3. Juli 2022
Ratgeber

Steh auf mit nur einem Bein

Menschen mit Amputationen müssen – unterstützt von Experten – erst langsam lernen, mit ihren Prothesen umzugehen. Darüber hinaus hilft die Selbsthilfegruppe „Steh auf“ in Gera bei vielen Fragen, die sich durch eine Amputation ergeben. Foto: www.ottobock.com

Die Selbsthilfegruppe „Steh auf“ in Gera kümmert sich um Menschen mit Amputationen und ihre Angehörigen, die oft überfordert sind.

„Es ist eigentlich kaum zu glauben, aber es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Menschen mit Amputationen es gibt.
In Baden Württemberg werden 900 000 Euro unter anderem zur ­Erstellung eines Amputierten-Registers zur Verfügung gestellt.
Dies war eins unserer Ziele seit 2005.
Darüber sind wir sehr erfreut.
Unser zweites Ziel wäre eine Grund­lagen-Studie nach Präventionsvorgaben, um die Spätfolgen nach Amputation im Alter besser vorzubeugen“, sagt Gerd Kästel, der Vorstandsvorsitzende der Selbsthilfegruppe „Steh auf“ in ­Gera.

Die meisten Amputationen sind Folgen von Unfällen

Die meisten Amputationen, mit denen er in der Selbsthilfegruppe konfrontiert wird, sind die Folge von Auto-, Motorrad- oder auch Fahrradunfällen.
Einige Fälle sind auch auf Schädigungen durch Diabetes und multi­resistente Keime zurück­zuführen.

Unterschenkelamputationen am häufigsten – oft sind es krebskranke Kinder

Bei den meisten Amputationen handelt es sich um Unterschenkelamputationen.
Diese sind besonders tragisch bei einer speziellen Krebsform, die häufig bei Kindern im Knie vorkommt.
„Dann muss möglichst schnell oberhalb des Knies amputiert werden, damit der Krebs nicht mehr streuen kann“, erklärt Gerd Kästel und fügt hinzu:
„Die Kinder gewöhnen sich aber häufig recht schnell an ihre Prothesen, und einige werden dann sogar Spitzensportler.“

Bei guter Versorgung ist ein halbwegs beschwerdefreies Leben möglich

Wenn das zuständige Sanitätshaus gute Arbeit leistet und der oder die Amputierte die gegebene Situation ­annimmt und regelmäßig trainiert, dann können ­Amputierte bis ins hohe ­Alter ein halbwegs beschwerdefreies Leben führen.

Sport mit ebenfalls Betroffenen wichtig

Wichtig ist für viele Amputierte der Sport mit ebenfalls Betroffenen.
„In der Gruppe fühlen sich viele sicherer“, erzählt Gerd Kästel.
„Wenn wir zum Beispiel in Lobenstein oder Bad Köstritz ins Schwimmbad gehen, staunen die Kinder immer, wie gut man mit nur einem Bein schwimmen kann.“

Selbsthilfegruppe unterstützt Schülerprojekte und informiert gern

Diese Neugierde vieler Kinder und Jugendlicher nutzt die Selbsthilfegruppe gern und unterstützt Schul­projekte „von Gera bis Ilmenau“.
Ihr Wissen etwa über Prothesen, die mit Apps vom Handy aus gesteuert werden, Antragshilfen beim Schwerbehindertenausweis und Sonderparkschein oder wichtige Ernährungstipps zur Vermeidung von schädlichem Übergewicht gibt die Selbsthilfegruppe auch auf Informationsveranstaltungen wie den Geraer Gesundheits­tagen weiter.

Projekt für Mitglieder

Im Juni absolvierte die Geraer Gruppe ein Projekt, unterstützt über die Krankenkassen:
Sie war in Potsdam und Berlin unter anderem mit dem Schiff unterwegs.
Dieses Projekt wurde als Corona-­Trauma- und Schmerzverarbeitung ausgeschrieben.
Eine ­Referentin informierte die Teilnehmer*innen zu mög­lichen Therapien und Versorgungen.

Die Angehörigen zu erreichen ist fast noch wichtiger als die Betroffenen zu betreuen

„Gerade bei Frischamputierten ist es aber fast noch wichtiger, die Angehörigen zu betreuen, die meist ebenfalls unter Stress stehen und völlig überfordert sind“, sagt Gerd Kästel.
„Zeigt man ­ihnen aber ganz in Ruhe ihre Möglichkeiten und die verschiedenen Unterstützungen auf, dann lernen sie schnell, besser mit der Situation ­umzugehen und sind den Amputierten eine große ­Hilfe.“

Treffen mit Dr. von Hirschhausen und Informationen an diesem Freitag, 8. Juli

Die Selbsthilfegruppe „Steh auf“ lädt zur Informationsveranstaltung für Amputierte und deren Angehörige ­sowie ­Freunde am Freitag, 8. Juli, ab 11.30 Uhr in die griechische Gaststätte „Hellas“ in der Franz-Mehring-Straße 24 ein.
Gern werden neue Mitglieder, Neuamputierte und auch ­Betroffene aus der Ukraine und anderen Ländern begrüßt.
Zwei PEER Berater, die im ­Unfall-Krankenhaus Berlin ausgebildet wurden, stehen vor Ort zur Verfügung – ebenso wie der Schirmherr im Bundesverband BMAB, Dr. von Hirschhausen.
Eine Amputierten-Beratung in Gera erfolgt über Dr. Wutzler.

Weitere Termine und Infos unter:
stehauf-gera.jimdofree.com

Daniel Dreckmann
dreckmann@meinanzeiger.de

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