Umstritten und faszinierend – Greizer Körperwelten - meinanzeiger.de
2. Juli 2020
Thüringer Vogtland

Umstritten und faszinierend – Greizer Körperwelten

"Krönende Ausstellung" des Plastinators Gunther von Hagens offiziell eröffnet

Die aus dem James Bond-Film "Casino Royale" bekannte Pokerrunde ist eines der Highlights der Ausstellung und ein beliebtes Fotomotiv. (Foto: Gerd Zeuner)

Gunther von Hagens

Greiz. Seit Ende Juni locken die „Greizer Körperwelten“ Menschen aus nah und fern in die Greizer Eishalle. Allein am Eröffnungswochenende kamen über 1.000 Besucher, um sie die faszinierende, aber auch umstrittene Ausstellung anzuschauen.

„Ohne ihn wären wir nicht hier gelandet“, hob Rurik von Hagens das Engagement des Greizer Bürgermeisters zur offiziellen Eröffnung der Ausstellung Anfang Juli hervor. Der Sohn des weltberühmten Plastinators Dr. Gunther von Hagens erinnerte zudem daran, dass sein Vater vom sechsten bis zum 20. Lebensjahr in Greiz gelebt hat und diese Zeit den späteren Anatomen sehr geprägt habe. Es sei stets der Wunsch seines Vaters gewesen, eine große Ausstellung in seiner Heimatstadt zu präsentieren.

Den Anstoß dazu gab Alexander Schulze mit einem Besuch kurz nach seinem Amtsantritt als Greizer Bürgermeister im September 2018 im Plastinarium Guben. „Dort stießen bei Gunther von Hagens wir mit unserem Vorhaben auf offene Ohren“, erinnert sich Schulze. Begleitet hatte ihn damals Michael Czerwenka, in dessen Vaters Apotheke von Hagens als Jugendlicher ein Praktikum absolviert hatte. „Es folgten mehrere ‚konspirative‘ Treffen bei Gunther von Hagens‘ Schwester  Sigrid in Greiz“, so der Bürgermeister. Dabei habe man sich auch mehrere Locations als mögliche Ausstellungsorte angeschaut. Letztendlich fiel die Wahl auf die Eishalle in Greiz-Aubachtal, wo bis zum 27. September 20 Ganzkörperpräparate und rund 200 Einzelpräparate zu sehen sein werden. Wobei die Ausstellung sich mit der Zeit verändern wird – Anfang August sollen beispielsweise Teile der plastinierten Tierwelt einer biografischen Präsentation der Greizer Jugendjahre Gunther von Hagens weichen.

Die Entstehung der „Greizer Körperwelten“ ist fast genauso spektakulär wie die Ausstellung selbst. Denn wegen der Corona-Krise stand die Schau auf der Kippe, auch weil für Greiz geplante Exponate aus der Schau in Tallin nicht ausgeführt werden durften. Dafür nahm eine Entwicklung in London einen für Greiz glücklichen Verlauf: Die in der britischen Hauptstadt gezeigte bisher größte Ausstellungen des Plastinators musste wegen Insolvenz des externen Vertragspartners schließen. Über Nacht wurden die Exponate am Picadelly Circus abgebaut und in elf zu diesem Zweck vorsorglich in Deutschland angemietete LKWs verstaut. Doch wohin mit der kostbaren Fracht? Gunther von Hagens kümmerte sich persönlich darum, dass die Londoner Plastinate nach Greiz kamen, hier in der Eishalle zwischengelagert und als „Greizer Körperwelten“ aufgebaut wurden.

Jesus am Kreuz

So kann sich Greiz über die „Krönende Ausstellung“ freuen, die auf 1800 Quadratmetern unter anderem erstmals anatomische Kunstwerke zeigt, die in den letzten zehn Jahren entstanden. So den aus filigranen Blutgefäßgestalten heraus gearbeiteten „Jesus am Kreuz“. Dies ist von Hagens‘ jüngstes Werk. Er bezeichnet es als religiöse Anatomiekunst. Wohl wissend, dass neben „Menschen, die nie in einer unserer Ausstellungen waren“ vor allem religiöse Fanatiker gegen die Zurschaustellung seiner Plastinate Sturm laufen. „Allerdings war die katholische Kirche immer sehr Anatomie-freundlich“, schätzt Gunther von Hagens ein. Deshalb plant er, in diesem Herbst mit seinem „Jesus am Kreuz“ über die Alpen nach Rom zu reisen, um ihn im Vatikan dem Papst zu zeigen.

Doch bis dahin zeigt er mit den „Greizer Körperwelten“ als „größte, anspruchsvollste und wegen der Corona-Pandemie auch schwierigste Ausstellung“ erstmals eine Gesamtschau seiner Karriere. Und das zu einem recht moderaten Eintrittspreis von elf Euro, als Reminiszenz an die Heimatstadt des Plastinators. Die Objekte der Greizer Schau – darunter spektakuläre Ganzkörperplastinate wie Giraffen, Pferde mit Reitern, die Pokerrunde und ein schwebender Akt – nehmen die Besucher mit auf eine faszinierende Reise in den menschlichen Körper und lassen ihn die eigene Anatomie aus dem Blickwinkel des Plastinators erleben. Die Ausstellung zeigt zudem auch, was jeder selbst tun kann, um seine Gesundheit und hohe Lebensqualität möglichst lange zu bewahren.

Und dass es nach den „Greizer Körperwelten“ auch künftig eine entsprechende Präsentation in der Ostthüringer Kreisstadt geben soll, darüber haben Gunther von Hagens und Alexander Schulze bereits klare Vorstellungen. Über die breiten sie aber noch das Tuch des Schweigens.

Öffnungszeiten

Bis zum 27. September 2020 täglich von 10 bis 18 Uhr.

Hintergrund

Gunther von Hagens wurde am 10. Januar 1945 im heutigen Skalmierzyce geboren und ist der Erfinder der Plastination, eines dauerhaften Konservierungsverfahrens toter Körper mittels Austauschs der Zellflüssigkeit durch reaktive Kunststoffe. Seit zwölf Jahren leidet er am idiopathischen Parkinson-Syndrom, einem unheilbaren Nervenleiden.

In der Slide-Show unten einige Impressionen von den „Greizer Körperwelten“ und viel mehr Fotos in der  Bildergalerie – hier klicken!

 

 

 

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