17. September 2022
Thüringen

Auf einen Moment

Vierschritt für die Seele

Foto: pixabay

 

Ich bin sechs Jahre alt. Die Nachbarn haben eine Bäckerei. Neben dem Verkaufsraum ist das Wohnzimmer. Wir sind eingeladen. Die Erwachsenen unterhalten sich im Wohnzimmer. Mich langweilt das. Ich gehe in den Verkaufsraum. Niemand ist da. Auf dem Tresen steht ein großes Glas mit orangenen Bonbons. „Wenn ich mir da eins, wirklich nur eins rausnehme. Also so eins nur mal zum Probieren, das fällt doch gar nicht auf“, sage ich mir.

Eine andere Stimme in mir sagt: „Hallo, das ist aber Stehlen, was du vorhast.“ Meine Hand wandert trotzdem in das Bonbonglas. Ganz schnell schiebe ich eins in den Mund. Jetzt kommt wieder die andere Stimme: „Du bist ein Dieb!“ Das Bonbon schmeckt mir nicht. Ich habe Angst aufzufliegen. Weil man es riecht. Oder weil ich die Farbe des Bonbons auf der Zunge habe.

Am Abend beichte ich meinen Eltern die Tat. Sie ermuntern mich, es der Nachbarin zu sagen. Das tue ich. Biete auch an, das Bonbon zu bezahlen. Danach geht es mir besser. Eine wichtige Erfahrung für mich. Bis heute. Der klassische Vierschritt. Erstens Fehler erkennen. Zweitens Bereuen. Drittens jemandem beichten. Und viertens den Fehler wieder gutmachen. Der Vierschritt tut der Seele gut.

Ein paar Tage später habe ich Geburtstag. Die Nachbarin kommt vorbei und schenkt mir eine Tüte mit genau diesen orangenen Bonbons. Ich beginne, ein Bonbon nach dem anderen zu essen. Sie schmecken himmlisch!

Seien Sie gut zu sich!

Felix Leibrock

Felix Leibrock, Pfarrer & Autor. Alle Rechte vorbehalten. www.felixleibrock.dewww.meinanzeiger.de/leibrock

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