9. März 2021
Thüringen

Wut ist ein schlechter Ratgeber

Auf dem Theaterplatz in Weimar war am Frauentag ein AfD Infostand und ein Bekannter von mir im langen Gespräch mit Herrn Stephan Brandner (MdB). Ich dagegen stand in der ersten Reihe der Gegendemo. Als wir uns anschließend begegneten entwickelte sich folgender Dialog:
Er – Ihr seit nur missbraucht, hier ist keine Ordnung mehr. Ich – Du denkst die AfD wird das richten? Er – Das ist mir scheißegal wer hier regieren wird, die AfD, Chinesen oder Putin, aber hier muss wieder Ordnung sein. Meinst du wir haben in der Wende um sonst demonstriert? Passt auf, das hier ist die zweite Weimarer Republik, spätestens in 10 Jahren wird hier wieder Ordnung sein. Ich – Wie kommst du dazu so etwas zu sagen? Er – In der Schule habe ich nicht geschlafen sondern aufgepasst! Dann drehte er sich um und ging wutentbrannt weiter.

Sind die Befürchtungen, dass sich die Geschichte wiederholt doch ganz aktuell? Zum 100. Jahrestag der Reichsverfassung schrieb Prof. Volkhard Knigge, dass die rechtskonservative Elite der Weimarer Republik dachte, man könnte diesen „Hitler“ zum Aufräumen benutzen gegen die Gewerkschaften und die Arbeiterbewegung (was ja schief ging) und seine Schlussfolgerung: „Und mich erinnert vieles von dem was derzeit in der AfD passiert stark an diese Geschichte“!

Dabei beschloss die CDU bereits 1947 im Ahlener CDU-Programm: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutsches Volkes nicht gerecht geworden. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein.“

Dr. Heiner Geißler (CDU) 2014: „Rechtskonservative oder Neoliberale. Sie sind mit der Fortentwicklung zu einer modernen Volkspartei nicht einverstanden. Aber das Familienbild ist heute nicht mehr identisch mit dem der 50er-Jahre (alte BRD), die Voraussetzungen haben sich verändert. Heute müssen beide Elternteile arbeiten, um die gemeinsame Existenz zu sichern. Insofern muss sich die Gesellschaft öffnen für die Probleme dieser Familien“ (Quelle: „Ich war immer Grenzgänger“).

Ein paar Fakten dazu sind mir wichtig! Zurzeit ist die aktuelle Gefahr für unsere Demokratie die Abstiegsangst der Mittelschicht, welche die Lasten der Gesellschaft trägt. Doch sie schrumpft seit der Wiedervereinigung, ihre Einkommen sinken. Besorgniserregend sind die aktuellen Untersuchungen der UNI Leipzig 2020: „Autoritäre Dynamiken. Alte Ressentiments – neue Radikalität. Dort steht auf den Seiten 158-160 sinngemäß, dass die AfD die Wähler aus dem Arbeitermilieus verliert und der Anteil aus der gehobenen Mitte der Gesellschaft steigt“. Denn durch die IV. Industrierevolution, gehen schon heute gut bezahlte Jobs verloren und schlecht bezahlte Jobs nehmen zu. In Deutschland galt lange: „Wer sich anstrengt, wird mit Wohlstand belohnt“, doch diese Zeiten sind vorbei.

Wenn wir aus diesem Dilemma rauskommen wollen, müssen die Bürger*innen noch penetranter für mehr direkte Demokratie streiten, um unmittelbar über politische und finanzielle Sachfragen mitbestimmen zu können. Nur so entkommen wir der aktuellen Wirtschafts- und Finanzdiktatur, wo die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden.

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