Zwischenmenschliche Botschaften in weiten Welten - meinanzeiger.de
6. September 2020
Thüringen

Zwischenmenschliche Botschaften in weiten Welten

Bilder von Andreas J. Mueller – dem Karikaturisten zum 70. Geburtstag

Andreas J. Mueller an seinem Aquarell "Schöne weite Welt" aus dem Jahre 1986 mit dem zugemauerten Horizont. (Foto: G. Zeuner)

„Schöne weite Welt“, Aquarell, 1986

Als Andreas J. Mueller 1986 den „Eulenspiegel“-Redakteuren sein aktuellstes Blatt „Schöne weite Welt“ zur Veröffentlichung vorlegt, sind die Verantwortlichen des DDR-Satiremagazins alles andere als begeistert. In dem Aquarell hat der Leipziger Karicartoonist im Vordergrund eine Saale-Unstrut-Landschaft dargestellt, vor einem zugemauerten Hintergrund. Damit hatte Mueller die Mauer thematisiert – ein Tabuthema im damaligen „Arbeiter- und Mauerstaat“. Es folgten mehrstündige Diskussionen mit Politfunktionären. Die meinten, dass die Zeichnung falsch sei und von der Bevölkerung nicht verstanden werden würde. Auch Muellers Entgegnung, dass er das Bild nicht gemacht hätte, wenn er es für falsch hielte und wohl wissend, dass jeder gelernte DDR-Bürger mehr oder weniger versteckte Botschaften entschlüsseln konnte – wenn er wollte – hatten natürlich nicht die Veröffentlichung des Mauerbildes in den DDR-Medien zur Folge. Allerdings konnte der Künstler das Blatt zur „V. Biennale der Karikatur“ 1988 im Satiricum Greiz zeigen. Nach der Ausstellung wurde das Werk aus dem Verkehr gezogen und von der Staatlichen Bücher- und Kupferstichsammlung in Greiz gekauft.

„Schöne weite Welt“ ist eines der 97 Exponate von Andreas J. Mueller, die das Greizer Sommerpalais in seiner aktuellen Sonderausstellung unter dem Titel „Himmel und Hölle“ zeigt. Anlass ist der bevorstehende 70. Geburtstag des Künstlers am 3. November. Die Werkschau präsentiert einen Querschnitt seines Schaffens vom Ende der siebziger Jahre – auch weitere Werke sind zu sehen, die zu DDR-Zeiten nicht gedruckt wurden – bis heute. Mit dabei unter anderem auch Basil-Comics, Wendekarikaturen, Arbeiten zum Thema Umweltschutz, Zwischenmenschliches, TV- und Wimmelbilder, die geradezu zum längeren Betrachten einladen. Wie zum Beispiel das Statement der Digedags, der Figuren aus dem beliebten DDR-Comicmagazin „Mosaik“, warum sie 1976 plötzlich aus den Heften verschwanden und was sie danach taten.

Muellers Arbeiten bieten eine breite Themenvielfalt, die auch eine solche Personalausstellung abwechslungsreich und kurzweilig werden lässt. Und vieles davon ist – obwohl schon einige Jährchen alt – unglaublich aktuell.

Andreas J. Mueller studierte von 1970 bis 1975 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Bereits ab 1972 zeichnete er unter anderem für den „Eulenspiegel“ und die „Leipziger Volkszeitung“. In letzterer hatte er bis 1976 sogar eine eigene Kolumne, erlebte aber hier bereits des öfteren die Pressezensur. So wurden immer mal wieder die Bildunterschriften seiner Zeichnungen geändert, manchmal direkt ins Gegenteil verkehrt. Ein Beispiel ist das Bild eines Laub fegenden Straßenkehrers. Darunter hatte Mueller „Nun sehen Sie sich bloß mal diese Umweltverschmutzung an“ geschrieben. In der Zeitung erschien die Zeichnung mit der Unterzeile „Gestern gab es wieder mal ein Schlechtwettergebiet mit viel Gegenwind“.

Ab Ende der 70er Jahre wirkte Mueller als Buchillustrator, Autor, Comic- und Trickfilmzeichner. 1977 initiierte er in Leipzig die Ausstellungsreihe „Karicartoon“ und war von 1981 bis 1987 Vorsitzender der „Sektion Karikatur und Pressezeichnung DDR-Süd im Verband Bildender Künstler“. 1988 verließ Andreas J. Mueller die DDR und arbeitete bis 1995 als freischaffender Künstler in München. Danach kehrte er in seine Heimatstadt zurück war von 1995 bis 2013 Kurator im Kamera- und Fotomuseum Leipzig. Der noch 69-Jährige veröffentlichte zahlreiche Bücher und ist seit 2014 Direktor des Deutschen Fotomuseums.

Die Ausstellung „Andreas J. Mueller, Himmel & Hölle – dem Karikaturisten zum 70. Geburtstag“ ist bis zum 29. November 2020 im Gartensaal des Greizer Sommerpalais‘ zu sehen. Geöffnet ist täglich, außer montags, ab 10 Uhr – im September bis 17 Uhr und ab Oktober bis 16 Uhr.

Hier einige Repros ausgestellter Bilder sowie Impressionen von der Eröffnung am 5. September:

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