30. Juli 2022
Thüringen

Auf einen Moment

Die Geliebte

Foto: pixabay

Zwanzig Jahre war sie seine Geliebte. Jetzt stirbt er. Er hat Ehefrau, Kinder. Niemand weiß was von ihrem Verhältnis mit ihm.

Vom Termin der Trauerfeier erfährt sie aus der Zeitung. Er ist Chefarzt. Viele Menschen kommen zur Trauerfeier. Gott sei Dank, sagt sie sich, da falle ich nicht auf.

Bei der Trauerfeier muss sie sich zusammenreißen. Niemand darf ihr die Trauer anmerken. Nicht dass es jetzt noch rauskommt. Die Pfarrerin erzählt vom Leben des Arztes. Wie wichtig ihm die Familie war. Von einer Geliebten ist natürlich keine Rede. Niemand weiß ja, dass es sie gab. Nur er, der jetzt tot ist, und sie hüten dieses Geheimnis.

Die Trauernden stehen am Grab. Nacheinander werfen sie Erde in die Grube. Sie würde am liebsten auch ans Grab gehen. Aber sie wagt es nicht. Hat Angst, sich nicht im Griff zu haben. Sie sieht, wie die Trauergesellschaft in ein Restaurant in der Nähe geht. Die haben sich gegenseitig, denkt sie sich. Und wen habe ich?

Es gibt so etwas wie anonyme Trauernde. Nicht wenige sind das. Ich habe viele von ihnen am Rande von Trauerfeiern beobachtet. Manche haben mich später angeschrieben. Sie alle haben ein Recht auf Trauer. Moralisches Verurteilen steht niemandem zu. Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Das sagt Jesus zu den Männern, die eine Frau wegen angeblichem Ehebruch steinigen wollen. Und die Männer? Legen die Steine weg und gehen davon.

Seien Sie gut zu sich!

Felix Leibrock

Felix Leibrock, Pfarrer & Autor. Alle Rechte vorbehalten.   www.felixleibrock.dewww.meinanzeiger.de/leibrock

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