"Von Thüringen ging eine höhere Strahlkraft aus!" - meinanzeiger.de
16. September 2020
Thüringen

„Von Thüringen ging eine höhere Strahlkraft aus!“

30 Jahre Freistaat Thüringen - Artern und Altenburg sind die "Neuen"

Das Rathaus von Artern, die mit dem damaligen gleichnamigen Kreis eigentlich Sachsen-Anhalt zugeteilt werden sollt. Die Bürger entschieden sich aber für Thüringen.

Mit der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 schlug auch die Geburtsstunde der fünf neuen Länder. So entstand aus den ehemaligen Bezirken Gera, Erfurt und Suhl sowie Regionen der Bezirke Leipzig und Halle wieder das Bundesland Thüringen.  Die „Neuen“ im heutigen Freistaat waren der damalige Kreis Arten und der Landkreis Altenburger Land: Am 11. Oktober 1990 erfolgte die Unterzeichnung der Verträge zur Eingliederung der Kreise Artern, Altenburg und Schmölln in das Land Thüringen durch deren Landräte.

Antje Hochwind-Schneider, Landrätin des Kyffhäuserkreises.

Artern war eigentlich wie der gesamte Bezirk Halle für das Bundesland Sachsen-Anhalt vorgesehen. Doch in einem Volksentscheid votierten 88 Prozent der Bevölkerung für die Zuordnung zu Thüringen. Dem trugen die Entscheidungsträger Rechnung. Eine Entscheidung, die die Landrätin des Kyffhäuserkreises, der 1994 durch Zusammenlegung der Kreise Artern und Sondershausen entstand, nicht bereut. „Thüringen ist ein liebenswertes und sehenswertes Bundesland und verfügt über eine Vielzahl von Vorzügen“, schätzt Antje Hochwind-Schneider ein: „Ich lebe gern hier, habe hier meine Wurzeln und übe das Amt als Landrätin mit Leidenschaft aus, um etwas für unseren Landkreis und damit für Thüringen zu bewegen.“ Die Sozialdemokratin rekapituliert: „Der Kreis Artern hat sich 1990 mittels eines Bürgerentscheides mit hoher Stimmenmehrheit für den Beitritt zum Freistaat entschieden und der Kreistag hat diesem Votum entsprochen. Obwohl Artern auch an das Bundesland Sachsen-Anhalt grenzt und in der DDR zum Bezirk Halle gehörte, ging von Thüringen eine höhere Strahlkraft aus. Artern gehört seit 30 Jahren zum Freistaat, hat nach dem Thüringer Wahlrecht einen eigenen Wahlkreis, einen Wahlkreisabgeordneten und ist im Thüringer Landtag vertreten.“

Die  „Randlage“ Arterns könne aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. „Natürlich hat die Politik ihr Augenmerk auf die Entwicklung dieser Regionen gelegt, zum Beispiel mit der Durchführung des Demografie-Projektes durch das Bundesministerium für Wirtschaft, die Unterstützung des Naturschutzgebietes Hohe Schrecke durch das Umweltministerium oder die Verbesserung der Infrastruktur durch die Autobahnanbindung zur A71“, so die Landrätin. Zudem wurde die zentrale Bußgeldstelle in Artern mit Verlust des Kreisstadtstatus verortet und die jetzige Kreisverwaltung sei in den Entwicklungsprozess, der unter anderem die Fördermittelbeschaffung und Umsetzung von Vorhaben wie den – Radwegebau – Bau der Mehrzweckhalle – Feuerwehrtechnisches Zentrum – beinhaltet, mit eingebunden.  „Darüber hinaus ist es für die Region bedeutend, die landkreisübergreifende Zusammenarbeit zu fördern, um das Potential, das die Nähe zum Land Sachsen Anhalt bietet, zum beiderseitigen Vorteil zu nutzen“, meint Antje Hochwind-Schneider und nennt als Beispiel dafür den Ausbau touristischer Angebote. Sie schätzt ein: „Artern gehört zu Thüringen, zum Kyffhäuserkreis und ich bin davon überzeugt, dass die Bürgerinnen und Bürger sich auch heute noch mit einer großen Mehrheit für ihren Freistaat entscheiden würden.“

Torsten Blümel, Bürgermeister der Stadt Artern.

Arterns Bürgermeister Torsten Blümel schätzt die Entwicklung etwas nüchterner ein. Der Linken-Politiker lebte vor 30 Jahren beruflich bedingt ein paar Kilometer weiter in Sachsen-Anhalt und hat den Prozess damals selber nicht begleitet: „Ich denke, dass jeder sicher so seine eigenen Gründe hatte, weshalb er für oder gegen den Wechsel gestimmt hat. Aber am Ende ist es so, wie es damals auch schon war: Wir leben an einer ‚Grenze‘, die man so nicht weiter spürt, es sei denn es geht um Schule oder einen Kindergartenplatz. Da ist man regional eingeschränkt, so am Rande eines Bundeslandes. Den Ausschlag hat sicher gegeben, dass Teile des Kreises sich als Thüringer gefühlt hatten.“ Blümel sei glücklich über Heimat, mit den Menschen, die ihn täglich umgeben: „Da spielt die Zugehörigkeit zu einem Bundesland nicht vordergründig eine Rolle.“ Zur Entwicklung der Region schätzt er ein, dass einem als „Neuling“ anfangs gewachsene Strukturen und Kontakte fehlen, die andere seit Jahrzehnten hatten. Das sei in der Entwicklung ein wenig von Nachteil gewesen. „Aber da haben wir relativ schnell aufgeholt und können uns nicht beklagen.“

Zur Rolle Arterns im Freistaat Thüringen sagt Blümel: „Wir liegen zwar am nordöstlichen Randgebiet, sind aber durch die Autobahn verkehrstechnisch super angebunden. Mittlerweile sind wir ja schneller in der Landeshaupt-, als in der Kreisstadt. Und da Ministerpräsident Ramelow genau weiß, wo Artern liegt, geraten wir auch nicht in Vergessenheit. Das Land hat seit Jahren über die LEG Gewerbe- und Industrieflächen in Artern entwickelt, das wird Arterns Zukunft werden.“ Er fühlt die Region angemessen im Freistaat vertreten:“ Ich würde mich nicht beklagen wollen. Das ist langsam gewachsen und hat nach oben noch ein wenig Potential offen.“ Unzufriedenheit bei den Einwohnern Arterns mit der Mitgliedschaft in Thüringen sei auf jeden Fall nicht zu spüren. Allerdings bliebe am Ende ja auch die Frage: „Was wäre, wenn nicht?“

Im Gegensatz zu Artern blieb die Angliederung von Altenburg an Thüringen vor 30 Jahren nicht ohne Kontroversen. Denn hier hatte sich der Kreistag nicht an das Bürgervotum gehalten. Die Einwohner des damaligen Kreises Altenburg  hatten sich nämlich in einer vorab durchgeführten Volksbefragung mit 53,81 Prozent der abgegebenen Stimmen knapp mehrheitlich für Sachsen entschieden. Allerdings lag die Wahlbeteiligung bei gerade einmal 55,3 Prozent und da sich der Kreis Schmölln mit 80 Prozent für Thüringen entschieden hatte, entschied sich der Altenburger Kreistag ebenfalls dafür, da die beiden Regionen von jeher zusammen gehörten. So schlossen sich beide Kreise mit der Kreisreform 1994 zum Landkreis Altenburger Land zusammen.

Der Altenburger Landrat Uwe Melzer.

Landrat Uwe Melzer (CDU) sagt dazu: „Im Zuge der Wiedererrichtung der Bundesländer im Jahr 1990 wurde der damalige Kreis Altenburg durch einen Beschluss des Kreistages nicht Sachsen, sondern Thüringen zugeordnet. Das war eine demokratische Entscheidung.“ Wobei der Altenburger Landrat einräumt: „Das Gefühl und das Bewusstsein, Thüringer zu sein, musste bei den Menschen natürlich erst wachsen. Und das hat auch eine Weile gedauert. Ich bin gern Thüringer und ich glaube, die meisten Altenburger sind das auch.“ Melzer erinnert sich: „Unsere Ausgangslage in Thüringen war 1990 alles andere als rosig. Der Niedergang des Wismut-Bergbaus und des Braunkohlebergbaus führte bei uns zu massiven wirtschaftlichen Veränderungen und einer hohen Arbeitslosigkeit.“ Doch die Menschen im Altenburger Land haben in den zurückliegenden Jahren Großartiges geleistet: „Wir können stolz auf die uns gelungene gute Entwicklung sein. Heute, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, ist das Altenburger Land ein wirtschaftsstarker, familienfreundlicher und kulturvoller Landkreis im Herzen Mitteldeutschlands. Ich sage bewusst im Herzen Mitteldeutschlands und nicht im Herzen Thüringens, denn wir müssen heute, um erfolgreich zu sein, über Ländergrenzen hinweg denken, wir müssen größer, müssen mitteldeutsch denken!“ Deshalb trat der Landkreis Altenburger Land auch als eine der ersten Regionen Thüringens im Jahr 2015 dem Verein Europäische Metropolregion Mitteldeutschland e.V. bei. „Darin sehen wir eine gute Chance, uns vor allem wirtschaftlich und touristisch nicht nur in Thüringen, sondern im gesamten mitteldeutschen Raum stärker zu vernetzen, von der Zusammenarbeit zu profitieren und uns so als kleiner, aber eben absolut zentral gelegener Landkreis weiterzuentwickeln.“

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