Die Greizer Schuhmacherfamilie Kratochwill - meinanzeiger.de
13. Juli 2018
Thüringer Vogtland

Die Greizer Schuhmacherfamilie Kratochwill

Serie: Drei Generationen in einem Unternehmen

„Das Herz des Schuhs ist die Lederbrandsohle“, sagt Klaus Kratochwill und lacht. Denn natürlich weiß der 98-Jährige, dass es heute kaum noch Schuhe mit Lederbrandsohlen gibt. Und wenn, dann nur bei ausgesprochen hochwertigem Schuhwerk. Das war zu seinerzeit noch etwas anders.

Als Klaus Kratochwill seine Schuhmacher-Werkstatt 1947 in Greiz-Irchwitz eröffnete, legte er den Grundstein für einen Handwerksbetrieb, den sein Sohn Horst von 1984 bis 2012 führte und der seit sechs Jahren von Klaus‘ Enkel Stefan in dritter Generation geführt wird. Nach wie vor arbeitet sein Vater Horst stundenweise in der Werkstatt mit und auch Stefans Frau Stephanie hilft im Laden und bei kleineren Reparaturen aus.

Und immer freitags kommt auch Opa Klaus zur „Abnahme und Qualitätskontrolle“ ins Geschäft. Dann sitzen drei Generationen Schuhmacher an einem Tisch, plaudern, fachsimpeln und lassen vergangene Zeiten Revue passieren. Dabei ist immer wieder Gesprächsthema, dass sich wie überall im Handwerk auch in der Schuhmacherzunft vieles verändert hat.

Davon abgesehen, dass es vor 70 Jahren dutzende Schuhmacher in Greiz gab – allein in Irchwitz waren es drei – und die Kratochwills die einzigen verbliebenen ihrer Zunft in der Ostthüringer Kreisstadt sind, haben sich natürlich auch die handwerklichen Inhalte des Berufes grundlegend gewandelt. Bei Klaus stand die Neuanfertigung von Schuhwerk an erster Stelle. Wobei sein handwerkliches Können bereits vor der Geschäftseröffnung auf unterschiedlichste Weise gefragt war. „Als die Amerikaner nach Greiz kamen, musste ich für die GIs Pistolentaschen aus Leder fertigen. Später kamen die Russen, für die ich Stiefel anfertigte“, erinnert sich der 98-Jährige, der sein Handwerk im heimatlichen Banat gelernt hatte. Aus Rumänien hatte es ihn nach dem Krieg zunächst nach Langenwetzendorf und später nach Greiz verschlagen. Hier zog er mit seinem Geschäft 1970 von Irchwitz in die Stadt, wo die Kratochwills nach einigen weiteren Umzügen seit 25 Jahren in der Marienstraße ihren Sitz haben.

Horst Kratochwill hat den Familienbetrieb in zweiter Generation geführt. Gelernt hat er den Schuhmacherberuf bei seinem Vater. „Das war gar nicht so unproblematisch, weil es damals von staatlicher Seite nicht erwünscht war, dass private Handwerker Leute ausbilden“, erinnert sich der heute 69-Jährige. Doch mit einer Ausnahmegenehmigung vom damaligen Rat des Kreises konnte er im Jahre 1968 seine Ausbildung beginnen. „Ich habe mich frühzeitig für die Schuhmacherei interessiert und bereits als Kind meinem Vater geholfen und beispielsweise Schuhe ausgetragen“, sagt Horst, für den sich damals sein Berufswunsch erfüllte. Als er dann auch im väterlichen Betrieb eingestellt werden durfte, konnte die Familientradition als privates Handwerksunternehmen fortgesetzt werden. Nach der Übernahme der Werkstatt von seinem Vater war dann dieser weiterhin bei ihm angestellt. Bereits zu Horsts Zeiten änderte sich die Anforderungen an seinen Beruf: „Waren es zunächst noch fast ausschließlich Neuanfertigungen, wurden es im Laufe der Zeit immer mehr Reparaturen, die wir auszuführen hatten.“

Das Anforderungsprofil veränderte sich ab den 90er Jahren rasant weiter. Seit Stefan im Unternehmen tätig ist, mussten sich die Kratochwills völlig neuen Herausforderungen stellen. „Wir sind heute Allrounder“, bringt es der gelernte Orthopädie-Schuhmacher auf den Punkt. Der Service erstreckt sich von der klassischen Schuhreparatur über alles, was mit Leder zu tun hat wie Taschen, Pferdehalfter und Hundeleinen, bis hin zum Nähen von Jeans und der Reparatur orthopädischer Schuhe, was Stefans Part ist. 

Die Leistungsvielfalt ist allerdings nicht der alleinige Grund, weshalb die Kratochwills als einzige Schuhmacherwerkstatt heute noch in Greiz bestehen. „Wenn man über 70 Jahre am Markt ist, kann man nicht soviel verkehrt gemacht haben“, sagt Klaus. Sein Sohn und sein Enkelsohn nicken zustimmend. Was die drei Kratochwills eint, ist die Liebe zum Handwerk und zum Beruf. Und das spürt auch die Kundschaft, die mittlerweile aus einem Umkreis von rund 100 Kilometern kommt und neben den fachkompetenten Reparaturen auch das freundliche Wesen der Greizer Schuhmacherfamilie zu schätzen weiß. 

Dass es bei Feiern im Familienverbund oder bei Treffen der Kratochwills mit Freunden und Bekannten immer auch um das Thema Schuhe geht, liegt in der Natur der Sache. Und auf die Frage, ob sie bei ihren Gesprächspartnern zuerst auf deren Schuhwerk schauen, antworten Klaus und Horst spontan mit Ja! Stefan gibt sich diplomatischer, räumt aber ein: „Natürlich blickt man bei seinem Gegenüber auch auf dessen Schuhe und weiß, ob dieser ein Schnäppchenjäger ist oder Wert auf gutes Schuhwerk legt.“ Bei 20-Euro-Schuhen könne man keine Qualität und lange Lebensdauer erwarten. Weshalb die Kratochwills auch raten: „Qualität bei Schuhen zahlt sich immer aus, auch wenn sie bei der Anschaffung etwas teurer sind.“ Und wenn sie dann auch noch mit einer Lederbrandsohle versehen sind, sind sie besonders komfortabel.

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