11. April 2022
Thüringen

Abschied von Egmond Prill

18 Jahre lang schreibt er die „Worte zum Sonntag" für den Allgemeinen Anzeiger – Sein Ostertext wird der letzte sein

Egmond Prill, 1956–2022 (Archivbild: Michael Steinfeld)

Ein Nachruf. Da wird er die Augenbrauen hinter seiner Brille heben, betont einatmen und leicht den Kopf in den ­Nacken legen. Er möchte sich nicht so wichtig nehmen. „Lass mich über Gott erzählen.“

Egmond Prill schreibt lieber selbst, über andere Menschen, das ­Leben, den Glauben, Gott. „Ich möchte Orientierung im Wirrwarr des Lebens ­geben.“ Es sind immer die anderen, mit denen er hofft, die er tröstet und versöhnt. Nicht vorstellbar, dass einer wie er, die Bibel unterm Arm, den Fuß auf dem Gas und Gottes Botschaft auf der scharfen Zunge, einer, der stets das Evangelium läutet, dass einer wie er verstummen könnte.

Ein Nachruf auf Egmond Prill, der fast 18 Jahre im Allgemeinen Anzeiger die ­„Worte zum Sonntag“ schreibt, kann nicht in der Vergangenheit stehen. Ein Kompromiss, der ihm gefallen sollte.

„Als ich geboren wurde, soll der Doktor gesagt haben: Die Mutter können wir retten.“ Das ist 1956 im sächsischen Zschopau. Zunächst lässt sich Prill zum Elektromonteur ausbilden, bevor er Theologie studiert und dann auch seinen Retter findet. „Gott hat mich berufen. Ich hatte nach drei Jahren keine Ausrede mehr, diesem Ruf nicht zu folgen.“ Während der friedlichen Revolution engagiert sich Prill in der Bürgerbewegung, ist Pfarrer, in der Jugendarbeit aktiv und später Journalist. 1999 ­beginnt sein Engagement beim Christlichen Medienverbund KEP, er leitet die Christliche Medienakademie und findet den Weg zum Allgemeinen Anzeiger.

„Ich bin nicht der große Missionar“, will Prill über sich sagen und lehnt sich ­gerade so viel zurück, dass er es als Distanz verstanden weiß. Aber er kann nicht ­anders. Immer vorwärts, unterwegs im Dienst des Glaubens, in Seminaren und Vorträgen eilt er durch die Welt. Wie ein olympischer Fackelträger entzündet er das Licht und die Botschaft des Herrn: „Gott ist auf unserer Seite. Gott befreit. Die Bibel ist das Buch der Freiheit.“

An seinem Schreibtisch in Kassel, den er selbst entworfen hat, skizziert er mit Blick auf das Fuldatal den Alltag, sucht passende Bibelverse und findet das Wunder des Lebens. 1400 Zeichen sind es am Ende, über Kirschblüten, Eiskristalle, Regenwürmer, Türen – und in allem Gott. Als „Worte zum Sonntag“ ­erscheinen sie über 800 Mal im Allgemeinen Anzeiger. ­Jedes Wort präzise, jeder Satz sortiert wie englischer Rasen, doch blühend und reflektiert, kein Buchstabe ist ­umsonst. Prill schreibt mit wachem Auge, offenem Geist und immer auf den Punkt, seine Bücher heißen „Kurz und gut“ oder „Kurz und knackig“. Zur Not zeichnet er das Evangelium auf eine Serviette. Auch das kann der ungeduldige Alleskönner: „In guten romantischen Zeiten male ich, Natur, Blumen, Bäume.“

Über sein Herzensthema Israel kann der Nahost­experte leidenschaftlich streiten, bis sich der Zuhörer Sorgen um seinen Blutdruck macht – in Vorträgen und auf mehr als 70 Reisen ins Heilige Land, mit dem er sich tief verbunden fühlt. Zwei Mal begleitet er auch Leser des Allgemeinen Anzeigers nach Israel. Egmond Prill streitet, polarisiert und sucht die ­gesellschaftliche Kontro­verse. Dass man ihn dabei einsortiert, in konservativ, Israel-freundlich oder zu traditionell in der Bibelauslegung, daran kann er sich mit Verve abarbeiten. „Zweifeln gehört zum Glauben“, sagt Prill, der lange an seiner Kirche leidet, die ihm am Ende zu liberal wird. Seine Überzeugung aber bleibt: „Der Glaube an Jesus Christus braucht Gottes Wort und ­Gemeinschaft.“

„Wann fängt das Leben an, wie hört es auf?“, fragt Prill immer wieder und zeichnet: „Kinderwagen, Krückstock, Wolke, Sonne.“ Das ­unerschütterliche Vertrauen in den Herrn hilft ihm nach der Krebsdiagnose, seine Worte sind nun persönlicher. Kommen wir in den Himmel? „Freilich“, schreibt Prill in seiner letzten privaten ­E-Mail, „im Blick auf ewiges Leben habe ich die Hoffnung auf die Zukunft jenseits der Todeslinie. Doch jetzt ­habe ich eher das Vertrauen auf Gottes Hilfe und Genesung in der Gegenwart. Da will ich ehrlich sein.“ Um ­sofort wieder zurückzutreten: „Herr, ich bitte nichts für mich. Sende mich neu in den Dienst für DICH.“

Das letzte Telefonat. Prill, der Fackelträger mit Donnerstimme, flüstert schwach, ­jedes leise Wort erfüllt von heiserer Zuversicht: „Ich ­hoffe auf ein Wunder. Aber das habe ich nicht in der Hand.“ Im Abschied gilt sein Gedanke auch im letzten Wort dem anderen: „Gottes Segen für dich.“

Die Worte zu Ostern auf dem Papier, das Licht des Herrn vor Augen. Tod, Auferstehung, ewiges Leben. Und Gott entscheidet, ihn aus seinem Dienst auf Erden abzurufen. Egmond Prill stirbt am 27. März in Kassel. Kinderwagen, Krückstock, Wolke, Sonne.

Egmond Prill, 1956–2022 (Archivbild: Michael Steinfeld)
Der Autor:
Emanuel Beer ist ehemaliger Chefredakteur des Allgemeinen ­Anzeigers und arbeitete seit der ersten ­Kolumne mit Egmond Prill ­zusammen. 2008 reisten sie ­mit AA-Lesern nach Israel.

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