11. Mai 2022
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Alles (r)eine Ansichtssache

Mit Stadtbilderklärer Oliver Bötefür auf Spaziergang durch Erfurter Gassen

Stadt-Spaziergang „Erfurt die Verwandlung – Ein Spaziergang von der Wendezeit bis heute“ mit Stadtbilderklärer Oliver Bötefür am Benediktsplatz in Erfurts Altstadt. Foto: Andreas Abendroth

Von Andreas Abendroth– Redaktion Sonderthemen bei FUNKE Thüringen

Jeder kennt die Situation wohl: Man kommt als Gast in eine fremde Stadt, möchte über diese etwas erfahren. Also begibt man sich mit einem Stadtführer auf Sightseeing entlang der Sehenswürdigkeiten und kulturellen Zeugnissen der Stadt. Man hört Zahlen, Daten und wieder Zahlen – zum Ende der Tour hat man den Großteil wieder vergessen…

Das es auch anders geht, zeigt Stadtbilderklärer Oliver Bötefür bei einem abendlichen Spaziergang durch die Gassen Erfurts. Kein verkleideter Stadtführer, kein Schild, Regenschirm oder ähnliches, welchem man folgen muss. Stattdessen bekommen die Gäste nach der Begrüßung einen Erfurter Bildband in die Hand. Auf dem Titel ist in großen Lettern zu lesen: „Erfurt die Verwandlung – Ein Spaziergang von der Wendezeit bis heute“ von der Autorin Melanie Thurm.

Stadt-Spaziergang unter dem Thema „Erfurt die Verwandlung – Ein Spaziergang von der Wendezeit bis heute“

Jetzt wird mir auch klar, warum sich Oliver Bötefür als Stadtbilderklärer bezeichnet und von einem Spaziergang spricht. „Eigentlich bin ich ein Stadtverführer. Ich möchte, dass meine Gäste wiederkommen. Die vielen schönen Facetten von Erfurt erleben“, so Bötefür. Und zur 50. Tour hatte mich der Stadtbilderklärer eingeladen.

Danach startet auch schon der Rundgang – nein, der gemütliche Spaziergang – durch Straßen und Gassen der Andreasvorstadt. Am Benediktsplatz geht es um die moderne Bebauung von Lücken im Stadtbild. In den großen Glasfronten der neu errichteten Gebäude spiegeln sich die historischen Häuser aus Richtung Krämerbrücke – illusionieren Raum und Tiefe auf dem eng bebauten Terrain.

Hier wird auch zum ersten Mal im Bildband geblättert. Auf Fotos ist der Standort vor der Neubebauung dokumentiert. Veränderungen, welche man so am besten dem Gast aufzeigen kann.

Während des Stadt-Spazierganges darf auch im Bildband geblättert werden

Während des Stadt-Spaziergangs „Erfurt die Verwandlung – Ein Spaziergang von der Wendezeit bis heute“, können die Gäste mittels des gleichnamigen Bildbandes gut Vergleiche anstellen. Foto: Andreas Abendroth

Stadtbilderklärer Oliver Bötefür hat einen besonderen Weg der Wissensvermittlung gefunden. Er textet seine Gäste nicht mit Zahlen aus der Geschichte zu.  Er erzählt Geschichten und Anekdoten zu den Objekten, stellt immer wieder die Menschen in den Mittelpunkt, welche hier gelebt haben – im damals und im heute. Gebäude, wie das „Haus zum Naumburgischen Keller“ erstrahlen im sanierten Glanz. Bei anderen Objekten fragt man sich eher, welche Gedanken oder andere (ge)wichtige Aspekte Architekten und Denkmalschützer wohl beflügelt haben.

Mit Genehmigung der Eigentürmer werden auch mal Höfe von der Rückseite aus betreten. So über die Waagegasse auf dem Hof hinter der Alten Synagoge – der ältesten erhaltenen Synagoge Europas. Hier erfahren die Gäste nicht nur etwas zum jüdischen Glauben in Erfurt. Sie erfahren auch, dass die Synagoge nach dem Erfurter-Pogrom (1379) zweckentfremdet als Lagerhaus, später (Ende 19. Jahrhundert) als Wirtshaus mit Ballsaal und als Kegelbahn genutzt wurde.

Ein weiterer Buch-Blätter-Vergleichsstandort ist das Collegium Maius, das ehemalige Hauptgebäude der Alten Universität Erfurt. Besonders auffällig, der rosafarbene Anstrich der Fasade. Seit 2011 ist das Gebäude das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands.

Weiter geht der Stadt-Spaziergang durch Gassen mit Namen wie „Pergamentergasse“, „Weiße Gasse“ und „Georgsgasse“. Immer wieder wird an markanten Gebäuden gestoppt. Es wird im Bildband geblättert, verglichen und diskutiert. Dazu gibt es Erläuterungen von Oliver Bötefür.

Anekdoten statt unzähliger Zahlen und Fakten

Während des Stadt-Spaziergangs „Erfurt die Verwandlung – Ein Spaziergang von der Wendezeit bis heute“ werden Unterschiede den Gästen aufgezeigt. Hier das Collegium Maius, in dem sich heute das Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands befindet . Foto: Andreas Abendroth

Sehr interessant auch, in der Gruppe befinden sich Personen, welche ihre Kindheit in Erfurt verbracht haben. Ganz spontan berichten sie davon, erinnern sich an Begebenheiten, welche sich in und um die Gebäude zugetragen haben. Diese Erzählungen sind auch bereichernde Wissens- und Faktenergänzungen für den Stadtbilderklärer.

Der Spaziergang führt durch die romantisch anmutende Kirchgasse – diese kennen übrigens nur wenige Erfurter. Hier fügen sich kleine Häuschen aus alter und neuer Bausubstanz zu einem perfekten Bild zusammen. Danach wird die gekonnte Kombination der alten und neuen Architektur auf dem Gelände des Augustinerklosters in Augenschein genommen. Das neue 3-geschossige Apartmenthaus im Bereich der alten Waidhäuser und das neue Gebäude auf der Kubatur des historischen Bibliotheksgebäudes – die historische Gebäude wurden im zweiten Weltkrieg bei einem britischen Bombenangriff (1945), mit 267 getöteten Menschen, zerstört – als Ersatzbau errichtet.

Danach geht es entlang der Gera zum Wenigemarkt und zur Krämerbrücke. Immer wieder wird halt gemacht, mittels Fotos im Bildband Ansichten und Veränderungen verglichen. Und nach gut zwei Stunden endet der Stadt-Spaziergang wieder am Ausgangsort.

Es ist interessant, Erfurt einmal in einem ruhigen Spaziergang zu erlaufen. Man erfährt neues, entdeckt am Wegesrand so manches interessante Hauszeichen und mehr. Erfurt hat sich verwandelt. Oft zum Positiven, bei manchen Dingen aber auch zum Kopfschütteln. Alles eben reine Ansichtssache…

 

Information:

Der Stadt-Spaziergang „Erfurt die Verwandlung – Ein Spaziergang von der Wendezeit bis heute“, soll ab Juni wieder regelmäßig jeden Samstag stattfinden. Informationen unter 0178 27 99 106.

Bilder sagen manchmal mehr als tausend Worte. Hier meine Foto-Momente:

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