16. September 2021
Thüringen

Ortschronisten auf Entdeckertour 2021

Meiningen und Berkach

Menora in Berkach

Menora in Berkach

Nach erneuter Corona-Abstinenz wollten die Ortschronisten des Weimarer Landes ihren jährlichen Blick über den Tellerrand nutzen.

Es geht nach Meiningen und nach Berkach mit seinem besonderen jüdischen Bauensemble. Geschichtsträchtige Orte!

Meiningen – die Stadt der Kunst- und Theaterpflege in Vergangenheit und Gegenwart. Die Ortschronisten treffen sich [nach Ausfüllen des Kontaktnachverfolgungsformulars] im Hof von Schloss Elisabethenburg mit dem Kreisheimatpfleger Axel Wirth, der betont, dass er nicht über eine solche Gruppe von erfahrenen Ortschronisten und Heimatpflegern verfügt und sich freut, mit uns gemeinsam die historisch bedeutenden Bauten der Stadt und ausgewählte Punkte ihrer Geschichte zu erkunden. Theaterfreunden ist der Name Meiningen seit langem ein Begriff. Herzog Georg II. entwickelte die kleine Residenzstadt zu einem der wichtigsten kulturellen Zentren Deutschlands. Dies werden wir später im Theatermuseum selber erfahren. Meiningen hat aber weitaus mehr zu bieten. Axel Wirth erzählt von den verschiedenen baulichen Veränderungen an den Türmen des Schlosses und von der jetzigen Nutzung durch Kommunalpolitik, Musikschule, Museum und Café. Von hier aus flanieren wir entlang des Hauses von Johann Ludwig Bach, vorbei an den wunderschönen Bürgerhäusern der Tuchmacher hin zum Büchnerschen-Hinterhaus im Henneberg-Fränkischen Stil aus dem Jahr 1596. Wenn man dem Hahn etwas Geldfutter zukommen lässt, erklingt sein freudiges Krähen. Unser Weg voller sachkundiger Erläuterungen führt vorbei an der Stadtkirche. Wir erfahren dabei auch vom einmaligen Instandsetzungs-Dampflokwerk in Meiningen, das seit 1914 als Kompetenzzentrum für historische Eisenbahnen fungiert. Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart mischen sich in der interessanten Führung. So steht auch die 1972 geweihte katholische Kirche „Unsere Liebe Frau“ auf dem Programm. Mit ihrer außergewöhnlichen künstlerischen Gestaltung in Beton-Glas-Bauweise zieht sie die Besucher in ihren Bann. Wenige Schritte weiter gibt ein Brunnen mit dem Modell einer Kapelle auf dem Brunnenstock über jenen Ort Auskunft, wo einst die 1374 für die während der Judenverfolgung 1349 zerstörte Synagoge errichtete Sühnekapelle stand. Von noch vielen anderen geschichtsträchtigen Fakten berichtet Axel Wirth. Als kleines Dankeschön überreichte Frau Dr. Braune unsere Jubiläumsbroschüre zum 25. Kreisheimattag.
Nun erwartet uns das Theatermuseum. Zu sehen ist im großen Saal das Bühnenbild der „Parklandschaft bei Fotheringhay Castle“ zum III. Akt aus Friedrich Schillers Maria Stuart in der Inszenierung des Meininger Hoftheaters von 1884. Das Bühnenbild ist monumental und geschichtlich von großer Bedeutung. Durch seine für die damalige Zeit außergewöhnlichen Inszenierungen wurde Georg II. zum Begründer des modernen Regietheaters in Europa. Ergänzt werden die Bühnenbilder durch fast dreißig Skizzen des Herzogs, Regiebücher, Szenarien, eine ganze Menge handgeschriebener Rollenbücher sowie verschiedenste Kostüme.
In Berkach werden wir von Ortschaftsbürgermeister Uwe Thomas und Gundula Bach, die sich schon lange ehrenamtlich um die Zeugnisse jüdischen Lebens ihres Heimatortes kümmert, begrüßt. Auch sie freut sich über unsere Jubiläumsbroschüre zum 25. Kreisheimattag. Mit viel Herzblut und Engagement berichtet sie von der wechselvollen Geschichte des in Thüringen einzigartigen Bauensembles aus Synagoge, Mikwe [Ritualbad], Schule und Friedhof. Die Synagoge und die jüdische Schule wurden 1852 bis 1854 erbaut. Die Synagoge konnte 1991 feierlich wiedergeweiht werden. Gundula Bach verweist auf die wichtigsten Bestandteile einer Synagoge: den Thoraschrein mit der Thora und dem Lesepult, das ewige Licht, die Menora und die Mesusa. Jedem Teil weiß sie Geschichten aus Vergangenheit und Gegenwart beizugeben. Die Zeit vergeht wie im Flug. Die direkt gegenüberliegende Schule [man kann mit zwei Schritten aus der Synagoge in die Schule gelangen] wartet allerdings noch heute auf ihren Umbau, um sie als Bistro und Übernachtungsstätte nutzen zu können. Die Mikwe wurde 1838 errichtet und 1990 restauriert, wobei sie in ihrer ursprünglichen Weise wieder hergestellt wurde. Sie gilt als eine der wenigen koscheren Mikwen. Gemäß jüdischen Brauchtums liegt der gut erhaltene jüdische Friedhof außerhalb des Ortes. Viele Inschriften der Grabsteine sind noch recht gut lesbar. Natur und Geschichte einen sich hier in ganz besonderer Weise.
Reich beschenkt an Wissen und interessanten Eindrücken treten wir den Heimweg an – ein ereignisreicher Tag endet.
Unser Dank gilt der Kreisheimatpflegerin, Frau Dr. Gudrun Braune für die vorbereitenden Absprachen. Alle Teilnehmer haben, wie auch die Menschen vor Ort, diesen ersten Ausflug nach dem erneuten Lockdown ganz besonders genossen.

Auch interessant