19. November 2021
Vogtland

30 Jahre AA – Interview mit der Greizer Landrätin

"Wir haben nicht alles falsch gemacht"

Martina Schweinsburg (Foto: LRA)

Als am 27. November 1991 zum ersten Mal der Allgemeine An­zeiger in die Haushalte unserer Region kam, damals noch als Ausgabe Greiz-Zeulenroda-Schleiz, war Martina Schweinsburg bereits Landrätin des Kreises Zeulenroda. Damit ist sie sogar noch länger im Amt, als der Allgemeine Anzeiger im Thüringer Vogtland erscheint. AA-Redakteur Gerd Zeuner sprach mit der 62-Jährigen, die 1994 Landrätin des neu gebildeten Landkreises Greiz wurde, über die vergangenen drei Jahrzehnte.

Was haben Sie im November 1991 gemacht?

Gut ein Jahr nach der Deutschen Einheit und eineinhalb Jahre nach der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion stand ich als Quereinsteiger gemeinsam mit den Mitarbeitern vor der Herausforderung, aus der DDR-Behörde Rat des Kreises Zeulenroda das Landratsamt Zeulenroda als Behörde der kommunalen Selbstverwaltung umzuformen. Wir hatten neue Gesetze, neue Verordnungen und neue Freiheiten sowie ein ziemliches Zuständigkeitswirrwarr. Das Landesverwaltungsamt als unsere Aufsichtsbehörde war erst im Juli 1991 gegründet worden und selbst noch in der Findungsphase.
Getröstet habe ich mich damit, dass das BGB auf dem Code Napoleon als erstem großen Gesetzeswerk der Französischen Republik fußte und das wiederum auf römischen Recht. Und von den alten Römern ist überliefert, dass sie mit Pragmatismus und gesundem Menschenverstand agierten. Also verließen wir uns bei unseren Entscheidungen im Zweifelsfall auch auf unseren gesunden Menschenverstand und entschieden pragmatisch. Manchmal vielleicht auch ein wenig hemdsärmelig, das gebe ich zu, aber ergebnisorientiert.
Wir hatten aus der Geschichte kein Beispiel, wie man es richtig macht, wir mussten selbst lernen.

Wie hat sich die Region, der Landkreis Greiz, in den vergangenen 30 Jahren verändert?

Kurz gesagt, aus drei Landkreisen ist einer geworden und der funktioniert ganz gut. Also haben wir nicht alles falsch gemacht. Aus meiner Sicht hat sich der Landkreis Greiz sehr zu seinem Vorteil entwickelt. Doch das ist das Verdienst von sehr vielen fleißigen und engagierten Menschen.

Wer Helmut Kohls viel zitierte blühende Landschaften mit eigenen Augen sehen will, muss in den Landkreis Greiz kommen. Das, was aus der Mondlandschaft der Uranerzbergbauregion rund um Ronneburg entstanden ist, ist für mich einer der größten Erfolge der Nachwende-Zeit. Die Uranerzbergbaufolgelandschaft – was für ein Wort – war sogar ein Projekt der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover, und die Bundesgartenschau in Gera und Ronneburg 2007 ist uns wohl allen unvergesslich, obwohl sie von der jetzigen Landesregierung totgeschwiegen wird.

Andererseits haben uns nicht Wenige den Rücken gekehrt Anfang der 90er Jahre, sind dahin gegangen, wo es für sie Arbeit gab. Dafür sind andere zu uns gekommen, die mit unternehmerischem Sachverstand und persönlichem Risiko mit dazu beigetragen haben, dass der Landkreis Greiz heute eine stabile wirtschaftliche Basis hat.

Im Jahr 2000 lag bei uns die Arbeitslosenquote bei über 20 Prozent, heute sind wir bei über fünf Prozent, das ist fast Vollbeschäftigung. Viele gesunde kleine und mittelständische Betriebe sind unsere Hauptarbeitgeber.

Wir haben als Schulträger jedes Jahr etwa die Hälfte unserer Investitionen in unsere Schulen gesteckt und wir haben eine ganze Liste von Initiativen gestartet, um die jungen Leute bei uns zu halten, ihnen zu zeigen, welche Perspektiven es bei uns für ihre berufliche Zukunft gibt.

Dazu haben wir ein reges Kultur- und Vereinsleben in unseren Städten und Gemeinden. Sie machen den Landkreis lebens- und liebenswert.

Haben Sie überhaupt Zeit zum Zeitunglesen?

Die Zeit nehm‘ ich mir, täglich früh zwischen 6 und 7.30 Uhr.

Hat Ihrer Meinung nach der Allgemeine Anzeiger in den drei Jahrzehnten eine Nische im lokalen Bereich gefunden und füllt er diese aus?

Der Allgemeine Anzeiger ist ein Anzeigenblatt, das für mich vor allem Service-Aufgaben für die Leser erfüllt: Was findet wo statt, was finde ich wo.

 Sehen Sie den Allgemeinen Anzeiger als Vermittler von Informationen, die den Landkreis betreffen?

Ja, auch. Die wesentlichen Informationen kurz und kompakt findet man im AA.

 Haben Sie schon einmal aufgrund einer Annonce im AA etwas gekauft oder getan?

Nein

 Welche Schlagzeile hätten Sie in den 30 Jahren gern im AA gelesen?

Steigende Einwohnerzahlen im Landkreis Greiz – Rückgang gestoppt!

 Gibt es etwas, das verloren gegangen ist, etwas, das heute unserer Region gut zu Gesicht stehen würde?

Da hat sicherlich jeder einen anderen Blick drauf. Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass die Tradition der Möbelfertigung in Zeulenroda überlebt hätte und die Greika in Greiz.

Was beschäftigt Sie im November 2021?

Natürlich beschäftigt uns alle die Corona-Pandemie, da sind wir als Amt jeden Tag gefordert. Zum einen von den Bürgern, die im Regelwirrwarr kaum noch durchblicken, zum anderen aber auch vom Freistaat Thüringen, gegen dessen sinnentleerte und wenig praktikablen Maßnahmen zur Pandemie-Bewältigung wir Landräte und ich als Präsidentin des Thüringer Landkreistages uns versuchen zu wehren.

Wir haben bereits Anfang Oktober Vorschläge an das Gesundheitsministerium gemacht, als das Infektionsgeschehen in den Schulen deutlich zunahm, die jedoch abgelehnt wurden, weil es das Kultusministerium „nicht möchte“. Das war grob fahrlässig und jetzt haben wir den Salat.

Aber: Wir agieren als Landratsamt hier als untere staatliche Behörde, das heißt, das Land ist mir gegenüber weisungsberechtigt.

Was wünschen Sie dem Landkreis und seinen Bewohnern?

Wir alle hoffen jetzt – so glaube ich – dass wir lernen, mit Corona zu leben.

Den Bewohnern im Landkreis Greiz – den Alteingesessenen, den Neu-Vogtländern und den Rückkehrern – wünsche ich alles Gute für die Zukunft und dass ihr Engagement, ihr Fleiß und ihre Heimatverbundenheit auch die künftigen Herausforderungen meistert.

Aber da bin ich sehr optimistisch.

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