Ich war immer mehr der Zelter - meinanzeiger.de
29. Oktober 2020
Thüringen

Ich war immer mehr der Zelter

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow verteidigt die beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise, spricht sich für gut durchdachte Messe-Konzepte aus und lobt die Kreativität vieler Kommunen beim Tourismus. Foto: Daniel Dreckmann

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ist Schirmherr der Messe „Reisen & Caravan“, die von heute an bis Sonntag, 1. November 2020, auf der Erfurter Messe stattfindet.
Er stellte sich vorab unseren Fragen.

 

Wir müssen es schaffen, mit dem Virus klarzukommen

Am Mittwoch haben sich die Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin auf weitreichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens zur Eindämmung des Corona-Infektionsgeschehens verständigt.
Wie bewerten Sie die Ergebnisse der Beratung?

Ich hatte lange Zeit gehofft, wir könnten auf derartige drastische Maßnahmen, die den Menschen sehr viel zumuten, verzichten.
Aber wir haben in ganz Deutschland ein Infektionsgeschehen, das wir mit großer Sorge betrachten und das wir nicht mehr im Griff haben.
Wir haben uns darauf verständigt, im November tatsächlich das Leben im öffentlichen Raum herunterzufahren.
Was wir nicht wollen: die Schulen, die Kindergärten und den Einzelhandel zu schließen.
Wenn wir es jetzt schaffen, die Infektionsraten niedrig zu halten und den Anstieg und die Dynamik zu brechen, dann sind wir in der Lage mit dem Virus klarzukommen.
Wir müssen diese Verantwortung tragen, auch wenn es schwerfällt.
Wir schränken Menschen ein – sowas ist nie schön.
Aber wenn es gelingt, die Welle jetzt zu brechen, dann weiß ich, dass die Beschlüsse vom Mittwoch, mit denen ich hart gerungen habe, richtig waren.

 

Wir brauchen gut durchdachte und gut umgesetzte Messen

Sie haben sich bis zuletzt auch dafür eingesetzt, dass trotz aller Einschränkungen Messeveranstaltungen stattfinden können im Freistaat.
Nun wird es im November keine Messen geben können.

Wir brauchen gut durchdachte und gut umgesetzte Messen, bei denen man im Ernstfall ganz genau zurückverfolgen kann, wer dort wann war, um dann die geeigneten Maßnahmen ergreifen zu können.
Bei einem Großevent wie etwa dem Musik-Festival Sonne, Mond und Sterne mit 40 000 Teilnehmern war das nicht möglich.
Deshalb konnten und wollten wir solche Veranstaltungen nicht einmal im Sommer, als wir niedrige Fallzahlen hatten, zulassen.
Aber nehmen wir wieder als Gegenbeispiel die Thüringen-Ausstellung im März, kurz vor dem Lockdown.
Ich war damals selbst erstaunt und habe gelernt, was sich alles umsetzen lässt, wenn sich Gesundheitsamt, Aussteller und Veranstalter professionell abstimmen – und die beschlossenen Maßnahmen dann auch diszipliniert umsetzen: nicht zu viele Menschen auf zu engem Raum, genügend Abstand und die Möglichkeit der Nachverfolgung bei einer Infektion. Ökonomisch ist das für die Veranstalter immer ein Drahtseilakt, aber wir wollten beweisen, dass es geht.
Es hat funktioniert, und ich wünsche sehr, dass das auch auf der Messe „Reisen & Caravan“ an diesem Wochenende in Erfurt funktionieren wird.
Dennoch: Aktuell lassen sich 75 Prozent der Infektionen nicht mehr zurückverfolgen.
Das sind alarmierende Zahlen, auf die wir mit einschneidenden Maßnahmen auch im Messe- und Veranstaltungsbereich reagieren mussten.

 

„Ich musste bitter lernen, dass nichts sicher ist“

Wie gehen Sie damit um, dass Sie als Ministerpräsident Maßnahmen erlassen und durchsetzen müssen, die Sie als Mensch genauso einschränken wie alle anderen im Land?

Es ist hart.
Und ich musste bitter lernen, dass nichts sicher ist.
Am 12. März noch stand für mich felsenfest, dass wir in Thüringen keine Schulen schließen werden – und am 13. März mussten wir genau das beschließen.
Das macht einem zu schaffen.

Man denkt nur noch in Kategorien von: Was ist vorstellbar – und was geht?
Ich prüfe drei Mal am Tag die aktuellen Zahlen – und muss mich jedes Mal fragen:
Stimmen meine Argumente noch?

 

Es gibt in Thüringen ganz tolle Konzepte in den Gemeinden

Können Sie der augenblicklichen Situation auch positive Seiten abgewinnen, wenn etwa mehr Menschen in Deutschland Urlaub machen?

Natürlich hat es mich gefreut, im Sommer am Thüringer Meer zu sehen, dass viele Campingplätze an ihre Leistungsgrenze gestoßen sind.
Ich habe dort noch nie so viele Caravans gesehen.
Leider hat der Ansturm auch eine negative Seite, wenn einige meinen, sie könnten wild campen und ihren Müll dort zurücklassen. Das geht nicht.
Wir haben gute Campingplätze, und die sollten auch genutzt werden.
Ich freue mich über jede Gemeinde, die die Chance nutzt und Caravan-Stellplätze einrichtet.
Da gibt es ganz tolle Konzepte mit Stellplätzen neben Schwimmbädern oder Thermen.
In Mühlhausen konnte ich mir so etwas anschauen.
Im dortigen Freizeitbad können abends die Camper vom nebenan gelegenen Caravan-Stellplatz die Duschen nutzen.
Sie erhalten beim Einchecken auf dem Stellplatz einen Türöffner, der ihnen den Zugang zu den Sanitäranlagen ermöglicht.
Freizeitbad und Caravans ergänzen sich hier perfekt.

Aber auch beim Reisen gilt:
Jeder sollte für die kommenden Wochen prüfen, was unbedingt erforderlich ist und welche Reise sich vielleicht verschieben lässt.
Wir müssen unsere Kontakte minimieren, und dazu zählt auch, weniger mobil zu sein.

 

Noch nie richtig Caravan gefahren

Sind Sie selbst schon mal mit einem Caravan in Urlaub gefahren?

Ich war eigentlich immer mehr der Zelter, schon als Kind bei den Pfadfindern.
Ich bin ehrlich gesagt noch nie Caravan gefahren, wenn man mal vom Wahlkampf absieht.
Da hatten wir einen Caravan als mobiles Kommunikationsbüro.

Ich hatte aber immer einen Kombi, bei dem man die Rücksitze so umklappen konnte, dass man auch darin schlafen konnte.
Das habe ich bei vielen Konzerten auch getan und dann morgens den Kaffee auf einem kleinen Bunsenbrenner gekocht – das hat fast etwas von Camper-Romantik.

 

Vom Mittelmeer-Urlaub und der Bleilochtalsperre

Wo waren Sie dieses Jahr im Urlaub und wohin würden Sie gern mal wieder fahren?

Meine Frau und ich wollten im Frühjahr nach Italien ans Mittelmeer fahren.
Da gibt es die Möglichkeit, in Agrarbetrieben zu übernachten.
Die Italiener haben diesen „Agriturismo“ perfektioniert.
Wir hatten ein wunderschönes altes Landarbeiterhaus in einer Orangenplantage gemietet.
Aber dann stiegen die Corona-Zahlen dort derart an, dass die Fahrt unmöglich wurde.
Wir haben es auf den Herbst verschoben – und mussten erneut wegen Corona absagen.

Da bin ich sehr froh, dass ich mein Dauerquartier an der Bleilochtalsperre habe, ein Holzhaus mit Blick aufs Wasser.
Das wiegt immer wieder vieles auf.
Hier kann ich mit dem Hund in den Wald gehen, ohne jemanden zu treffen.
Hier bin ich frei.

Interview: Daniel Dreckmann

 

 

Weitere Informationen zur Messe „Reisen & Caravan“ finden Sie unter: www.reisen-caravan.de
sowie unter: www.reiseblog-thueringen.de

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