1. April 2021
Thüringen

Die Zukunft sollte dunkel sein

Der aus unseren Städten, Dörfern und Industriegebieten in den Himmel abgestrahlte Lichtmüll „reagiert“ mit unserer Erd­atmosphäre. So bilden sich riesige diffuse Lichtglocken über besiedelten Gebieten. Hunderte Kilometer weit leuchten diese Licht­glocken und erhellen selbst dort die Nacht, wo es eigentlich noch dunkel wäre. Foto: www.paten-der-nacht.de

Warum es sinnvoll ist, sich für mehr Dunkelheit einzusetzen

Mal ganz ehrlich:
Angestrahlte Gebäude, Lichtreklamen, hell erleuchtete Tankstellen – das hat doch etwas.

Und doch setzen sich immer mehr Menschen, auch in Thüringen, dafür ein, dass extreme Beleuchtung – Lichtverschmutzung – drastisch reduziert wird.

 

Das Licht in der Nacht verwirrt viele Tiere

„Das Licht in der Nacht verwirrt Tiere und ändert ihr Verhalten“, argumentiert zum Beispiel Anita Giermann, Referentin für Ehrenamtskoordination und Freiwilligenmanagement beim BUND Thüringen e.V.
„Und der Lichtanteil hat durch LED-Lampen in der letzten Zeit extrem zugenommen.“

 

Lichtverschmutzung ist einer der Hauptgründe für das dramatuische Insektensterben. Foto: www.lichtverschmutzung.de

Künstliche Beleuchtung ist neben dem Einsatz von Insektiziden
der Hauptgrund für dramatische das Insektensterben

Thomas Westerhoff vom Verein Volkssternwarte Kirchheim e.V. und Dr. Sabine Nieland, Mitglied der Initiative „Paten der Nacht“, stimmen ihr zu und führen aus:
„Viele Insekten werden vom Licht künstlicher Lichtquellen – insbesondere denen mit hohem Blau- und Weißanteil im Spektrum – angelockt und verenden an oder in den Lampen.
Die zunehmende künstliche Beleuchtung ist neben dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln einer der Hauptgründe für den Insektenrückgang um mehr als 75 Prozent in den letzten 20 Jahren.“

 

Auch der Mensch wird beeinträchtigt – das Krebsrisiko kann steigen

Thomas Westerhoff geht aber noch einen Schritt weiter:
„Wird nachts eine gewisse Helligkeit überschritten, so wird im menschlichen Körper die Melatonin-Ausschüttung – das ist unser Schlafhormon – behindert.
Hierdurch kann der Körper nicht mehr ausreichend in Tiefschlafphasen gelangen und die Erholung wird beeinträchtigt.“
Die verringerte Melatonin-Ausschüttung habe auch Einfluss auf den Hormonhaushalt des Körpers.
Als Langzeitfolgen könnten sogar Brust- und Prostatakrebs begünstigt werden.

 

Von der Erkenntnis bis zum Handeln ist es oft ein weiter Weg

Da stellt sich doch die Frage, warum so lange nichts gegen Lichtverschmutzung unternommen wurde?

„Wie bei vielen anderen Themen auch, dauert es eben, bis Dinge bekannt werden und dann auch ins Bewusstsein der Menschen vordringen“, sagt Anita Giermann.
„Zwar sieht man, dass Insekten um eine Straßenlaterne kreisen, aber sich bewusst zu machen, dass das oft tödlich für die Tiere endet, ist ja erst der nächste Schritt.“

Und sie erklärt auch, warum sich die Insekten überhaupt so verhalten:
„Viele Menschen wissen vermutlich nicht, dass sich einige Insekten am Mond orientieren und unter Umständen eine Laterne für diesen halten können.
Und wenn sie zum Beispiel den Mond beim Fliegen zur Orientierung immer auf der rechten Seite haben, kann das dazu führen, dass sie stundenlang um eine Laterne kreisen.“

 

Wer weiß schon noch, wie dunkel es nachts vor 20 Jahren war?

Thomas Westerhoff gibt außerdem zu bedenken:
„Zunehmende Beleuchtung über viele Jahre ist ein schleichender Prozess, der vom Menschen nicht bewusst wahrgenommen wird.
Wer kann sich heute noch aktiv daran erinnern, wie dunkel es noch vor 20 oder 30 Jahren war?“

 

Lichtverschmutzung ist ein schleichender, gefährlicher Prozess, den es zu stoppen gilt. Foto: www.lichtverschmutzung.de

Kein Bewusstsein für die Problematik –
günstige LED-Lampen fördern den „Beleuchtungswahnsinn“ noch

Er ist skeptisch:
„Selbst wenn einzelne Initiativen wie ‚Dark Sky‘ Erfolg hatten und kleinere Gebiete zu Schutzzonen erklärt wurden, ist ein Bewusstsein für die Problematik in der Bevölkerung noch nicht angekommen.
Das Gegenteil ist sogar der Fall.
Seit bei LED-Beleuchtung die Stromkosten nicht mehr im Fokus einer Anschaffung stehen, wird aufgerüstet ohne Ende.
Kaum ein Garten oder Vorhof, der nicht durch künstliche Lichtquellen erleuchtet wird.“

Fragt man danach, ob sich langsam ein Bewusstsein für das Problem der Lichtverschmutzung entwickelt, fallen die Antworten unterschiedlich aus.

 

„Glühende Landschaften“ und falsch verstandener Fortschritt

„Während in der Rhön hierfür ein Bewusstsein vorhanden ist, scheint das insbesondere in und um die größeren Städten nicht der Fall zu sein“, sagt Thomas Westerhoff.
Ein Problem sieht er darin, dass hell erleuchtete Gewerbegebiete wie etwa um das Erfurter Kreuz immer noch ein Zeichen für wirtschaftlichen Aufschwung seien.

Bitter kommentiert er:
„Offensichtlich hat man hier den Begriff ‚blühende Landschaften‘ mit ‚glühende Landschaften‘ verwechselt.“

 

Der Sternenpark Rhön ist ein positives Beispiel

Anita Giermann sieht die Lage dagegen etwas optimistischer.
„Das Bewusstsein wächst.
Das zeigen zum Beispiel Projekte wie der ‚Sternenpark Rhön‘ aber auch die Bemühungen von Kommunen, wie zum Beispiel der Stadt Jena, die Lichtverschmutzung zu reduzieren.“

 

Jenas Weg – ein Vorbild

Fragt man in Jena nach, dann meldet sich Kristian Philler, Pressesprecher der Stadt Jena, und erklärt:
„Seit mehreren Jahren wird auf Betreiben astronomisch interessierter Bürgerinnen und Bürger die Earth Hour begangen, zu der die Straßenbeleuchtung für etwa zwei Stunden ausgeschaltet bleibt.“

Im Jahr 2019 habe dann der Stadtrat Jena auf Initiative von der Abgeordneten Dr. Heidrun Jänchen die Erarbeitung einer Richtlinie  zur Minderung der Lichtverschmutzung beschlossen.
„Die Richtlinie beinhaltet Vorgaben für derzeit im Entstehen befindliche Bauten und Bebauungspläne.
Der Kommunalservice Jena wird diese Richtlinien auch bei aufzustellenden Straßenlaternen anwenden“, führt Kristian Philler aus.
„Und JenaPharm hat die Beleuchtung des Firmenlogos mit Hinweis auf die Richtlinie bereits zeitlich eingegrenzt.“

Einen Widerspruch zum Motto der Stadt kann er nicht erkennen.
„Der Slogan lautet Lichtstadt Jena – und beinhaltet natürlich alle Facetten des Lichts, auch die der Lichtverschmutzung. Deshalb ist das Konzept eine Ergänzung zum Image der Stadt und kein Widerspruch“, meint der Pressesprecher.

 

Dunkelheit schürt Ängste – oder?

Aber löst die Vorstellung an dunkle Straßen nicht automatisch Ängste vor mehr Kriminalität aus?

„Ja, die Angst vorm Dunkel steckt noch tief in den Köpfen des Menschen, ist jedoch rein subjektiv“, sagt Thomas Westerhoff.

Er sieht es genau umgekehrt:
„Gefahren lauern dort, wo es hell ist.
Die Kriminalitätsstatistik zeigt eindeutig, dass die Mehrzahl der Einbrüche tagsüber, also im Hellen erfolgt.
Auch ist die Kriminalität in den hellen Städten höher als auf dem dunklen Land.
Kriminalität ist ein soziales Problem, und es besteht kein nachweisbarer Effekt von Kriminalitätssenkung durch mehr Licht.“

Anita Giermann gibt zu bedenken:
„Alternativ zur völligen Dunkelheit bieten sich Bewegungsmelder beziehungsweise Straßenlampen an, die nicht nach oben strahlen.
Weiterhin spielt auch die Zusammensetzung des Lichts eine große Rolle.“

Mit etwas gutem Willen können Kommunen viel tun, um Lichtverschmutzung zu vermeiden – wenn das Thema erst einmal wahrgenommen wird. Foto: www.sternenpark-schwaebische-alb.de / Carsten Przygoda / Matthias Engel

Kein Licht in den Himmel abstrahlen, Straßenbeleuchtung dimmen und weniger Gebäude anleuchten

Auf die Frage, was Kommunen und Gewerbetreibende gegen Lichtverschmutzung tun können, meint Thomas Westerhoff:
Kommunen könnten zum Beispiel nachts ab 23 Uhr in schwach genutzten Nebenstraßen das Licht dimmen, oder teilweise ganz ausschalten.

Seine Forderung ist klar:
„Kommunen sollten generell auf Lampen verzichten, die Licht nach oben abstrahlen – weil hier nur unnütz Energie in den Himmel abgestrahlt wird.
Kugelleuchten und Skybeamer sollten verboten werden.“

Ebenso sollte überlegt werden, ob es sinnvoll ist jede Dorfkirche mit dem Vorwand der Tourismusförderung nachts in helles Licht zu tauchen.
Und das gelte auch für Firmengebäude.

 

Nachts beleuchtet man vielfach mit klimaunfreundlichen Energien

„Es gilt:
Weniger ist mehr – und nächtliches Abschalten spart nicht nur Stromkosten, sondern trägt auch zur Senkung des CO2 Ausstoßes bei, da in der Nacht der Strom schlechter durch erneuerbare Energien gedeckt werden kann und allzu oft noch aus Kern- oder Kohleenergie stammt“, betont Thomas Westerhoff.

 

Befolgt man ein paar einfache Regeln, kann man im Kampf gegen Lichtverschmutzung schon viel erreichen. Foto: www.sternenpark-schwaebische-alb.de / Carsten Przygoda / Matthias Engel

Tipps fürs eigene Handeln

Und was kann ich persönlich tun?
„Generell weniger Licht nutzen“, sagt Anita Giermann.
„Jeder kann für sich schauen, inwieweit die Außenbeleuchtung sinnvoll und notwendig ist.
Geht es darum, im Dunkeln den Weg zu finden, so reicht ein Bewegungsmelder.
Auch kann immer die Ausrichtung der Lichtquelle angepasst werden.
Je enger der Lichtkegel und je weniger nach oben gestrahlt wird umso geringer ist der Einfluss auf die Natur.
Beleuchtungen, die rein der Optik dienen, also der Zierde des eigenen Gartens sind natürlich nicht empfehlenswert und sollten vermieden werden.“

 

Nur in Thüringen ging die Lichtverschmutzung etwas zurück –
leider nur ein statistischer Effekt

Dass Thüringen das einzige Bundesland ist, in dem die Lichtverschmutzung zuletzt etwas zurückgegangen ist, das sei leider nur ein statistischer Effekt, der daraus resultiert, dass die Rhön im Südwesten seit einigen Jahren als „Sternenpark“ deklariert wurde und die dortigen Kommunen gezwungen sind, Lichtschutzmaßnahmen einzuleiten, erklärt Thomas Westermann:
„Dort ist die Lichtverschmutzung auch überdurchschnittlich stark gesunken, und es wurde gezeigt, dass es funktioniert.
In anderen Gebieten hat jedoch die Lichtverschmutzung leicht zugenommen.“

 

Ein sternenklarer Himmel mit der Milchstraße wäre schön –
und in Thüringen hat man an einigen Stellen gute Chancen

Nach einem (Geheim-)Tipp gefragt, wenn man einen sternenklaren Himmel sehen möchte, nennen beide den Sternenpark Rhön, Gebiete südlich von Saalfeld-Rudolstadt und auch die Kammlagen des Thüringer Waldes zwischen Oberhof und Schmücke – wenn dort nicht gerade Wintersportveranstaltungen stattfinden.

Für die Zukunft wünschen sich die drei mehr Aufmerksamkeit für das Thema.
Und Thomas Westerhoff ergänzt:
„Ein Sternenhimmel bei dem man die Milchstraße freisichtig erkennen kann, wäre schon ein guter Anfang.“

Daniel Dreckmann

Wäre ein sternenklarer Himmel mit der Milchstraße nicht wundervoll? Es liegt an uns, die schützende Dunkelheit zurückzuholen. Foto: www.lichtverschmutzung.de

 

Zwei Termine – aber nicht verwechseln

  • Am 7. September 2021 findet die nächste „Earth Night“ statt.
  • Ab 22 Uhr ­reduzieren Menschen die ganze Nacht über Licht.
  • Die „Earth Night“ findet immer zum September-Neumond statt.
  • Anders als bei der „Earth Hour“ im März, bei der das Licht für nur eine Stunde abgeschaltet wird, um symbolisch auf den Klimaschutz aufmerksam zu machen, wird bei der „Earth Night“ eine ganze Nacht ab 22 Uhr das Licht reduziert.
  • Mehr Infos:
    www.earth-night.info

 

Weiterführende Informationen und Hinweise

Wer sich eingehender mit dem Thema Lichtverschmutzung befassen möchte, kann sich zum Beispiel in Thüringen an die Sternwarten wenden, da diese sich schon sehr lange aus astronomischer Sicht mit dem Thema ­beschäftigen:

Die Fachgruppe „Dark Sky“ der Vereinigung der Sternfreunde e.V. beschäftigt sich ebenfalls sehr ­intensiv mit dem Thema:
www.lichtverschmutzung.de

Sehr interessant ist auch die Homepage der „International Dark Sky Association“ (IDA), auf der man Links zu internationalen Untersuchungen findet: www.darksky.org

Weitere interessante Internetseiten sind:

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