4. Dezember 2020
Thüringen

Meine Begegnungen mit dem Vatikan — Ein Spagat zwischen Glauben und Kommerz

Foto-Erinnerungen an Rom: Vor einem Jahr durfte man noch Reisen....

Papst Franziskus ist eine faszinierende Persönlichkeit, die bei den Menschen große Hoffnungen geweckt hat und hoffentlich auch diese Erwartungen umsetzen kann. Ganz auffällig zur Papstaudienz, das katholische Kirchenoberhaupt spricht grundsätzlich vom christlichen Glauben und einer christlichen Kirche. Foto: Andreas Abendroth

Von Andreas Abendroth

Die schönsten Momente an einer ganz besonderen Reise sind die Erinnerungen – die bleiben. Und wer eine Reise tut, kann viel berichten. Im Besonderen, wenn man den Vatikan in Rom besuchen darf. Doch man muss sich auch im Vorfeld im Klaren sein, dass man sein Glaubensbild als getaufter Christ und die Kulturgüter des Staates Vatikan sehr strickt trennen muss. Sonst könnte man schnell zu falsch gezogenen Schlüssen kommen, sprichwörtlich den Glauben verlieren.

Besonders, wenn man die unzähligen Touristengruppen und die Menschenströme sieht, welche in Schlangen bis zu drei Stunden Wartezeit vor den Vatikanischen Museen anstehen. Sich danach – angetrieben durch Avanti-Rufe des Aufsichtspersonals – durch die Gänge der Museen, auch der Sixtinische Kapelle und durch den Petersdom drängen und schieben. Man findet einfach nicht die Ruhe, die Muse und die Möglichkeit, um die historisch wertvollen Kunstgegenstände in allen Einzelheiten betrachten zu können.

Oftmals keinen Respekt vor der Religion

Besonders in der Basilika Sankt Peter (Petersdom) ist während der Hauptöffnungszeiten kaum Glauben und Andacht zu finden. Wie ein Magnet zieht die Basilika jeden Tag über 35.000 Menschen aus allen Kulturen und Religionen der Welt an. Ich bin irritiert. Ungeniert werden mit Selfisticks belustigende Spots gedreht, es wird innerhalb der Kirche gegessen und getrunken, lautstarke Unterhaltungen geführt – nichts deutet darauf hin, dass man sich in einem Gotteshaus befindet. Die Ermahnungen der Ordner verhallen in der riesigen Kirche.

Ein Höhepunkt eines Vatikanbesuches ist mit Sicherheit, wenn man eine Einladung zur „Udienza Generale“ – der Generalaudienz beim Papst Franziskus – in den Händen hält. Man ist voller Stolz, wenn einem die Zugangsberechtigung im Pilgerzentrum ausgehändigt wird.

Ebenso erging es mir, als mir von einem salutierenden Soldaten der Schweizer Garde der Durchgang zum Campo Santo dei Teutonici e dei Fiamminghi, dem Friedhof der Deutschen und der Flamen, gewährt wurde. Man entflieht danach dem unendlich lauten Alltagsgetriebe auf dem Petersplatz, den scheinbar nicht enden wollenden Touristenströmen, dem Lärm von Rom. Man taucht ein in eine Welt hinter hohen Mauern, findet Besinnung und Ruhe.

Spaziergang durch die Vatikanischen Gärten und zur Audienz beim Papst

Dieses Empfinden hatte ich auch bei einem autorisierten Spaziergang durch die Vatikanischen Gärten und gewissermaßen auch zur Papstaudienz. Nachdem alle Sicherheitshürden genommen sind, man Platz auf seinem Stuhl genommen hat, erlebt man die vielen anderen Menschen, welche sich auf dem Petersplatz einfinden. Und ganz viele von ihnen sind in keinem christlichen Glauben verankert. Ich beobachte die Schwestern der von Mutter Teresa gegründeten Ordensgemeinschaft „Missionarinnen der Nächstenliebe“. Man sieht den Frauen die Ehrfurcht in den Gesichtern an. Ganz anders bei einer Gruppe junger Männer aus Spanien. Sie singen lautstark und mehrstimmig Lieder aus ihrer Heimat, klatschen im Takt dazu.

Dann ein kurzer Moment der Stille auf dem riesigen Platz. Auf einer riesigen Monitorwand sieht man, wie Papst Franziskus im offenen Fahrzeug anrollt. Danach tausendfacher Jubel und tausendfache hochgehaltene Handys. Jeder versucht seine besondere Aufnahme vom Papst zu bekommen. Franzikus gibt sich offen und für ein Kirchen- und Staatsoberhaupt sehr locker. Auf manche Zurufe antwortet er oder der Daumen geht nach oben. Kinder werden gesegnet, immer wieder stoppt zum Leidwesen der Sicherheitsbeamten das Papamobil. Zum Schluss gibt es noch ein Gruppenfoto mit den „Jesus Bikern“ aus Hettstadt bei Würzburg. Der Motorradclub – er vereint Protestanten, Katholiken und Orthodoxe, die Mitglieder müssen getauft sein und sich zum Christentum bekennen –   übergab dem Pontifex eine weiß-schwarze Harley-Davidson, die natürlich vom Papst eigenhändig signiert wurde.

Genau so habe ich mir einen Papst vorgestellt. Ein Hirte, nicht abgehoben und entrückt. Und dieses menschlich normale spiegelt sich auch in seiner Ansprache wieder. Es ist Ruhe eingekehrt auf dem Petersplatz. Die Gäste sitzen auf ihren Stühlen – ansonsten wird man deutlich von der Polizia darauf hingewiesen sich zu setzen –  und lauschen den Worten. Zur Generalaudienz betont Franziskus: „Das die Gabe Gottes nicht erkämpft oder erstritten werden könne. Alles wird gratis gegeben und zu seiner Zeit. Das Heil kann man nicht kaufen und nicht bezahlen: es ist eine kostenlose Gabe, ein Geschenk.“

Papst Franziskus geht auf die Menschen zu, spricht von einer christlichen Kirche

Im Weiteren sprach Papst Franziskus von einer apostolischen, universalen Kirche. Er stellt den gemeinsamen christlichen Glauben sehr explizit in den Mittelpunkt. Davon, dass alle Anwesenden als Familie des Herrn warten um eins im Gebet zu sein — zusammen mit Maria und den Frauen, die als erstes vom Herrn gelernt haben, die Treue der Liebe und die Kraft der Gemeinschaft zu bezeugen, die alle Furcht überwindet. Er bat darum: „Bitten wir den Herrn um die Geduld, sein Wirken zu erwarten und nicht nur Zeuge sondern Werkzeug seines Tagwerks zu sein und uns stets vom Heiligen Geist treiben zu lassen.“

Worte des katholischen Kirchenoberhauptes, in welchen man versteckte Botschaften deuten könnte. Worte, welche Hoffnung auf Reformierungen machen aber jedoch noch keine klaren Aussagen enthalten.

 

Mein Tipp für Rom und den Vatikan:

Ganz zeitig aufstehen und gleich nach Öffnung oder am Abend kurz vor der Schließung den Petersdom besuchen. Dann sind die Tagestouristen und die unzähligen Reisegruppen nicht vor Ort. Und dies gilt auch für die vielen anderen Sehenswürdigkeiten innerhalb Roms. Ganz wichtig, nach Möglichkeit ein Einlass-Ticket online davor bestellen. In viele historische Bauwerke – so auch das Kolosseum – kommt man sonst nicht mehr rein, da die Zugangszahlen durch die Stadt Rom beschränkt wurden. Außerdem nach Möglichkeit kein großes Gepäck (Taschen, Rucksack etc. mitnehmen). Im Übrigen sind die Sicherheitskontrollen an fast allen Zugängen sehr streng und ähnlich wie beim Flughafen.

Im Übrigen: Ich habe Rom und den Vatikan an meinen fünf Aufenthaltstagen komplett zu Fuß erkundet (Außer der Transfer von und zum Flughafen.) Nur so kann man wirklich italienisches Flair und die Gastfreundschaft hautnah erfahren.

Apropos Sicherheit im und um den Vatikan: Für Sicherheitsbelange und die Aufrechterhaltung der Ordnung auf dem Staatsterritorium innerhalb des Vatikanstaates sind die Corpo della Gendarmeria dello Stato della Città del Vaticano (Vatikan-Gendarmerie) sowie die Schweizergarde zuständig. Der Petersplatz und die Außenbereiche werden durch eine italienische Polizei-Sondereinheit gesichert, welche dem italienischen „Inspektorates für die öffentliche Sicherheit beim Vatikan“ untersteht.

 

Hier mal einige Foto-Eindrücke…..

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