26. April 2022
Ratgeber

Saubere Energie aus Gülle

Schlöben im Saale-Holzland-Kreis bezieht seit 2012 seine Energie und Wärme ausschließlich aus der örtlichen Bioenergieanlage – ein vorbildliches Modellprojekt. Foto: Gemeinde Schlöben

Das Bioenergiedorf Schlöben im Saale-Holzland-Kreis ist ein Vorzeigeprojekt und vielleicht ein Beispiel dafür, wie es künftig (zum Teil) gehen könnte

Die Energiepreise ­explodieren und Hans Peter Perschke, der Bürgermeister des Bioenergiedorfes Schlöben im Saale-Holzland-Kreis ist ein gefragter ­Gesprächspartner.
Sein Dorf wird seit 2012 fast ausschließlich durch Biogas mit Energie versorgt.

Lange Überzeugungsarbeit

„Es hat damals fast vier Jahre gedauert, bis wir genug Menschen davon überzeugt hatten, Mitglied in unserer Genossenschaft zu werden und mindestens je vier ­Anteile zu je 500 Euro zu ­erwerben“, sagt Hans Peter Perscke und fügt mit einem Lächeln hinzu:
„Heute wollen viele, die damals zögerten, gerne nachträglich rein.“

Eigenes Nahwärmenetz

Es mussten neue Leitungen verlegt werden, ein ganz eigenes Nahwärmenetz mit Vor- und Rücklauf, das an die Biogasanlage gekoppelt ist.
Um den Aufwand in Grenzen zu halten, wurden gleichzeitig andere Medien wie ein Glasfasernetz im Ort verlegt.

Biogasanlage versorgt Blockheizkraftwerke –
stromtechnisch mehr als autark

Die Biogasanlage versorgt drei Blockheizkraftwerke mit je 265 kW Leistung und wird vor allem mit Gülle der ­Agrargenossenschaft Wölmisse betrieben.
„Wir versorgen heute 120 Grundstücke und damit etwa 500 Menschen mit Wärme aus der Biogasanlage, dazu die Schule mit 190 Kindern und den Kindergarten mit 65 Kindern plus die ­Gebäude der ­Gemeinde und natürlich die Agrargenossenschaft“, zählt der Bürgermeister stolz auf.
„Stromtechnisch sind wir mehr als autark.
Wir könnten 7000 Menschen mit Strom versorgen – das sind Stadtroda und Schlöben ­zusammen.“

Für die Wärme wird zu Spitzenzeiten im Winter
ein Zusatzkessel genutzt –
im Sommer dafür neue Geschäftszweige

Mit der Wärme sehe es ­allerdings etwas anders aus.
Da bewege man sich in Schlöben derzeit bereits im Grenzbereich.
„Zu Spitzenzeiten im Winter müssen wir einen Zusatzkessel mit Bioabfällen aus der Landschaftspflege und aus den Gärten der Gemeinde in Betrieb nehmen“, gibt Hans Peter Perschke unumwunden zu.
„Dafür nutzen wir die Wärme im Sommer, um Trockenaggregate der Agrargenossenschaft zu betreiben und ­damit Blumensamen, Gras­samen und sämtliche Getreidearten zu trocknen – ein ­Geschäftszweig, der ­ursprünglich nicht im Vordergrund stand.
Aber es geht uns darum, alles – Energie und Rohstoffe – optimal und nachhaltig zu nutzen.“

Es werden nur Gülle, Silage und Bio-Abfälle genutzt –
keine „Vermaisung“

Deshalb ist es dem Bürgermeister wichtig, zu ­betonen, das in der Biogasanlage nur Stoffe vergärt werden, die ­ohnehin schon da sind – neben der Gülle auch Festmist aus der Milchviehanlage der Agrargenossenschaft, ­Silage und andere Reststoffe.
„Wir haben uns von ­Anfang an strikt gegen eine ‘Vermaisung’, also den gezielten ­Anbau von Lebensmitteln wie Mais für die Biogasan­lage, gewendet“, betont er.

Nach der Biogasanlage geht der Mist wieder auf die Felder

Nach der Geruchsbelästigung durch die Anlage ­gefragt, schüttelt Hans Peter Perschke den Kopf:
„Nein, nicht mehr als bei jeder landwirtschaftlichen Anlage.
Eher im Gegenteil:
Wenn der Mist durch den Vermenter, den Nachgärer und das Endlager der Biogasanlage ­gewandert ist, ist er entschwefelt.
Er riecht dadurch nicht mehr und ist ideal, um als Dünger auf den Feldern ausgebracht zu werden.“

Mut zahlte sich aus –
Identität im Ort geschaffen

Etwas Wagemut gehörte schon dazu, den gesamten Ort damals an die Biogasanlage anzuschließen, doch es hat sich gelohnt.
„Über zehn Jahre stabile, niedrige Energiepreise sind ein überzeugendes Argument.
Die Grundstücke haben durch das ­Modellprojekt eine Wertsteigerung erfahren.
Es entstanden neue Arbeitsplätze und die Einnahmen der ­Gemeinde stiegen durch neue  Gewerbesteuern.
Vor ­allem aber hat die ­Genossen­schaft eine Iden­tität im Ort ­geschaffen, die uns heute sehr wichtig ist.“

Ein wichtiger Baustein – auch für große Städte

Und weiter:
„Natürlich kann man mit Biogas nicht eine ganze Stadt wie Gera mit Energie versorgen, aber ich bin mir sicher, dass Biogas ein wichtiger Baustein für eine nachhaltige und vor allem unabhängige Energieversorgung auch in Thüringens Städten spielen kann und sollte.“

Daniel Dreckmann
dreckmann@meinanzeiger.de

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