Von der statistischen Suche nach dem Glück - meinanzeiger.de
25. Februar 2020
Ratgeber

Von der statistischen Suche nach dem Glück

Die meisten Faktoren, die dazu beitragen, dass wir uns glücklich fühlen, können wir kaum beeinflussen. Um so wichtiger ist es, das Glück in vollen Zügen zu genießen, wenn es gerade einmal da ist... Foto: 1556045 / pixabay.com

Kann man Glück wissenschaftlich messen?

Zufriedenheitsforscher versuchen dies seit Jahren.
Wir hatten das Glück, mit einem von ihnen reden zu können.

Wie glücklich sind die Deutschen?
Dieser Frage geht der Glücksatlas nach, der jedes Jahr im Auftrag der Deutsche Post DHL Group erstellt wird. Wir sprachen mit dem verantwortlichen Redakteur des Glücksatlas, Max Höfer, über Zahlen, Gefühle und das wahre Glück…

20.000 Haushalte werden befragt

Wie viele Fragen stellen Sie den Teilnehmern zur Erstellung des Glücksatlas und wie viele Menschen befragen Sie?
Wir stützen uns bei unserer Arbeit auf die Daten des so genannten Sozioökonomischen Panels (SOEP) vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
Dafür werden jährlich zirka 20.000 Haushalte unter anderem zu soziologischen, ökonomischen, psychologischen, demografischen und gesundheitswissenschaftlichen Themen befragt.
Der Fragenkatalog umfasst über Hundert Fragen.
Da die letzten Daten von 2017 stammen, lassen wir jedes Jahr 5 000 Menschen noch einmal zu den für uns wichtigen Themen befragen und können aufgrund dieser großen Anzahl verlässlich aktuelle Trends feststellen.

„Diese Datensammlung zu Fragen des Glücks
ist ein Schatz.“

Hat sich die Zusammenstellung der Fragen im Laufe der Jahre verändert?
Geringfügig schon.
So fragt das SOEP seit zwei oder drei Jahren auch ab: Haben Sie ein Smartphone?
Aber an den Grundthemen rund um die Frage „Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben“, ändern wir natürlich nichts. Diese Datensammlung über all die Jahre zu Fragen des Glücks sind ein Schatz, der langfristige Trends sichtbar macht.

Die Thüringer sind die Glücklichsten
in den neuen Bundesländern

Im aktuellen Glücksatlas sind die Thüringer die Glücklichsten in den östlichen Bundesländern. Hat Sie das überrascht?
Eigentlich nicht wirklich.
Das war ein Trend, der sich schon länger anbahnte.
Seit etwa 9 Jahren wurden die Ergebnisse in Thüringen – trotz einiger Intervalle – stetig besser.
Man muss sich doch nur vor Augen führen, wie sich Thüringen in den letzten knapp 30 Jahren entwickelt hat: 1992 herrschte eine gewaltige Arbeitslosigkeit, die jungen Menschen gingen weg, um anderswo zu arbeiten und die Stimmung war alles andere als gut.
Seit dem hat das Land doch einen erstaunlichen Aufholprozess hingelegt, und 2019 werden wirtschaftlich ganz andere Debatten geführt als vor 30 Jahren. Das spiegelt sich in den aktuellen Umfragen wider, basierend auf soliden Daten und soliden Grundlagen.

Stressfreiheit, Aktivität und
„Glückgüter“ wie Gesundheit sind entscheidend

Sie schreiben, dass die Deutschen insgesamt noch nie so glücklich waren.
Was denken Sie, woran liegt das?

Wenn wir uns die Zahlen anschauen, dann gibt es viele Faktoren, die dazu beitragen, dass Menschen von sich sagen, dass sie glücklich sind. Sie brauchen eine Betätigung oder Aktivität, eine Reihe von „Glücksgütern“ wie etwa Gesundheit, Familie, Einkommen und Freiheit – und auch Stressfreiheit ist ein wichtiger Faktor.

Oder um es anders zu formulieren: Wenn Gesundheit oder ein Minimum an Geld fehlt, dann kann man nicht rundherum glücklich sein, es sei denn, man belügt sich selbst ganz heftig.
Auch Arbeitslosigkeit und Scheidung sind wahre Glückskiller.

Im Grunde sind wir damit bei den Lehren der alten Philosophen wie Aristoteles angelangt.
Aber diese Thesen lassen sich deutschlandweit mit Zahlen belegen: Die Arbeitslosenrate ist stark gesunken, die Beschäftigungslage ist gut, auch die Realeinkommen haben sich verbessert.

Die Scheidungsrate sinkt. Derzeit liegt sie bei 35 Prozent. Vor 10 Jahren waren es 50 Prozent.
Und schauen Sie sich die älteren Menschen an, die Sport treiben: Vor 20 Jahren haben 50 Prozent der Alten gesagt, dass sie gar keinen Sport betreiben. Heute ist es nur noch ein Drittel.
Da tut sich etwas und das verändert auch das Selbstbewusstsein – und damit auch die Selbstzufriedenheit.

Glücksratgeber, Glückshype und das flüchtige Glück

Hat sich der Stellenwert des Glücks in der Deutschen Gesellschaft generell verändert?
Mein persönlicher Eindruck ist, dass sich das Glücklichsein zu einem Trendthema entwickelt hat.
Wenn Sie allein im Internet schauen, was es alles für Glücksratgeber und Begriffe rund um das Wort Glück gibt, dann kann man denke ich schon von einem regelrechten Glückshype reden.
Ich persönlich finde das etwas problematisch, denn das „Glücklich-sein-müssen“ kann zu einem mächtigen Druck werden.
Dabei ist das Glück doch wie ein Vogel – wenn man es fangen will, ist es schon wieder weg.

Viele Aspekte des Glücks kann man nicht beeinflussen – manche aber schon

Was ist für Sie persönlich Glück?
Glück, das belegen unsere Studien immer wieder, hat für die meisten Menschen etwas mit glücklichen Umständen zu tun, die der Einzelne nicht beeinflussen kann.
Keiner von uns, denke ich, hat einen ernsthaften Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung in unserem Land oder darauf, dass Frieden herrscht und nicht Krieg.
Ich denke, wir sollten viel öfter einfach dankbar sein für das selbstverständliche Glück, das wir haben.
Und man sollte vorsichtig sein, sein ganzes Glück an eine Person oder ein Ziel zu hängen und zu denken: „Wenn ich das oder diese Person habe, dann bin ich glücklich.“
So etwas kann auch gründlich schief gehen.
Was nicht heißen soll, dass man für sein Glück nichts tun soll. Wer sich redlich müht, der erhöht zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit, dass er auch einmal Glück hat…

Gespräch: Daniel Dreckmann

 

Fakten aus dem Glücksatlas 2019

  • Zur Zeit der Wiedervereinigung betrug der Glücksunterschied im Teilbereich Freizeit zwischen West- und Ostdeutschen noch 0,5 Punkte. Bis 2017 ist er auf 0,1 Punkte geschrumpft.
  • Kurz nach der Wiedervereinigung ging es mit der Arbeitszufriedenheit in West- und Ostdeutschland erst einmal bergab. Seit Mitte der 2000er-Jahre ist jedoch ein Anstieg zu verzeichnen.
  • Zwischen 2004 und 2017 nahm die Zufriedenheit mit dem Haushaltseinkommen in West- und Ostdeutschland in jedem Jahr zu. Im Osten stieg sie aber etwas stärker als im Westen.
  • Seit 2004 steigt die Zufriedenheit mit dem persönlichen Einkommen von Jahr zu Jahr. Der anfängliche Glücksabstand zwischen West- und Ostdeutschland von 0,8 Punkten in 2004 halbierte sich bis 2017 auf 0,4 Punkte.

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