5. April 2022
Thüringen

„Cannabis aus der Schmuddelecke holen“

Die Ampel-Regierung plant, die Hanf-Prohibition zu beenden. Nun möchte sich in Thüringen eine Zweig-Vertretung des Hanfverbandes gründen.

Trotz oder vielleicht auch wegen seiner Vielfältigkeit ist Cannabis in Deutschland verboten. Geht es nach Stephan Ostermann (kleines Foto), ändert sich das bald. Foto: Pixabay 

Foto: Jan Kobel

Cannabis ist ein Reizthema. Obwohl die Hanf-Pflanze vom Menschen seit Jahrtausenden genutzt wird, hat sie ein schlechtes Image und ist seit 1929 in Deutschland ver­boten. Im Interview mit ­AA-Redakteur Maximilian Walter erklärt Hanfverband-Mitglied Stephan Ostermann, warum das Verbot ­unnütz ist, was Hanf für die Böden der Landwirte leisten kann und was Ostermann nach der Re-Legalisierung tun würde.

Warum sollte Cannabis ­re-legalisiert werden?
Zunächst muss man sagen, dass das Verbot es nicht ­geschafft hat, Cannabis aus der Gesellschaft zu drängen. Viele Menschen nutzen es nach der Arbeit zur Entspannung. Jedem gestehen wir zu, am Abend ein Bier zu trinken, obwohl man bei täglichem Konsum als Alkoho­liker gilt. Die Schäden dieser Volksdroge fangen wir alle auf. Arbeitgeber müssen ­alkoholkranken Arbeitnehmern bei ihrer Sucht helfen. Gleichzeitig aber verbieten wir Cannabis, obwohl es nachweislich weniger schädlich ist. Menschen werden immer das Bedürfnis nach Entspannung haben – gerade in stressigen Jobs. Es gibt zahlreiche Konsumenten in verantwortungsvollen Positionen, die nicht zu ihrem Konsum stehen können, weil sie entweder Angst vor Strafverfolgung, Führerschein­entzug oder anderen Konsequenzen haben müssen. ­Dabei – ähnlich wie beim ­Alkohol – bevorzugt der überwiegende Anteil der Konsumenten keinen Vollrausch. Schon jetzt hat jeder Zugang zu Cannabis, ohne Qualitätskontrolle oder Aufklärung – auch Jugendliche, deren Zugang zu Alkohol wir relativ erfolgreich einschränken konnten. Und erst, wenn Cannabis legal ist, können wir ehrlich darüber aufklären, für potenzielle Gefahren sensibilisieren und das auch bei anderen Drogen. Und wir können mit einer ­Legali­sierung verhindern, dass die Umsätze aus dem Cannabis-Verkauf im organisierten Verbrechen landen.

Legales Cannabis untergräbt nicht den Jugendschutz?
Nein. Entgegen der Meinung einiger Politiker zeigen aktuelle Studien aus Kanada, wo Cannabis seit 2018 legal ist, dass der Konsum unter ­Jugendlichen ab- und nicht zunimmt. Außerdem will niemand Cannabis für ­Jugendliche freigeben. Es ­wäre sogar anzuraten, auch Alkohol ab 18 und in Fach­geschäften zu verkaufen.

Hanf wird auch als Medizin genutzt. Gibt es weitere ­Anwendungen der Pflanze?
Cannabis ist eine sehr vielseitige Pflanze. Bestimmt lassen sich 99 Prozent von ihr nutzen. In der Medizin hilft sie Krebspatienten gegen ­Appetitlosigkeit und bei Schmerzen, Epileptiker lindern damit ihre Ticks, Schmerzpatienten benötigen weniger starke Opiate. Aber sie findet auch immer mehr Anwendung in der Kosmetik. Das Problem ist derzeit ­jedoch, dass der Anbau von Industriehanf mit hohen Hürden verbunden ist – Stichwort THC-Grenzwerte. Dabei lässt sich nicht nur die Blüte nutzen. Fast alles, was wir mit Erdöl herstellen, lässt sich auch aus Cannabis ­gewinnen. Die Fasern lassen sich zu Papier verarbeiten, dienen als Verbundstoff in Beton oder werden zu Kleidung. Auch Kunststoff lässt sich herstellen. Die Blätter eignen sich als Biomasse. Hanf bindet auf wenig Fläche viel CO2. Er reinigt die ­Böden und versorgt sie mit Nährstoffen. Bauern könnten Hanf also in der vierten Fruchtfolge anbauen und bräuchten so weniger ­Dünger.

Warum hat Cannabis dann so ein negatives Image?
Weil die Prohibition es ­geschafft hat, Kiffen mit ­negativen Assoziationen zu verbinden. Cannabis-Nutzer gelten oft als faul, träge oder ungebildet. Doch wie bereits gesagt: Erfolgreiche Menschen dürfen gar nicht zu ihrem Konsum stehen und so den Gegenbeweis antreten. So hält sich weiter die Mär vom „Haschgift“, das man sich am Bahnhof spritzt und das einen direkt zu ­anderen Drogen verleitet. Dabei sollte man immer ­zwischen Gebrauch und Missbrauch unterscheiden, denn es ist der Missbrauch, der schädlich ist und das gilt für andere Stoffe genauso.

Demnächst möchten Sie eine Ortsgruppe Thüringen des Deutschen Hanfver­bandes gründen. Was macht der Hanfverband eigentlich?
Der Hanfverband ist eine Lobbyorganisation, die sich für die Legalisierung und Aufklärung zum Thema ­Cannabis einsetzt. Mit einem Ableger in Thüringen wollen wir die Aufklärungsquote ­erhöhen und Ansprech­partner für Hanffreunde im Freistaat sein. Eigentlich sind die Ortsgruppen auf einzelne Städte beschränkt, aber wir wollten für Erfurt, Jena, ­Weimar, Eisenach und alle anderen Orte in Thüringen eine Stimme sein. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir ehrlich und seriös über Cannabis aufklären, um es aus der Schmuddelecke zu holen. Dafür braucht es eine starke Interessenvertretung und eine professionelle Organi­sation. Am 12. April planen wir ein erstes Kennenlernen über ein Online-Meeting. ­Dazu sind Interessierte herzlich eingeladen. Für Mitte Mai ist dann das erste persönliche Treffen geplant. Wichtig ist: Bei diesen Treffen passieren keine illegalen Dinge.

Sollte die aktuelle Regierung die Legalisierung auf den Weg bringen, was ­wären Ihre persönlichen Wünsche?
Ich könnte mir vorstellen, ein Coffee-Shop-Franchise zu starten oder zu beraten. ­Einzelne, lokale Geschäfte hätten es sicher schwer, einen gewissen Qualitätsstandard bei ihren Produkten zu halten, aber als Franchise stünde eine größere Firma dahinter. Es wäre zudem wünschenswert, wenn die Regulierungen nicht so ­gefasst werden, dass sich die Coffee-Shops verstecken müssen. Cannabis ist auch heute schon fest in der ­Gesellschaft verankert und das darf sich auch im Stadtbild widerspiegeln. Außerdem wäre es wichtig, Cannabis-Social-Clubs wie in ­Spanien zu ermöglichen. Diese bieten einen Austausch- und Anlaufpunkt für Cannabis-Freunde.

Termin

Online-Treffen Hanfverband Thüringen: Dienstag, 12. April. Mehr Infos per E-Mail thueringen@hanfverband.de und auf Twitter @DHVThueringen

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