Zwei Jahrhunderte geballte Sammelleidenschaft - meinanzeiger.de
15. Januar 2020
Thüringer Vogtland

Zwei Jahrhunderte geballte Sammelleidenschaft

Das Museum Reichenfels in Hohenleuben feiert am 1. Februar Geburtstag

Museumsleiterin Antje Dunse mit ihrem Lieblingsstück, dem Engel "Gabriel"

Am ersten Samstag im Februar wird im Museum Reichenfels in Hohenleuben Geburtstag gefeiert: Vor genau 70 Jahren, am 1. Februar 1950, ebenfalls an einem Samstag, war das Haus als erstes Kreisheimatmuseum der DDR eröffnet worden.

Geballte Sammelleidenschaft

Wobei die Geschichte der Einrichtung wesentlich weiter in die Historie zurück reicht, schließlich wurde das Museum selbst bereits 1825 vom „Vogtländischen Altertumsforschenden Verein zu Hohenleuben“ gegründet, worauf Museumsleiterin Antje Dunse ausdrücklich hinweist: „Der Verein ist einer der ältesten Bürgervereine Deutschlands und seine zig Tausend zusammen getragene Objekte repräsentieren fast 200 Jahre geballte Sammelleidenschaft.“ Dem Verein gehörten im Laufe seiner zwei Jahrhunderte namhafte Persönlichkeiten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an. Der Märchensammler Ludwig Bechstein, der Pathologe Rudolf Virchow, der Lexikograf Konrad Duden und sogar die Gebrüder Grimm waren Mitglieder des Vereins und steuerten Objekte zu seiner Sammlung bei. Die gesammelten Altertümer und Grabungsfunde sowie die Bibliothek wurden zunächst 25 Jahre im alten Hohenleubener Schloss, später im ehemaligen Pächterhaus auf dem Gelände der Burgruine aufbewahrt.

Die mit Leidenschaft geführte Sammeltätigkeit und der stetig wachsende Umfang der eigenen Publikationen führte dazu, dass Anfang des 20. Jahrhunderts die Räume im Pächterhaus aus allen Nähten platzten, so dass die Vereinsmitglieder den Bau eines eigenen Museum planten. Nach dem Ersten Weltkrieg konnte dieses Vorhaben in Angriff genommen werden. 1939 war das im Stil eines vogtländisch-mittelalterlichen Gutsherrenhauses entstandene Gebäude im Rohbau fertig, musste aber bis 1945 für Zwecke der Rüstungsindustrie herhalten. Nach dem Krieg konnte die Sammlung umgelagert werden und vor 70 Jahren wurde das Museumsgebäude eröffnet.

Museum Reichenfels

2016 hat der Vogtländische Altertumsforschende Verein das Museum von der Stadt Hohenleuben übernommen und führt es seitdem mit finanzieller Unterstützung der Stadt sowie privater und anderer Sponsoren.

Vielfältige Sammelgebiete

„Unser Museum ist kein Museum im üblichen Sinn“, sagt Antje Dunse, die die Einrichtung seit Oktober 2018 leitet. Sie begründet diese Aussage mit der Vielfältigkeit der Sammlungen und der Einzigartigkeit zahlreicher Objekte. „Wir haben allein 20.000 Exponate aus der Ur- und Frühgeschichte, die von den Vereinsmitgliedern größtenteils selbst ausgegraben wurden“, weiß die Museumsleiterin. Durch ein Volontariat konnten mehr als 400 dieser frühgeschichtlichen Objekte digitalisiert werden, die demnächst im Internet veröffentlicht werden.

Der Eingangsbereich des Museums

Beispiele für die Vielfalt der in Reichenfels vorhandenen Sammlungen sind die sakralen Schnitzfiguren aus dem 13. bis 17. Jahrhundert sowie eine exklusive Waffensammlung, Siegel- und Petschaftsexponate, Gesteine und Mineralien aus der Region sowie in großen Dioramen präsentierte naturkundliche Exponate. Einen großen Teil nimmt die Bibliothek ein, die unter anderem alle vom Verein veröffentlichten Publikationen enthält. Und natürlich ist dem aus dem Dreißigjährigen Krieg bekannten Bauerngeneral Georg Kresse eine eigene Abteilung gewidmet.

Einzigartige Objekte

Zu den Sammlungen im Museum Reichenfels gehören zahlreiche Raritäten, die man in anderen Museen ähnlicher Größenordnung vergeblich sucht. Als Beispiele hebt Antje Dunse den Himmelsglobus aus dem Jahre 1621 und das „Ei des Kolumbus“ hervor. Letzteres beschreibt die Geschichte der Entdeckung Amerikas in Micro-Schrift auf einem Hühnerei und wurde 1892 auf der Weltausstellung in Chicago präsentiert. Ein ganz besonders Objekt im Bestand des Reichenfelser Museums ist ein eher unscheinbares Tischlämpchen aus Zinn. „Das beleuchtete das Schlafzimmer des Feldherren Albrecht von Wallenstein bei seiner Ermordung am 25. Februar 1634 in Eger“, berichtet die Museumsleiterin.

Besonders am Herzen liegen Antje Dunse die kleine, aber feine Sammlung von romanischen bis spätbarocken Holzskulpturen aus den Kirchen der Region. Ihr Lieblingsobjekt ist ein Taufengel aus dem 16. Jahrhundert aus der Kirche Langenwetzendorf. „Ich mag diesen etwas prallen Bauernbarock“, sagt die Museumsleiterin und stellt sich gerne vor, „was der Engel wohl erzählen könnte“. Sie hat ihm den Namen „Gabriel“ gegeben und weil er so hübsch ist als Maskottchen für die Kinder ausgewählt hat.

Museumspädagogik

Die Vielfalt der Sammlungen bietet sich für museumspädagogische Aktionen geradezu an. So wird Engel „Gabriel“ dieses Jahr als Kindermuseumsführer seine Premiere haben. Ebenfalls dieses Jahr soll noch das Projekt „Museum to go“ zum Einsatz kommen – ein Museumskoffer mit Exponaten aus der Ur- und Frühgeschichte. „Der Koffer wird ab dem zweiten Schulhalbjahr den Schulen zur Ausleihe zur Verfügung stehen“, kündigt Antje Dunse an. Im Museum selbst gibt es bereits seit längerem verschiedene Aktionen für die jüngsten Besucher wie eine Schatzsuche oder das Museumspuzzle.

Festveranstaltung

Über all das und vieles mehr wird zum Festkolloquium am 1. Februar anlässliche des 70. Jahrestages der Museumseröffnung zu berichten sein. Höhepunkt des Nachmittagsprogrammes wird sicherlich der Festvortrag von Christoph Fasbender sein, in dem der Professor von der TU Chemnitz über „Das vormoderne Vogtland im Spiegel seiner Überlieferung“ berichten wird. In diesen Vortrag will er auch Erkenntnisse aus dem Workshop zu den Grundlagen mittelalterlicher Handschriftenkunde erläutern, der am Vortag, dem 31. Januar, ab 10.30 Uhr im Museum stattfindet. Interessenten, die daran teilnehmen möchten, können sich gerne noch im Museum melden.

Info und Kontakt:

Museum Reichenfels
Reichenfels 1a
07958 Hohenleuben

Telefon: 036622 7102
E-Mail: info@museum-reichenfels.de
Web: www.museum-reichenfels.de

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