18. August 2021
Thüringen

6 Jahre als Student in Polen – Folge 7

Nach dem Studium in Ilmenau

Nach Studiumende 1973 ließ sich meine Familie berufsbedingt in Ilmenau nieder. Dann reisten wir mit dem Auto, die ersten sechs Jahre mit dem Shiguli Kombi meiner Eltern, danach einmal mit unserem gebrauchten Trabant 600 Kombi und in den weiteren Jahren bis zur Wende mit dem Škoda S100. Nach der Wende ab 1992 war und ist unser Reisemobil der Renault: Chamade, Laguna, Scenic, Fluence.

Unsere Reisemobile: Shiguli Kombi meiner Eltern in den Jahren 1974-78 und 1989-91, dann 1978-79 der Trabant 600 Kombi sowie 1979-89 der Skoda S 100 (Fotos: W.N.)

 

 

Grenzverkehr DDR/Polen in den achtziger Jahren
Lange Wartezeiten an den Grenzpunkten waren Alltag, egal zu welcher Tageszeit. War der Verkehr mal geringer, haben sich die Grenzer und Zöllner mehr Zeit genommen. Es war manchmal frustrierend, denn wir hatten ja immer unsere beiden Kinder dabei. Aufgrund der Ereignisse in Polen im Sommer 1980 mit der Gewerkschaftsbewegung Solidarność wurden die Grenzen am 30. August 1980 auf unbestimmte Zeit geschlossen, da die DDR ein Übergreifen der polnischen Oppositionsbewegung befürchtete. Der DDR-Rundfunk informierte die Menschen in der DDR über die neuen Regelungen im Grenzverkehr. Man brauchte dann als Reisender eine Einladung von der anderen Seite, musste bei seinen Behörden einen Reiseantrag stellen und erhielt dann die Reiseerlaubnis für den beantragten Zeitraum. Meine Frau war polnische Staatsbürgerin mit Konsularpass – seit 2005 hat sie die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie brauchte keine solche Reisegenehmigung. Die DDR-Behörden beschränkten damit den Reiseverkehr erheblich.
1980/81 haben wir uns jedoch regelmäßig gegenseitig besucht. Wir fuhren nach Polen, die polnischen Verwandten kamen zu uns nach Ilmenau.

13.12.1981 – Ausnahmenzustand in Polen
Die Situation in Polen spitze sich jedoch weiter zu. Der damalige Regierungs-, Armee- und Parteichef Wojciech Jaruzelski bildete im Dezember 1981 den Militärrat der Nationalen Rettung (Wojskowa Rada Ocalenia Narodowego) und rief am 13. Dezember 1981 den Kriegszustand (stan wojenny) aus. Dieser Ausnahmezustand dauerte bis zum 22. Juli 1983, dem einstigen Nationalfeiertag Polens.

1981-83 Kriegszustand (stan wojenny) in Polen (Fotos: Internet)

Da schien es plötzlich fast unmöglich, nach Polen zu reisen. Weihnachten 1981 haben wir gar nicht versucht zu fahren. Unser Antrag, dann zu Ostern 1982 in Koszalin die Familie zu besuchen, wurde erst mal in der Ilmenauer Meldestelle der Volkspolizei abgewiesen. Daraufhin wandte ich mich an die Bezirksbehörde in Suhl, musste dort vorsprechen und mein Anliegen begründen. Ich bin dabei ziemlich energisch aufgetreten, mit Argumenten wie Genosse, Auslandsstudium, Wehrdienst in der NVA, Familienbande. Man wird mir die Entscheidung mitteilen, war die Aussage zum Schluss der Aussprache. Die Mitteilung war positiv für uns. Wir fuhren mit dem Auto nach Koszalin. Nach der Grenze von Kołbaskowo bis Szczecin, wo man noch die alte Autobahn benutzen konnte, war weit und breit kein Fahrzeug zu sehen. Wir waren alleine, außer den wenigen Militärfahrzeugen wie Schützenpanzerwagen oder Panzern an der Strecke, die den Verkehr überwachten. Wir wurden aber von ihnen nicht angehalten.
Auf der Rückfahrt wurden wir von den DDR-Zöllnern besonders überprüft, obwohl wir nichts zu verzollen hatten. Einmal fanden sie bei unseren Kindern eine Mappe mit Zeichnungen und Malereien. Dorota und ihre Cousine Iwona hatten diese in Koszalin gemacht. Und die Zöllner, man glaubt es nicht, vermuteten dahinter irgendwelche geheime Pläne. Sie nahmen die Sachen weg, erschreckten natürlich die Kinder, mach-ten Anschuldigungen und Drohungen. In ihrem Kontrollraum überprüften sie die Blät-ter und beobachten dabei uns und unser Auto. Hatten wir ein Verbrechen begangen? Dorota weinte und fragte: „Sperren die uns jetzt ein?“ Die Zeichnungen wurden konfisziert, wir bekamen eine stramme Belehrung und durften weiterfahren. Der Schreck stand uns noch lange in den Gliedern. Man stand eigentlich solchen Behörden machtlos gegenüber.  In den Jahren des Ausnahmezustandes und danach haben wir unsere polnische Familie sehr unterstützt. Nur langsam kehrte die normale Situation aus der Zeit vor dem 30. August 1980 wieder zurück. Irgendwann brauchte man auch keine Einladung mehr.

 

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