die Frauen einen Mund-Nasen-Schutz tragen mit dem Aufdruck „Schweigen macht schutzlos“, werden außerdem auf digitalen Plakatwänden in zahlreichen deutschen Städten zu sehen sein.

 

Suchen Sie Hilfe auf – hier!

In jedem Landkreis Thüringens gibt es Außenstellen des WEISSEN RINGS, die Sie jederzeit kontaktieren können.

Gern steht Ihnen für weitere Informationen und Kontakte Frau Virginie Wolfram, WEISSER RING Saale-Orla-Kreis zur Verfügung.

Tel.: 0151 – 55164616
E-Mail: wr-saale-orla@web.de
Internet: www.saale-orla-kreis-thueringen.weisser-ring.de
oder www.thueringen.weisser-ring.de 
oder www.weisser-ring.de

 

Quelle: WEISSER RING

 

Mit Plakaten wie diesem mit der Sängerin Mogli will der Weiße Ring unter dem Motto „Schweigen macht schutzlos“ gegen Häusliche Gewalt mobil machen. Man geht heute davon aus, dass dritte Frau Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt wird. Foto: weisser-ring.de

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