10. August 2022
Thüringen

Der Hamsterfreund

Hans-Jürgen Bauer hat seinen Garten in ein Paradies für die bedrohten Feldhamster verwandelt und kümmert sich rührend um die Tiere

Hans-Jürgen Bauer hat immer seine Kamera in Reichweite, wenn sich die Feldhamster in seinem Garten oberhalb ihres Baus zeigen. Fotos: Hans-Jürgen Bauer

Hamsterflink wuselt das braun-weiße Fellbündel vom Kohlrabibeet in Richtung Wasserstelle. Ach halt, lieber erst einmal stehenbleiben, Männchen machen und neugierig die Gäste im Garten begucken. Alles in Ordnung. Hans-Jürgen Bauer lacht. „Die Tierchen laufen mir auch über die Schuhe, schnuppern am Hosenbein, waren schon im Haus“, sagt er über ­„seine“ Garten-Mitnutzer, die Feldhamster. Bei ihm sind sie ­sicher, bekommen den wichtigen Schutz und Nahrung.

Feldhamster im Erfurter Norden

Fünf Jahre ist es her, seit er in einem benachbarten Garten – im Norden der Landeshauptstadt in der Region ­Erfurt-Marbach – zum ersten Mal Feldhamster gesehen hat. „Ich war fasziniert, das war für mich eine kleine Sensation“, erinnert er sich. Seitdem verschreibt er sich den Tieren, die vom Aussterben bedroht und zu schützen sind, hat in seinem Garten überdachte Futterstellen ­angelegt, sorgt mit Kohlrabi, Eisbergsalat, Sonnenblumen, Kartoffelgrün und immer mehr teurem, hinzugekauften Futter dafür, dass sie ­genügend Nahrung haben, gibt ihnen auch sonst Raum und Rückzugsmöglichkeiten. „Das wird sehr gut angenommen“, erzählt der Ham­sterfreund mit seinem Naturgarten, gerade hat er 27 Ham­sterlöcher gezählt, ­davon sind 13 neu.

Mitdenken statt übersehen

„Die ­Tiere ­haben bei uns Priorität, wir machen das einfach aus Tierliebe. Ich ­glaube, die Ham­ster haben sich uns ausgesucht, wir ­haben keinen von ­ihnen jemals aggressiv erlebt“, spricht er über sich und ­seine Frau. Dem Biologen und Naturschützer Ulrich Scheidt, der sich in verschiedenen Organisationen dem Schutz des auf der Roten ­Liste stehenden Feldhamsters widmet, geht bei einem Besuch im Bauerschen Garten das Herz auf. „Es ist hochspannend, was sich hier beobachten lässt. Herr Bauer agiert auf Augenhöhe mit den Tieren. Das ganz Entscheidende für die Feldham­ster ist, dass es Menschen wie ihn gibt, die mitdenken, die wie er ganz viel Herzblut ­investieren.“

Die Moderne Welt drängt die Hamster vom Feld

Ulrich Scheidt weiß, dass es hier im ­Erfurter Norden, auch bei Buttelstedt und im Thüringer ­Becken, Feldham­ster-Vorkommen gibt. Noch. „Hier ist traditionelles Ham­stergebiet, das Vorkommen ist an bestimmte fruchtbare Böden gebunden“, erzählt er. Der früher oft als Schädling verpönte Feldhamster sorge sogar mit seinen Grabungen dafür, dass sich unterer Boden und Humus vermengen, die Erde fruchtbar bleibt. Doch zum Graben wie zum Leben kommt er dort kaum noch, die  moderne, industrialisierte Landwirtschaft drängt den Hamster vom Feld. Wird alles ratzekahl kurz geerntet, ist der Naturkreislauf gestört, es gibt weder Unkraut zum Fressen noch Tau oder aber die Möglichkeit, sich vor Ham­sters Fressfeinden zu verstecken. „Sie verhungern und verdursten“, zeigt sich Scheidt alarmiert. Im ­Moment, ­erzählt er weiter, können Hamster nur an Feldrändern überleben und wenn sie in Gärten gute Bedingungen finden. „Im Grunde überleben sie nur durch Naturschützer und Naturfreunde.“

Das Überleben ist hart

Von Meldungen darüber, dass mancherorts in Tierparks inzwischen Feldham­ster gezüchtet werden, halten weder Bauer noch Scheidt viel. Zucht, so sind sie sich einig, habe immer auch mit Züchtigung zu tun. Und der Feldhamster habe keine Pro­bleme, sich zu vermehren, sondern damit, draußen zu überleben. Dafür braucht er die passenden ­Bedingungen. „Ich fürchte, dass nach diesem Sommer der Feldhamsterschwund noch einmal dramatisch ­zunimmt, dass die Art in zehn bis zwanzig Jahren ­sogar ausgestorben ist“, bangt Ulrich Scheidt um die Tiere. Zum Glück, sagt er, gebe es auch in Thüringen ­Landwirte, die das Problem erkennen und bereit sind, ­etwas zu verändern. Oder Menschen wie Hans-Jürgen Bauer mit einem ganz großen Herzen für die Feldhamster. „Aber das ist trotzdem noch verschwindend ­gering und viel zu wenig!“.

Infos:

Für den Schutz und den Erhalt des Feldhamsters wurden in Thüringen 35 Feldhamster-Schwerpunktgebiete mit einer Gesamtfläche von 51 350 Hektar abgegrenzt. Diese Gebiete sind in den Regionen Erfurt, Unstrut-Hainich-Kreis, Sömmerda, Weimarer Land, Kyffhäuserkreis, Nordhausen und Gotha. Für jedes Feldhamster-Schwerpunktgebiet wurde ein Steckbrief erarbeitet mit Informationen zu örtlicher Situation, Risikofaktoren und Handlungsbedarf.
Mehr Informationen unter: https://tlubn.thueringen.de/

 

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