16. April 2022
Thüringen

Von falschen Hasen und edlen Kaninchen

Streicheln beruhigt: Kaninchen können wahre Herzensbrecher sein. Foto: Xaya / www.pixabay.com

Sprachliche Unschärfen verstellen den Blick auf eine faszinierende Gattung, eine spannende Kulturgeschichte, Traditionspflege mit Widersprüchen und tolle Tiere

Auf die Frage, wie viele Hasen denn in Thüringer Vereinen gezüchtet werden, muss Frank Zweimann, der beim Landesverband Thüringer Rassekaninchenzüchter e. V. für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, kurz lächeln.
„Nicht einer“, sagt er dann. „Nur Kaninchen können gezüchtet werden.
Hasen sind reine Wildtiere und eine ganz andere Gattung.“

Viele Unterschiede zwischen Kaninchen und Hasen

Die Unterschiede, führt Frank Zweimann aus, ­beschränken sich bei weitem nicht nur darauf, dass Feldhasen größer und schwerer sind als Kaninchen:

  • Hasen bringen ihre Jungen in einem Lager auf offenem Feld – der sogenannten Sasse – zur Welt, während Wild­kaninchen, die Vorfahren unserer heutigen Kaninchen, einen Kaninchenbau anlegen und ihre Jungen dort, geschützt, zur Welt bringen.
  • Hasen bringen bis zu fünf Junge zur Welt, die mit Fell und offenen Augen geboren werden, während Kaninchen sieben bis zehn Junge zur Welt bringen. Kaninchenjunge werden blind und nackt geboren.
  • Hasenjunge sind Nestflüchter, die sofort nach der ­Geburt laufen können, während Kaninchenjunge als Nesthocker zunächst in ihrer Höhle verbleiben.
  • Hasen sind Einzelgänger, während Kaninchen in einer Gruppe, einer Kolonie leben.
  • Hasen und Kaninchen können sich nicht verpaaren, weil Hasen 48 Chromosomenpaare haben, Kaninchen aber nur 44.

Sprachliche Verwirrungen

Dass Laien Hasen und ­Kaninchen dennoch immer wieder miteinander verwechseln, mag auch daran liegen, dass Kaninchenzüchter ihre weiblichen Tiere verwirrenderweise als „Häsinnen“ ­bezeichnen und dass es eine Kaninchenrasse mit dem ­Namen „Hasen“ gibt.

„Entscheidend ist, dass ­Hasen Wildtiere sind, die in Gefangenschaft nicht gehalten werden können, während der Mensch seit etwa 4000 Jahren Kaninchen als Nutztiere domestiziert“, ­betont Frank Zweimann. ­

Spannende Kulturgeschichtchen

Zunächst wurden die Tiere mit Hühnern und anderem Vieh zusammen gesperrt.
„Die Idee, Kaninchen in kleinen Ställen zu halten kam erst mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 nach Deutschland“, erzählt Frank Zweimann.
„Deutsche Soldaten hatten die Stallhaltung in Frankreich gesehen und brachten die Idee mit in die Heimat.
So wurde der ­Kaninchenzuchtverein in Kölleda, wo ich herkomme, 1896 gegründet.“

Der Siegeszug der Kaninchen

Was folgte, war eine ­ Erfolgsgeschichte.
Heute gibt es in Thüringen 352 Rassekaninchenzuchtvereine, die in 23 Kreisverbänden organisiert sind und insgesamt 3480 Mitglieder zählen.
253 davon sind Jugendzüchter. Allein im vergangenen Jahr wurden im TGRDEU, in der Fachdatenbank für Tiergenetische Ressourcen in Deutschland, 35 .579 Jungtiere in Thüringen registriert.
„Dazu kommen noch einmal zirka 15 .000 Alttiere, also ­Häsinnen und Rammler und noch einmal geschätzte 15. 000 Kaninchen die als Heimtiere oder von Freizeit- und Hobbyzüchtern gehalten werden, also von Haltern, die nicht in einem Verein organisiert sind“, erzählt Frank Zweimann.

Offiziell 95 Rassen mit 350 verschiedenen Farbschlägen

Nach dem offiziellen ­Bewertungsstandard der ­Kaninchenzüchter gibt es in Deutschland 95 Kaninchenrassen mit 350 verschiedenen Farbschlägen.
„Das mit den Farbschlägen muss man sich so vorstellen: Es gibt zum Beispiel die sehr beliebte Rasse der Kleinsilber.
Das sind Tiere mit einem ­Gewicht von etwa 3,25 Kilogramm.
Die Tiere sehen im Idealfall alle gleich aus und unterscheiden sich nur in der Farbe ihres Fells – schwarz, blau, havanna, gelb, grau-braun oder hell.
Der Ehrgeiz jedes Züchters ist, dass seine Tiere möglichst perfekt diesen Standards entsprechen und bei einer Rassekaninchenschau ausgezeichnet werden“, ­erklärt Frank Zweimann.

Widersprüche der Kaninchenzucht

Dass ausgewählte Zucht­tiere dafür entgegen ihrer Art in Einzelkäfigen gehalten werden, damit sie sich nicht wahllos paaren sondern möglichst nur mit Tieren, die ebenfalls möglichst hohen ästhetischen Standards entsprechen, gehört mit zu den Widersprüchen der Kaninchenzucht.
Der Züchter ­betont jedoch, dass die Jungtiere die ersten vier bis fünf Monate immer zusammen aufwachsen und erst danach getrennt werden.

Ein schönes aber kurzes Leben

Ein Kaninchen kann sieben bis neuen Jahre alt werden, bei einem Züchter wird es aber maximal zwei bis drei Jahre alt.
„Für uns Züchter sind es immer noch Nutz­tiere, die vor allem auch die Aufgabe haben, Fleisch zu liefern.
Wenn man sich ein Kaninchen als Haustier hält, ist das natürlich anders“, ­erklärt Frank Zweimann und betont:
„Jeder Kaninchenzüchter liebt seine Tiere und tut alles dafür, dass es ihnen in ihrem kurzen Leben an nichts mangelt.
Und jede Schlachtung belastet.
Aber man muss den Stall wieder leer machen für die nächsten kleinen Oster-Kaninchen und zukünftigen Ausstellungstiere.“

Wie ein Hase Lobbyarbeit für Kaninchen macht

Und was denkt er als Züchter über den Osterhasen?
„Dass es ein schönes Brauchtum ist, das Kinder neugierig machen kann auf Kaninchen.
Und der richtige ­Ansprechpartner ist dann immer der Rassekaninchenzuchtverein in ihrer Nähe – auch wenn es ‘nur’ ein Streicheltier werden soll.“

Weitere Informationen zum Thema unter:
www.rassekaninchen-thueringen.de

Daniel Dreckmann
dreckmann@meinanzeiger.de

Streicheln beruhigt: Kaninchen können wahre Herzensbrecher sein. Foto: Xaya / www.pixabay.com

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