10. Januar 2022
Thüringen

Jeder zweite Thüringer Betrieb hat freie Stellen

Die Ergebnisse der Arbeitsmarktumfrage 2021 der Thüringer IHKs

Größter Personalbedarf besteht im Verkehrs- und Baugewerbe. (Foto: Pixabay)

In Thüringen sind rund 75.000 Stellen in der gewerblichen Wirtschaft frei. Dies ist das Ergebnis einer Hochrechnung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südthüringen, der die aktuelle Arbeitsmarktumfrage der Thüringer IHKs zugrunde liegt. Die Folgen sind einerseits Mehrbelastungen für die vorhandenen Mitarbeiter. Andererseits bedeuten nicht besetzbare Stellen, dass Unternehmen ihr Angebot einschränken müssen, Aufträge ablehnen oder verlieren. Dies führt zu weniger Wirtschaftswachstum und geringeren Einkommen.

 Der Motor der Thüringer Wirtschaft ist bereits lange vor den politisch verordneten Einschränkungen im Rahmen der Corona-Bekämpfung ins Stottern geraten. Infolge fehlender Arbeitskräfte sank in 2018 erstmals das Thüringer Bruttoinlandsprodukt, ein Rückgang um 0,2 Prozent, während deutschlandweit ein Zuwachs um 1,3 Prozent realisiert wurde. In 2019 ergab sich ein Rückgang um 0,5 Prozent, deutschlandweit hingegen ein Zuwachs um 0,6 Prozent. Die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter ist in Thüringen seit 2019 rückläufig. Der demografische Wandel wirkt, die altersbedingten Abgänge sind höher als die Eintritte junger Menschen in den Arbeitsmarkt.

„Nach unserer Schätzung sind in Thüringen rund 75.000 Stellen in der gewerblichen Wirtschaft zum Teil schon längere Zeit unbesetzt. Nur ein Bruchteil, aktuell 21.346 Stellen, wurden der Agentur für Arbeit als frei gemeldet. Die Agentur repräsentiert die Arbeitslosenversicherung und hat die Aufgabe, ihre Kunden in Arbeit zu vermitteln. In Zeiten niedriger Arbeitslosigkeit verzichten viele Unternehmen auf die Meldung freier Stellen, denn sie haben nichts davon. Daher unterzeichnen die Zahlen der Agentur für Arbeit die Dramatik auf dem Arbeitsmarkt. Gerade kleine und mittlere Unternehmen benötigen Unterstützung im Rahmen der Mitarbeitergewinnung“, erläutert Dr. Ralf Pieterwas, Hauptgeschäftsführer der IHK Südthüringen.

Größter Personalbedarf im Verkehrs- und Baugewerbe

Die repräsentative Umfrage mit rund eintausend Antworten aus Thüringer Unternehmen zeigt, dass jeder zweite Thüringer Arbeitgeber momentan über freie Stellen verfügt, im Durchschnitt sind es 3,8 je Betrieb. Hierbei sind die Vakanzen nach Branchen unterschiedlich. Die größte Betroffenheit herrscht im Verkehrs- und Baugewerbe. Hier verfügen zwei von drei Unternehmen über freie Stellen. In der Industrie weisen sechs von zehn Unternehmen unbesetzte Stellen auf.

Gesucht werden vor allem Mitarbeiter mit einem dualen Ausbildungsabschluss. 64 Prozent der Unternehmen mit freien Stellen würden Facharbeiter einstellen, 32 Prozent verfügen über Stellen für Bewerber, die zusätzlich über einen dualen Weiterbildungsabschluss wie Bachelor Professional, Meister oder Fachwirt verfügen. 31 Prozent der Unternehmen vor allem aus dem Gast- und Verkehrsgewerbe sowie aus der Industrie suchen auch Ungelernte. Als schwierig stellt sich dagegen der Arbeitsmarkt für Akademiker aus Hochschulen und Universitäten dar. Nur jedes vierte Unternehmen sucht Hochschulabsolventen. Stellen gibt es vor allem im Dienstleistungsbereich und im Baugewerbe. Bewerbermangel bremst konjunkturellen Aufschwung.

Bewerbermangel bremst konjunkturellen Aufschwung

Bleiben Bewerber aus, wollen drei von vier Unternehmen versuchen, die Arbeit neu im Betrieb zu verteilen. Bewerbermangel bedeutet daher mehr Arbeit für die übrigen Beschäftigten. Bewerbermangel bedeutet außerdem stärkeren Wettbewerb zwischen den Unternehmen um die besten Köpfe. In einigen Thüringer Landkreisen stagniert bereits seit Jahren die Zahl der Beschäftigten. Unternehmen können hier nur noch durch Abwerbung Stellen besetzen. Daher wollen 57 Prozent der Betriebe ihre Arbeitgeberattraktivität steigern. Zusammen mit Lohnsteigerungen führt dies zu steigenden Arbeitskosten, die 67 Prozent der Unternehmen in Folge des Bewerbermangels erwarten.

Eine weitere Folge des Bewerbermangels sind die Einschränkung des Angebots und die Ablehnung von Aufträgen. „Thüringen verliert an Wettbewerbsfähigkeit, realisiert weniger Wachstum und büßt Einkommen und Lebensqualität ein. Die Fachkräftelücke ist inzwischen erheblich größer als die Zahl der Arbeitslosen. Mit eigenen Kräften kann der Bedarf der Unternehmen schon lange nicht mehr gedeckt werden. Daher sollten alle an einem Strang ziehen, um Thüringen attraktiv für Arbeitskräfte aus anderen Regionen zu machen“, erklärt Dr. Pieterwas.

Hinweis: Die Angaben basieren auf der Arbeitsmarktumfrage 2021 für Thüringen der Thüringer IHKs sowie die Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Betriebe und sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, Land Thüringen zum Stichtag 30.06.2020.

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