15. August 2021
Thüringen

6 Jahre als Student in Polen – Folge 6

Die deutsch-polnische Grenze

In allen Jahren seit 1967 habe ich die deutsch-polnische Grenze in beide Richtungen ungefähr 400 Mal überquert. Das bedeutet im Schnitt vier Reisen pro Jahr. Dabei habe ich an der Grenze ganz verschiedene Erfahrungen gemacht. Heute ist es ein angenehmes Gefühl, wenn wir, das heißt meine Frau Teresa und ich, die Grenzpfähle an der Autobahn A11/E28 bei Pomellen/Kołbaskowo nahe der Oder und unweit von Szczecin oder an der Autobahn A4/E40 bei Ludwigsdorf/Jędrzychowice über der Lausitzer Neiße nahe Görlitz passieren. Wir nutzten früher auch die Grenzübergange Zittau/Sienawka, Görlitz/Zgorzelec (Brücke der Freundschaft), Przewóz, Bad Muskau/Łęknica, Olszyna (Autobahn A15/E36), Guben/Gubin, Franfurt(Oder)/Słubice (Stadt und Autobahn A12/E30), Schwedt(Oder)/Chojna, Neurochlitz/Rosówek oder Lubieszyn. Dabei waren bei hohem Verkehrsaufkommen die Kontrollstelle Bad Muskau der Ausweichort für Görlitz sowie Neurochlitz für Pomellen.

Grenzkontrollpunkt: Brücke der Freundschaft über die Neiße in Görlitz/Zgorzelec

Dazu kamen noch die Eisenbahnübergänge Görlitz/ Zgorzelec, Forst/Zasieki und  Frankfurt(Oder)/ Kunowice. Bis zur heutigen Normalität erlebte ich ganz verschiedene Perioden des Grenzübertritts.

Mit dem Auto nach Polen

In den Jahren des Studiums 1967-73 bin ich mit der Bahn gefahren, danach fast nur noch mit dem Auto (Fotos: W.N.).

Im Juli 1973 wurde ich mit meiner Frau und unserer kleinen Tochter nach dem Studium von meiner Schwester Marlene und Schwager Gerhardt aus Polen mit dem Wartburg 311 Camping abgeholt.
Unsere Reisemobile:  Shiguli Kombi meiner Eltern in den Jahren 1974-78 und 1989-91, dann 1978-79 der Trabant 600 Kombi sowie 1979-89 der Skoda S 100

 

 

1.1.1972 – Ein historisches Datum

Bis Ende 1971 brauchten wir unseren Reisepass und ein Visum, das als ein- oder mehrmaliges erteilt wurde. Dazu wurden die Pässe eingesammelt und über das DDR-Konsulat in Wrocław an die Konsularabteilung der Botschaft geschickt. Ein Visum gab es in der Regel nur für die studienfreien Zeiten. So waren unsere Grenzübertritte reguliert und kontrolliert.
Wenn ich mit dem internationalen Zug nach Łódź oder Wrocław gefahren bin, war die Pass- und Zollkontrolle auf dem Görlitzer Bahnhof. Dafür war ein spezieller Bahnsteig reserviert. Erst kamen die DDR-Grenzer, danach war die Kontrolle durch die polnischen Grenzer und Zöllner. Das Ganze dauerte fast zwei Stunden. Die Züge waren gut besetzt bis zur Grenze, nach Polen fuhren nur wenige Leute, und füllten sich danach langsam wieder. Zu verzollen hatte ich nichts.
Mit der Einführung des pass- und visafreien Reiseverkehrs zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen am 1. Januar 1972 reisten dann Massen in den Zügen.
Die Pass-/Ausweis- und Zollkontrolle blieben natürlich. Im Gegenteil, die Zollkontrollen verschärften sich mit der Zeit. Viele Polen tätigten Großeinkäufe in der DDR, auch von Dingen, die bei uns Mangelware waren. Andererseits gab es auch Produkte in Polen, die man günstig in der DDR umsetzen konnte. So erlebten wir zum Teil peinliche Kontrollen. Es wurden die Sitzbänke, die Hohlräume über den Decken der Abteile und Gänge sowie die Toiletten durchsucht. Die DDR-Zöllner waren besonders „eifrig“. Wir Studenten wurden dabei genauso behandelt. Ich hatte immer ein komisches Gefühl, dass die Zöllner an irgendeiner Sache Anstoß nehmen. Nachdem 1972 unsere Tochter Dorota geboren wurde, hatte ich manchmal z.B. Babysachen und -nahrung für sie im Gepäck. Mit der Zeit beruhigte sich die Situation etwas. Als „Vereinfachung“ wurde die gemeinsame Passkontrolle durch die DDR- und polnischen Grenzer eingeführt. Das verkürzte etwas die Standzeit des Zuges in Görlitz. Mitte der siebziger Jahre über-querten in beide Richtungen 10 Millionen Menschen jährlich die Oder und Neiße. Für die DDR-Bürger bedeutete eine Reise nach Polen, sowohl einen attraktiven Urlaub zu verbringen als auch sich etwas freier als daheim zu fühlen, z.B. verbotene Zeitungen zu lesen. Für mich war jedoch die Pflege der familiären Bande entscheidend.

 

 

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