11. November 2020
Thüringer Vogtland

Wenn die Finanzierung der Pflege das Ersparte auffrisst

Ein ganzes Leben hart gearbeitet und doch reicht oftmals die eigene Rente für die Pflege nicht!

Die Betreuung alter Menschen in Pflegeheimen ist für viele Angehörige kaum bezahlbar. (Foto: Sabine van Erp/Pixabay)

Eine in diesem Jahr im Saale-Orla-Kreis ins Leben gerufene Unterschriftenaktion, die eine Reform der Zuzahlungsbeiträge von pflegebedürftigen Menschen fordert, wurde in den letzten Tagen beendet. Obwohl die anhaltende Coronakrise sich erschwerend auf diese Aktion auswirkte und diese demzufolge auch länger dauerte, ist es gelungen fast 700 unterzeichnende  Bürger für diese Sache zu gewinnen, teilen die Organisatoren der Aktion mit und kündigen an, dass sie die Unterschriftenlisten in den nächsten Tagen bei der zuständigen Stelle im Thüringer  Gesundheitsministerium in Erfurt zur Vorlage bei Gesundheitsministerin Heike Werner abgeben möchten.

Die Unterzeichnenden fordern mit ihrer Unterschrift ein Umdenken und entsprechendes Handeln der Verantwortlichen, damit in Zukunft gesichert ist, dass die Rente des zu Pflegenden ausreicht, um den Eigenanteil an den Pflegekosten aufzubringen. Konkret bedeutet dies, dass die Zuzahlungsbeiträge mit einer verträglichen Summe für die Pflegebedürftigen gedeckelt werden müssen. So belaufe sich dieser Eigenanteil zur Zeit in den Pflegegraden 2 bis 5 auf 1777,72 Euro monatlich. Das sei dementsprechend viel zu hoch und habe sich innerhalb der letzten zwei Jahre um erstaunliche 530 Euro pro Monat erhöht.

Auch die diesjährige Rentenerhöhung im Juni komme kaum bei den zu Pflegenden in den Einrichtungen an, da diese durch eine zusätzlich eingeführte Ausbildungspauschale von 46 Euro monatlich fast völlig entfalle. Und für das Jahr 2021 seien ebenfalls schon wieder Kostenerhöhungen für die Bewohner der Pflegeeinrichtungen angekündigt. „Für viele von ihnen reicht ihr Einkommen nicht mehr aus, so dass es in Zukunft immer mehr zu schicksalhaften Situationen kommen wird“, befürchten die Organisatoren der Unterschriftenaktion und beschreiben dazu folgendes Beispiel:

„Eine Frau aus einem Schleizer Ortsteil hat in einem Schleizer Pflegeheim ihren Mann mit Pflegegrad 5 zur ganztägigen Betreuung untergebracht  und muss monatlich zur Rente ihres Mannes noch 550 Euro zuzahlen, um den geforderten Eigenanteil der Heimkosten abzudecken. Ihr kleines Sparguthaben reicht nur noch wenige Monate aus, bis es wegen dieser Zuzahlung aufgebraucht ist. Als nächstes wird wahrscheinlich verlangt , dass sie ihr kleines Häuschen verkaufen muss , um weiterhin zuzahlungsfähig zu bleiben.“

„Man staune, dass so etwas in unseren hochgelobten Sozialstaat möglich ist“, heißt es dazu weiter, und: „Besonders weil viele genau dieser Menschen jene sind, die ihr ganzes Leben hart für unsere Wohlstandsgesellschaft gearbeitet und damit erst diese möglich gemacht haben.“

Zwar habe Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine Reform dieser Zuzahlungsbeiträge angekündigt, doch das sei „bis jetzt nur Gerede“.

Dabei gäbe es von Anfang an in seinen Vorschlägen Ungereimtheiten: „Zum Beispiel soll die Deckelung der Zuzahlungsbeiträge für zu pflegende Menschen nur für drei Jahre gelten und dann wieder wegfallen, da statistisch gesehen nur wenige Menschen eine Pflegeeinrichtung länger als drei Jahre bewohnen. Was ist aber mit diesen Pflegebedürftigen die einen solchen Platz doch länger benötigen? Die stürzen dann wieder in ein finanzielles Loch.“ Deshalb dürfe eine Pauschalisierung nicht stattfinden. Jeder Fall müsse einzeln betrachtet werden.

„Es ist uns bewusst, dass auch Betriebs- und Personalkosten der Pflegeeinrichtungen jedes Jahr steigen und bezahlt werden müssen“, wissen die Initiatoren der Unterschriftenaktion, doch es sei „nicht nachvollziehbar, dass sämtliche Kostensteigerungen nur durch die Pflegebedürftigen getragen werden müssen, während die Leistungen der Pflegekassen konstant bleiben .

Die Unterzeichnenden fordern eine Änderung, die sozial verträglich ist und nicht den finanziellen Ruin vieler Heimbewohner bedeutet .

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