16. November 2021
Thüringer Vogtland

Kindern Hilfe anbieten, wenn sie Gewalt erleben

Lokales Netzwerk gegen häusliche Gewalt mahnt gewaltfreie Erziehung an – mit Plakaten und Flyern in Kindergärten, Schulen und vielen öffentlichen Einrichtungen

Noch immer halten viele Erwachsene eine Ohrfeige für Kinder okay. Ist es aber nicht. (Symbolbild: Pixabay)

Schleiz/Gefell. „Immer noch finden viele Erwachsene den Klaps auf den Po oder eine Ohrfeige für Kinder ok. Ist es aber nicht“, erklärt Nadine Hofmann, Gleichstellungsbeauftragte im Saale-Orla-Kreis und Vorsitzende des hiesigen Netzwerkes gegen häusliche Gewalt. „Anschreien, beleidigen, belästigen, einsperren, hauen oder treten darf Kinder auch niemand“, betont sie. Und genau so steht es auch auf hunderten Plakaten, die ab sofort in Kindertagesstätten, Schulen und Jugendeinrichtungen des Saale-Orla-Kreises hängen. Die Idee dazu hatte die Gleichstellungsbeauftragte im Rahmen der diesjährigen Aktion des Netzwerkes gegen häusliche Gewalt.

„Wir wollen Kindern und Jugendlichen sowie den Eltern und Großeltern von Kindern, die noch nicht lesen können, mit diesen Plakaten deutlich machen, dass jedes Kind ein Recht auf gewaltfreie Erziehung hat“, so Hofmann. Und auf diesen Plakaten findet man Kontaktdaten von Ansprechpartnern, wo man Hilfe finden kann, wenn man Gewalt erlebt oder von Gewalt in Familien weiß. Das Plakat gibt es in drei Varianten – für Kindergärten, für Grundschulen und für ältere Schüler und Jugendliche. „Vertraue Dich einer/einem Erwachsenen (Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter) an, damit es aufhören kann!!!“, so die Empfehlung für die jüngeren Schüler in den Grundschulen und Horten. Den älteren Schülern werden Telefonnummern der Netzwerkpartner wie Polizei, Jugendamt, Kinderschutzdienst „Huckepack“, Familienberatungsstelle und Nummer gegen Kummer auf dem Plakat mitgeteilt. Außerdem gibt es einen QR-Code auf jedem Plakat und Flyer, mit dem man auf eine Liste aller Netzwerkpartner gelangt.

In dieser Woche werden die Plakate an Kitas, Schulen und weitere Einrichtungen verteilt. Die ersten Exemplare wurden gestern an der Grundschule Gefell übergeben. Die Gleichstellungsbeauftragte bittet die ErzieherInnen und LehrerInnen um Unterstützung, indem sie diese in den Einrichtungen aushängen bzw. auslegen. Empfohlen wird  dies in Klassenzimmern,  den Umkleiden der Turnhalle, im Speisesaal und im Hort.
„Bitte beschäftigen Sie sich mit  dem Thema im Unterricht! Jede(r) Ihrer Schüler und Schülerinnen sollte wissen warum diese Plakate und Flyer vor Ort sind und wo sie Hilfe erhalten können“, so der Appell der Netzwerkvorsitzenden.

Insgesamt werden insgesamt 1000 Plakate und 8000 Flyer an Kindereinrichtungen verschiedener Träger, an die Schulen, Kinderheime, alle Städte und Gemeinden, Kinderarztpraxen, Apotheken, Beratungsstellen für Familien, Fachdienste des Jugendamtes, Jugendtreffs und viele mehr verteilt.

Unter den Netzwerkpartnern im Saale-Orla-Kreis ist bekannt, dass Gewalt gegen Kinder in den Monaten der Corona-Pandemie leider noch zugenommen hat. „Während der Lockdowns und der Schließung der Schulen mussten viele Eltern und Großeltern neben der täglichen Arbeit bei der Kinderbetreuung und dem Homeschooling Enormes leisten. Nicht allen ist das so gut gelungen. Bundesweit, aber auch in unserem Landkreis zeigt sich, dass die Kinder zunehmend unter allen Formen von Gewalt zu leiden haben.  Hinzu kommt, dass nicht alle Eltern und Großeltern wissen, was ihr Handeln bei den Kindern langfristig auslösen kann und auch nicht, dass z.B. die gewaltfreie Erziehung seit über 20 Jahren im Bürgerlichen Gesetzbuch und im Strafgesetzbuch  verankert ist“, so die Gleichstellungsbeauftragte.

Studie der Universität Ulm, 2020  (Auszüge):

Jeder Sechste hält Ohrfeigen in der Erziehung für angebracht

Vor 20 Jahren, am 8. November 2000, trat in Deutschland das Recht jedes Kindes auf gewaltfreie Erziehung in Kraft. Dieser Schritt hat dazu beigetragen, die Einstellungen zu Körperstrafen in der Erziehung zu verändern und körperliche und psychische Gewalt gegen Kinder zurückzudrängen. Doch trotz dieser positiven Entwicklung sehen viele Menschen in Deutschland körperliche Bestrafung weiter als angebracht an. So ist jeder Zweite noch immer der Auffassung, dass ein Klaps auf den Hintern noch keinem Kind geschadet habe. Jeder Sechste hält es sogar für angebracht, ein Kind zu ohrfeigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle repräsentative Studie der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie Ulm, UNICEF Deutschland und dem Deutschen Kinderschutzbund.

Gemeinsam fordern der Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut Prof. Dr. Jörg M. Fegert, UNICEF Deutschland und der Deutsche Kinderschutzbund, das Bewusstsein für alltägliche Gewalt gegen Kinder zu schärfen und das Recht auf gewaltfreie Erziehung auf allen Ebenen der Gesellschaft zu stärken und umzusetzen. Insbesondere das Ausmaß und die negativen Folgen psychischer Gewalt gegen Kinder werden bis heute weitgehend unterschätzt.

Seit der Jahrtausendwende ist der Anteil der Menschen, die Gewalt anwenden bzw. als angebracht ansehen, insgesamt gesunken. Gaben in einer Befragung aus dem Jahr 2005 noch rund drei Viertel der Befragten an, einen „Klaps auf den Hintern“ als Erziehungsmethode verwendet zu haben, hielten im Jahr 2016 nur noch 44,7 Prozent und im Jahr 2020 nur noch 42,7 Prozent diese Strafe für angebracht. Gaben im Jahr 2005 noch 53,7 Prozent der Befragten an, schon einmal eine „leichte Ohrfeige“ als Erziehungsmethode eingesetzt zu haben, hielten dies im Jahr 2016 nur noch 17 Prozent und im Jahr 2020 17,6 Prozent für angebracht. In den Jahren von 2016 bis 2020 stagnierten die Zahlen somit. Die Akzeptanz von körperlicher Bestrafung hat damit ein Plateau erreicht. Insbesondere leichtere Körperstrafen bleiben bei einem erschreckenden Teil der deutschen Bevölkerung weiter verbreitet.

Weitere Ergebnisse der Studie
Die Zustimmung zu Körperstrafen bei Kindern ist bei Männern größer als bei Frauen. So stimmen Männer dem Klaps auf den Hintern mit 57,8 Prozent häufiger zu als Frauen mit 47,1 Prozent.
Je älter die Befragten sind, desto seltener lehnen sie Körperstrafen ab. So lehnen 55,4 Prozent der Befragten unter 31 Jahren den Klaps auf den Hintern ab, verglichen mit 34,7 Prozent der Befragten über 60 Jahren.

Wer Gewalt erfahren hat, akzeptiert sie eher in der Erziehung. Teilnehmende, die selbst als Kind Körperstrafen und emotionale Gewalt erlebt haben, stimmen Körperstrafen in der Erziehung eher zu als Menschen, die ohne Gewalt groß geworden sind. So ist die Wahrscheinlichkeit, der Aussage „Ein Klaps auf den Hintern hat noch keinem Kind geschadet“ zuzustimmen, bei der Gruppe, die selbst Körperstrafen in der Kindheit erlebt hat, fast 16-mal so hoch wie bei Menschen, die keine Körperstrafen erlebt haben. Haben sie emotionale Gewalt erfahren, ist die Wahrscheinlichkeit doppelt so hoch.

Folgende drei Ansätze sind dringend notwendig, um Kinder nachhaltig vor Gewalt zu schützen:

Kinderrechte stärken: Durch die Aufnahme der Kinderrechte ins Grundgesetz würden Kinder als eigene Träger von Grundrechten gestärkt und die Rahmenbedingungen für einen wirksamen Kinderschutz verbessert. So würden Kinderrechte in Gerichts- und Verwaltungsverfahren konsequenter berücksichtigt und Kinder müssten in Verfahren, die sie betreffen, angehört werden. Darüber hinaus muss die Grundlage für eine flächendeckend bessere Ausstattung der Kinder- und Jugendhilfe geschaffen werden.

Über das Ausmaß und die Folgen jeglicher Form von Gewalt gegen Kinder aufklären: Dass Gewalt niemals hingenommen werden darf, muss als Daueraufgabe unserer gesamten Gesellschaft etabliert werden. Insbesondere das Bewusstsein für psychische Gewalt und ihre gravierenden Folgen muss geschärft werden. Dazu sind nachhaltige Aufklärungskampagnen und gezielte Prävention notwendig.

Die Datenlage zu Gewalt gegen Kinder in der Erziehung verbessern: Eine systematische Datenerhebung ist das Fundament für wirksame Prävention und Intervention. Nur so kann das tatsächliche Ausmaß der Gewalt erkannt werden und Handlungsdruck entstehen.

Hintergrund zur Studie

Im Auftrag von UNICEF Deutschland und dem Kinderschutzbund hat ein Forschungsteam der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm im Frühjahr 2020 2.500 repräsentativ ausgewählte Personen zu ihren Einstellungen zu Körperstrafen in der Erziehung befragt. Die aktuelle Studie baut auf bestehenden Arbeiten zur Akzeptanz von Körperstrafen auf und untersucht, wie sich Einstellungen seit Inkrafttreten des Rechts auf eine gewaltfreie Erziehung im Jahr 2000 verändert haben.

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