Reichenbach: Verbotene Ausstellung eröffnet an neuem Ort - meinanzeiger.de
29. Januar 2020
Thüringer Vogtland

Reichenbach: Verbotene Ausstellung eröffnet an neuem Ort

Die Kunsthalle Vogtland feiert die Freiheit der Kunst und den menschlichen Körper / Ausstellung zieht in den Stadtpalast

Eine der 59 Arbeiten von Franziska Barth, die in der Ausstellung zu sehen sind.

Der Förderverein Kunsthalle Vogtland hat mit seinen Ausstellungen und Projekten in der Vergangenheit schon öfter für Diskussionen und Aufsehen gesorgt. Soviel Wirbel wie bei der Ankündigung der bevorstehenden Schau, gab es allerdings noch nie. Am 31. Januar 2020 sollten im Foyer des Neuberinhauses Reichenbach 59 Arbeiten der 1986 in Greiz geborenen Fotokünstlerin und Diplom Kulturwissenschaftlerin Franziska Barth unter dem Titel „meine lust mach ich mir selbst“ gezeigt werden. Daraus wurde allerdings nichts.

Zu viel nackte Haut

Helmut Meißner, Leiter der Vogtland Kultur GmbH, machte von seinem Hausrecht Gebrauch und verbot die Ausstellung. Der Grund: zu viel nackte Haut und Jugendgefährdung.  Dabei zeigen die ästhetisch anspruchsvollen Aktfotografien der Künstlerin Menschen in der Natur oder in ihrer gewohnten Umgebung, die eben nicht den klischeehaften Darstellungen sexistischer Hochglanzerotik in der Werbe- und Pornoindustrie entsprechen.

„Wir bedauern diese Absage sehr, aber nach intensiver Suche und vielen Absprachen sind wir sehr froh, dass es uns gelungen ist, den Eröffnungstermin zu halten und einen neuen Ort für diese wundervollen Werke zu finden“ erklärt Severin Zähringer, Vorsitzender des Fördervereins.

Vernissage am 31. Januar

Die Ausstellung wird am 31. Januar um 19 Uhr im Stadtpalast, Solbrigplatz 1 – Zugang über die Albertistraße, eröffnet.

Der Kulturwissenschaftler Thomas Kaestle hält die Laudatio zur Vernissage, den musikalischen Part übernimmt Christoph Beer am Saxophone, welcher unter anderem Sophie Casna bei einer tänzerischen Performance begleitet. „Bei dem Stadtpalast handelt es sich um ein stark sanierungsbedürftiges und unbeheiztes Gebäude, mit unheimlich viel Charme, welches durchaus auch das Potential hat, sich in der Zukunft zu einem Ort der Kunst und Kultur zu entwickeln. Für eine dauerhafte Mattheuerausstellung, wäre es zum Beispiel der ideale Platz“, so Zähringer weiter.

Unverständnis im Web

Indes reagierten viele in den sozialen Netzwerken mit Unverständnis auf das Verbot im ursprünglichen Veranstaltungshaus. Der Verein habe aber nicht nur da viel Solidarität erfahren. So wurden seitens des Oberbürgermeisters Raphael Kürzinger Ausstellungsflächen im Rathaus zur Verfügung gestellt. Diese erwiesen sich allerdings als zu klein. „Wir hätten die Ausstellung um gut 2/3 verkleinern müssen, das wollten wir nicht, auch wenn wir sehr dankbar für die vielen Angebote sind“, betont Frank Lorenz, künstlerischer Leiter der Kunsthalle.

„Es ist trotz der ganzen Umstände und Schwierigkeiten gut, dass diese Diskussion geführt wird. Als Kunst- und Kulturschaffende sehen wir unsere Aufgabe aber nicht darin, Antworten zugeben, sondern viel mehr die Fragen zu stellen und damit zum Diskurs anzuregen: Wieviel Nacktheit kann man anderen Menschen oder auch Kindern zumuten? Werden wirklich richtige Signale geben, wenn über den Bildschirm nur noch perfekt zurecht operierte Menschen hüpfen und wie stehen wir eigentlich zu unserem eigenen Körper und gehen mit der eigenen Sexualität um? Die Antworten muss die Gesellschaft finden. Letztlich geht es darum: Wie wollen wir leben?“

Angespanntes Verhältnis zur Körperlichkeit

Auch erlebt Franziska Barth bei ihrer Arbeit mit Schüler*innen oft selbst, dass es bei den Kindern und Jugendlichen ein angespanntes Verhältnis zur eigenen Körperlichkeit gibt. „Die Ängste sind nicht die der Kinder. Es sind die der Erwachsenen“, so die Künstlerin, die selbst Mutter einer zweijährigen Tochter ist. „Ich plädiere dafür, dass wir als Erwachsene die eigenen sexuellen Bedürfnisse und Unsicherheiten liebevoll erforschen und einen wertschätzenden Ausdruck für unsere geschlechtliche und sexuelle Vielfalt entwickeln. Denn nur mit einer eigenen Sprache können wir unseren Kindern Wertschätzung und Grenzsetzung, den eigenen Körper betreffend, weiter geben .“

Ihre Werke sind ab Freitag, 31. Januar, für zwei Monate bis 12. April im Stadtpalast am Solbrigplatz zu sehen. Geöffnet hat die Ausstellung immer sonntags von 13.00 bis 16 Uhr oder nach individueller Absprache mit dem Förderverein. (Telefon: 03765 6676467 – über Agenturbüro Realitätsverlust – Marketing und Event GbR, Vorsitzenden Severin Zähringer).

Zur Vernissage am kommenden Freitag sind warme Kleidung und festes Schuhwerk empfohlen, da der Stadtpalast sich in einem stark sanierungsbedürftigen Zustand befindet. „Wir arbeiten jetzt seit Dienstag, den 28. Januar, im Stadtpalast. Und bitten um Verständnis, dass nur die Ausstellungsräume in der ersten Etage, das große Treppenhaus und das hintere Treppenhaus inklusive Remisenzufahrt zugänglich sind. Alle anderen Bereiche sind für Besucher gesperrt.“ Eventuelle Sonderveranstaltungen werden gesondert bekannt gegeben.

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