24. Dezember 2022
Thüringen

Auf einen Moment

Der lädierte Stern

(Foto: Felix Leibrock)

Beim Aufräumen entdecke ich den Herrnhuter Stern. Ein altes Exemplar aus Papier. Meine Mutter hat ihn vor langer Zeit mit viel Geschick zusammengebastelt. Jetzt hat er Knicke und Dellen. Der ist nicht mehr schön, also werfe ich ihn weg. Denke ich mir.

Aber dann sagt mir eine Stimme ganz entschieden: „Stopp! Wirf den nicht weg.“
„Warum denn nicht?“, frage ich zurück.
„Weißt du noch, wie den deine Mutter zusammengebaut hat?“

„Ja“, sage ich und erinnere mich. Das war in den wenigen freien Stunden, die meine Mutter hatte. Da saß sie mit ihrer Freundin Gerlinde zusammen. Die beiden haben viele solcher Sterne gebastelt. Sie haben sie dann an arme Familien verschenkt.
„Und wie war das, wenn du als Kind dazugestoßen bist?“, fragt die Stimme weiter.
„Hm“, sage ich, „das war wunderschön. Meine Mutter und Gerlinde gaben mir Plätzchen. Ich habe Michel aus Lönneberga geschaut, während die Frauen am Tisch die Sterne bastelten.“

Ich merke, wie meine Gedanken immer weiter in diese Zeit eintauchen. In dieses Gefühl, aufgehoben und geborgen zu sein. Ein Gefühl, das man später so vermisst. Auch denke ich an das arbeitsame Leben meiner Mutter. Der Ruhestand, der geprägt war von der Demenz meines Vaters. Voller Liebe hat sich meine Mutter um ihn gekümmert. Dann die Pleite einer Drogeriemarktkette, die den Laden meiner Eltern gemietet hatte. Die existenziellen Sorgen. Schließlich der Schlaganfall. Das eingeschränkte Leben danach. Der Tod vor jetzt elf Jahren. Ein Leben mit vielen Knicken und Dellen.

Wieder schaue ich auf den lädierten Stern. Ist er nicht ein Symbol für ein solches Leben? Wer hat schon ein Leben ohne solche Beschädigungen? Wie sehr haben wir alle Knicke und Dellen gerade in der letzten Zeit erfahren: Pandemie, Krieg, Inflation, Energienot. Das lässt unsere Psyche nicht unberührt. Angst macht sich breit. Sorgen, wie wir das alles noch bewältigen sollen. Dazu die vielen persönlichen Schicksale. Auch an Weihnachten werden Menschen in Krankenhäusern liegen. Oder in Hospizen. Oder in Schützengräben. Andere trauern, das erste Weihnachten ohne den geliebten Menschen. Wieder andere leiden unter Streit, Hass, Neid, Trennung.

Was soll mir da so ein Herrnhuter Stern? Ich mache den Stecker rein. Jetzt leuchtet der Stern von innen auf. Die Knicke und Dellen sind fast nicht mehr zu sehen. Was bedeutet das für mich? Ist in mir auch so ein Licht? Lebt in mir vielleicht sogar, wie es Meister Eckhart aus Thüringen im Mittelalter behauptet hat, Gott selbst? Ist er das Licht in mir?

Wieder denke ich an meine Mutter. Sie war nach dem Schlaganfall besonders liebevoll und dankbar. Trotz der Schwere war es eine gute Zeit. Sie hat, wenn ich sie besucht habe, viel Wärme ausgestrahlt. Ja, sie hat, wenn ich das so sagen darf, von innen geleuchtet. In ihr und aus ihr hat Gott geleuchtet. Das wird mir jetzt wieder bewusst. Weihnachten ist die Zeit, wo Gott uns ganz nahekommt. Auch durch einen Stern.

„Na, willst du den Stern immer noch wegwerfen?“, fragt mich die Stimme. Ich wache aus meinen Gedanken auf.
„Nein“, sage ich, „will ich nicht mehr.“
„Aber“, sagt die Stimme, „es gibt doch schönere Sterne, ohne Knicke und Dellen.“
„Mag sein“, antworte ich, „aber für mich ist dieser Stern der schönste der Welt.“

Gesegnete Weihnachtstage.

Felix Leibrock

Felix Leibrock, Pfarrer & Autor. Alle Rechte vorbehalten. www.felixleibrock.dewww.meinanzeiger.de/leibrock

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