17. März 2021
Thüringen

Thüringer Ergebnisse des ADFC-Fahrradklima-Tests 2020

Radfahrer*innen waren im Herbst 2020 bundesweit aufgerufen, im ADFC-Fahrradklima-Test die Fahrradfreundlichkeit vor Ort zu beurteilen. Nun liegen die Ergebnisse vor. (Symbolbild: Pixabay)

Radfahren boomt, immer mehr Menschen entdecken das Fahrrad als Fahrzeug der Wahl im Alltag wie auch in der Freizeit für sich, vielerorts werden kurzfristig Maßnahmen wie Pop-up-Bikelanes umgesetzt, um dem wachsenden Bedarf entgegenzukommen. Doch wie sieht es in Thüringen aus – wie beurteilen hier Radfahrer*innen die städtische Radverkehrssituation? Im Herbst 2020 waren bundesweit wieder Radfahrer*innen aufgerufen, im ADFC-Fahrradklima-Test die Fahrradfreundlichkeit vor Ort zu beurteilen. Nun liegen die Ergebnisse vor. Für Thüringen fallen sie weitgehend ernüchternd aus.

27 Fragen zur Fahrradfreundlichkeit von Städten, 21 Fragen zur Bedeutung verschiedener Aspekte des Radfahrens, fünf Zusatzfragen zum Radfahren in Zeiten von Corona – im Rahmen des Fahrradklima-Tests 2020 sollten Radfahrer*innen in Deutschland die Fahrradfreundlichkeit ihrer Städte mittels Schulnoten von 1-6 beurteilen. Etwa 230.000 Menschen – und damit mehr als je zuvor – folgten der Aufforderung. Auch in Thüringen stieg die Beteiligung deutlich. 14 Städte erreichten die notwendigen Teilnehmer*innenzahlen. Neun von ihnen waren bereits 2018 dabei. Verbesserungen in ihrer Bewertung sind kaum zu verzeichnen: „Im Vergleich zu anderen Städten, in denen zuletzt der Radverkehr massiv gefördert wurde, tut sich in Thüringen wenig. Das bekommen auch einige hiesige Radler mit“, so Dr. Friedrich Franke, Vorsitzender des ADFC-Landesverbandes Thüringen. Ein Aufholen auf den bundesweiten Anteil an allen Verkehrsarten kann so nicht gelingen.

Thüringer Städte weiterhin im unteren Mittelfeld

In der aktuellen Umfrage liegen fast alle Thüringer Städte im Bundesvergleich im unteren Mittelfeld oder darunter. Im Vergleich besonders schlecht bewertet wurden Gotha (Rang 407/415) und Nordhausen (396/415). Positive Ausnahmen bilden Sömmerda (9/418) und Ilmenau (24/415). Im Vergleich zum vorhergehenden Fahrradklima-Test 2018 haben sich Jena, Gera, Weimar, Ilmenau und Eisenach verschlechtert. Erfurt, Nordhausen und Gotha haben ihr Niveau gehalten. Lediglich Arnstadt konnte seine Note leicht verbessern – allerdings bei halbierter Teilnehmerzahl knapp oberhalb der Auswertungsschwelle, was das Ergebnis zweifelhaft macht.

Gestiegene Beteiligung

Insgesamt liegen die Teilnahmezahlen in Thüringen (ca. 13 / 10.000 Einwohner*innen) deutlich unter dem Bundesdurchschnitt (ca. 28 / 10.000 Einwohner*innen). Dies kann als Indiz für die vergleichsweise geringere Bedeutung des Radfahrens für die Thüringer*innen gelten Dennoch ist in Thüringen – wie auch bundesweit – die Beteiligung am Fahrradklima-Test im Vergleich zu 2018 deutlich gestiegen: von 2.141 Teilnehmer*innen 2018 auf jetzt 2.788 Teilnehmer*innen (30% – 3 von 5 – Steigerung). Dies weist auf die wachsende Bedeutung des Radfahrens und eine wachsende Wahrnehmung radverkehrspolitischer Themen hin. Die höchste Steigerung konnten Erfurt, Gera und Gotha verzeichnen. Deutlich rückläufig waren die Teilnehmer*innenzahlen hingegen in Jena, Arnstadt und Ilmenau. Ganz neu bzw. nach einer Pause wieder dabei waren diesmal Suhl, Mühlhausen, Sömmerda, Weida und Leutenberg. Saalfeld konnte die erforderliche Teilnehmer*innenzahl nicht wieder erreichen.

Zügig in die Innenstadt, schlechte Führung an Baustellen

Wie 2018 wurden auch 2020 die gute Erreichbarkeit der Innenstadt und das zügige Vorankommen mit dem Rad in den meisten Thüringer Städten positiv hervorgehoben. Als größte Ärgernisse benannten die Thüringer Teilnehmer*innen die unzureichenden Breiten der Wege für Radfahrer*innen (v.a. in Erfurt, Weimar, Nordhausen, Gotha), zugeparkte Radwege (v.a. in denselben Städten) und die Führung an Baustellen (v.a. in Weimar, Gotha, Nordhausen).

Im Vergleich zu 2018 haben sich in den größeren Thüringer Städten (>50.000 Einwohner*innen) die Noten für Akzeptanz als Verkehrsteilnehmer*in (-0,3), Falschparker auf Radwegen (-0,3), Konflikte mit Kfz (-0,3), Sicherheit auf Radwegen und -streifen (-0,3), Breite der Wege (-0,4), Oberfläche (-0,3) und Abstellanlagen (-0,3) signifikant verschlechtert. Signifikante Verbesserungen gab es für keine Frage. Im Bundesvergleich erreichten die größeren Thüringer Städte (>50.000 Einwohner*innen) signifikant schlechtere Bewertungen hinsichtlich Werbung fürs Radfahren (-0,6), Förderung in jüngster Zeit (-0,6), Leihfahrrädern (-0,5), Konflikten mit Fußgängern (-0,4), Wegweisung (-0,4) und Fahrraddiebstahl (-0,3). Der einzige Punkt, der im Bundesvergleich für Thüringen signifikant positiver bewertet wurde, ist die Oberflächenbeschaffenheit der Wege für Radfahrer*innen (+0,3).

Überraschung Leutenberg

Eine Überraschung hält Leutenberg bereit, das als Newcomer im Fahrradklima-Test mit 298 Teilnehmer*innen pro 10.000 Einwohner*innen sofort einen Beteiligungsrekord erzielte (Rang 1/1.024). Wesentlicher Grund hierfür dürfte der Wunsch der Leutenberger*innen nach einem Radweg entlang der oder parallel zur B 90 von Leutenberg in Richtung Hockeroda – Kaulsdorf – Saalfeld sein. Die Teilnahme am Fahrradklima-Test bietet hier die Chance auf erhöhte Aufmerksamkeit für dieses Anliegen.

Prioritäten der Thüringer Radfahrer*innen

Befragt nach der Wichtigkeit verschiedener Aspekte für das Radfahren stimmen die Befragten in allen Thüringer Städten dahingehend überein, dass dem Sicherheitsgefühl für Radfahrer*innen, der Akzeptanz von Radfahrer*innen als Verkehrsteilnehmer*innen, der Konfliktfreiheit zwischen Rad- und Autoverkehr sowie der Hindernisfreiheit auf Radwegen ein besonders hoher Stellenwert zukommt.

Zusatzbefragung Corona

Fünf Zusatzfragen zum Thema Corona und Radfahren betrafen a) handfeste Signale für mehr Fahrradfreundlichkeit, b) die Neuentdeckung des Fahrrads durch Bürgermeister*innen und Kommunalpolitiker*innen, c) die Empfehlung des Radfahrens in lokalen Medien, d) die persönliche Entdeckung neuer, mit dem Fahrrad erreichbarer Ziele und e) eine mögliche Steigerung der Bedeutung des Fahrrads.

Auch in diesem Befragungsteil liegen fast alle Thüringer Städte im Bundesvergleich im (unteren) (Rang)- Durchschnittsbereich. Positive Ausnahmen sind Arnstadt und vor allem Sömmerda. Besonders negativ – 4 von 5 – stechen Erfurt, Gera, Weimar und Gotha heraus. Auch im Vergleich der Thüringer Städte schneidet Sömmerda in allen coronabezogenen Fragen mit Abstand am besten ab. Arnstadt und Eisenach nehmen ebenfalls vordere Plätze ein.

Insgesamt sind über alle Städte hinweg auf der persönlichen Ebene Bedeutung und Nutzung des Fahrrads (Fragen d und e) gestiegen (Noten 2,3-3,9). Das wahrgenommene Engagement der Politik (Fragen a und b) bleibt in allen Städten deutlich dahinter zurück (Noten 4,0-5,9).

Im Vergleich zu den Standardfragen fällt die coronabezogene Bewertung in fast allen Thüringer Städten schlechter aus. Besonders gravierend sind die Unterschiede in Sömmerda, Arnstadt und Ilmenau.

Einordnung der Thüringer Städte im Bundesvergleich (bestes / schlechtestes Ergebnis)

  • • 26 Städte mit 200.000-500.000 Einwohnern (2018: 25): Karlsruhe (3,07) – Erfurt (4,22 = Rang 18) – Duisburg (4,47)
  • • 41 Städte mit 100.000-200.000 Einwohnern (2018: 41): Göttingen (3,27) – Jena (4,05 = Rang 18) – Hagen (4,86)
  • • 110 Städte mit 50.000-100.000 Einwohnern (2018: 106): Nordhorn (2,64) – Gera (4,16 = Rang 74) – Weimar (4,19 = Rang 80) – Lüdenscheid (5,01)
  • • 415 Städte mit 20.000-50.000 Einwohnern (2018: 311): Baunatal (2,39) – Arnstadt (3,35 = Rang 22) – Ilmenau (3,41 = Rang 24) – Suhl (4,05 = Rang 272) – Eisenach (4,20 = Rang 325) – Mühlhausen (4,32 = Rang 362) – Nordhausen (4,46 = Rang 396) – Gotha (4,57 = Rang 407) – Kulmbach (4,72)
  • • 418 Städte mit <20.000 Einwohnern (2018: 186): Wettringen (1,96) – Sömmerda (2,71 = Rang 9) – Weida (4,24 = Rang 356) – Leutenberg (4,26 = Rang 361) – Schiffweiler (4,86)

Teilnehmer*innenzahlen in Thüringen (Zahlen von 2018 in Klammern; Städte mit „-“ waren 2018 nicht in der Wertung)

  • Erfurt: 930 (608)
  • Jena: 349 (537)
  • Gera: 142 (100)
  • Weimar: 293 (281)
  • Arnstadt: 53 (106)
  • Ilmenau: 73 (142)
  • Suhl: 162 (-)
  • Eisenach: 174 (163)
  • Mühlhausen: 184 (-)
  • Nordhausen: 74 (59)
  • Gotha: 111 (64)
  • Sömmerda: 102 (-)
  • Weida: 79 (-)
  • Leutenberg: 62 (-)

Größte Umfrage dieser Art weltweit, wachsende Relevanz

Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die weltweit größte Umfrage zur Zufriedenheit von Radfahrer*innen. Er wird alle zwei Jahre mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums durchgeführt. Der erste Test fand 1988 statt; weitere Tests gab es 1991, 2003, 2005, 2012, 2014, 2016 und 2018. Der aktuelle Fahrradklima-Test ist somit der neunte seiner Art. Die Zahl der Teilnehmer*innen wie auch der bewerteten Städte ist erneut im zweistelligen Prozentbereich gewachsen. Dies weist auf die zunehmende Relevanz von Radfahren und Fahrradfreundlichkeit hin.

Teilnahmebedingungen

Das Konzept sieht vor, dass nicht ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung an der Erhebung teilnimmt (d.h. auch die Nichtradfahrenden), sondern ein möglichst breiter Kreis an Viel- und Gelegenheitsradfahrer*innen. Diese als Zielgruppe von Maßnahmen zur Radverkehrsförderung übernehmen damit gleichzeitig die Funktion der Bewertung der Radverkehrsbedingungen. Die Erhebung erfolgte mit Hilfe eines Fragebogens, der online oder in Papierform ausgefüllt werden konnte. Wesentliche Verbreitungswege der Aufrufe zur Teilnahme waren die Mitgliederzeitschriften, Internetseiten und Sozialen Medien des ADFC, lokale und regionale Medienberichte, Internetseiten von – 5 von 5 – Städten sowie Werbeflyer und Plakate, z.B. in Fahrradläden und Ortsämtern.

Teilnehmer*innen

Insgesamt gingen 229.696 Fragebögen (225.060 Online, 4.636 schriftlich) ein, von denen 225.639 Interviews nach verschiedenen Prüfungen (u.a. Aussortierung leerer Fragebögen, Mehrfachteilnahmen) ausgewertet werden konnten. 1.024 Städte und Gemeinden erreichten die vorab festgelegte Mindestfallzahl an erforderlichen Teilnehmer*innen (Städte >200.000 Einwohner*innen: 100, Städte 100.000-200.000 Einwohner*innen: 75, Städte und Gemeinden <100.000 Einwohner*innen: 50). Für diese liegen insgesamt 204.824 Interviews vor. Die hier dargestellten Ergebnisse enthalten nur Auswertungen aus diesen Orten.

Von den Teilnehmer*innen waren:

  • • Geschlecht: 43% weiblich, 57% männlich, 1% divers
  • • Alter: 2% <18 Jahre, 11% 18-29 Jahre, 36% 30-49 Jahre, 44% 50-69 Jahre, 7% >70 Jahre
  • • Fahrradnutzung: 63% (fast) täglich, 28% (1-3x) wöchentlich, 7% (1-3x) monatlich, 2% seltener, 1% (fast) nie
  • • ADFC-Mitglied: 15% ja, 85% nein

Weitere Informationen: www.fahrradklima-test.adfc.de.

Radfahrer in Gera vergeben die Schulnote 4,16 bei der subjektiven Bewertung der Fahrradfreundlichkeit in ihrer Stadt. (Symbolbild: Pixabay)

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