4. Dezember 2021
Vogtland

DRB-Bundesliga: RSV Greiz verliert Vogtlandderby in Markneukirchen

Der Greizer Dawid Karecinski rollt den Markneukirchener Dustin Scherf und gewinnt nach Punktren. (Foto: G. Zeuner)

Markneukirchen. Der RSV Rotation Greiz hat den Auswärtskampf beim AV Germania Markneukirchen denkbar knapp mit 17:16 verloren. Beide Mannschaften konnten fünf Einzelsiege erringen, doch die Gastgeber konnten einen Kampf mehr kurzrundig entscheiden

Unten in der Bilder-Slideshow die ersten Bilder und die Ergebnisse. Alle Bilder in der Fotogalerie – hier klicken!

Hier der Bericht von Erhard Schmelzer:

•• Dramatische Szenen in Markneukirchen ••
AV Germania Markneukirchen vs. RSV Rotation Greiz 17:16
Was war am Sonnabend in Markneukirchen geschehen? Als die Greizer Minidelegation die Musikhalle in Markneukirchen erreichte, knirschte unter ihren Füßen der erste Schnee. Als sie rund vier Stunden später die Halle verließen, knirschten sie niedergeschlagen mit den Zähnen. Die Rahmenbedingungen waren bekannt. Auf Grund der sächsischen Corona – Bedingungen durften keine Zuschauer in die Halle. Die Gastgeber hielten sich streng an die Auflagen, kein Mensch war zu viel in der Halle. Trotz aller Dramatik irgendwie eine leblose Veranstaltung. Richtige Ringkampfstimmung kam erst am Ende auf. Die Greizer musste gewinnen, wollten sie noch eine Chance haben auf den zweiten Tabellenplatz und dem damit verbundenen möglichen leichterem Los im Achtelfinale um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft. Daraus wurde nichts. Das Team des AV Germania Markneukirchen, das schon den Hinkampf in Greiz mit 16:13 für sich entschieden hatte, war beim 17:16 die weitaus glücklichere Mannschaft. Zwanzig Ringer sorgten für ausgesprochen interessante, spannende und teilweise sogar hochklassige und – das sei an dieser Stelle besonders hervorgehoben – für ausgesprochen faire Kämpfe.
Ein Mann auf der Matte stand allerdings neben sich: Schiedsrichter Robert Reitmeir aus Aichach in Bayern hatte wirklich keinen guten Tag erwischt. Die Greizer Nachwuchsringer gehören zu den Stammgästen beim Wittelsbacher Landturnier in Aichach und haben dort immer gute Erfahrungen gemacht. Diesmal gab es eine eiskalte Dusche aus dem Wittelsbacher Land.
Ich habe mir lange überlegt, was ich hier schreibe. Die Tätigkeit eines Schiedsrichters beim Ringen ist eine schwierige und wohl die undankbarste Aufgabe im Verband. Mit Kritik ist man schnell bei der Hand. Der Unterlegene findet immer ein Haar in der Suppe. Oftmals beklagt ein Verantwortlicher Punktvergaben, die er Minuten später für seinen eigenen Kämpfer fordert. Ich weiß von was ich rede, ich bin auch mal etliche Jahre mit der Pfeife auf der Matte gestanden. Bis zum Fila (jetzt UWW) -A-Turnier hat’s gereicht. Das soll nicht heißen, das ich nun alles weiß und erkenne. Von der anderen Seite sieht es manchmal völlig anders aus. Ich habe mich schon oft geirrt und mich durch Videoaufnahmen eines besseren belehren lassen müssen.
Und außerdem durfte ich noch jahrzehntelang als Sportler und Trainer Erfahrungen mit den Kampfrichtern in der DDR sammeln. Die Mannschaftskämpfe der Betriebssportgemeinschaften waren ein besonderes Erlebnis. Was da – vor allem im griechisch-römischen Stil – los war, spottet jeder Beschreibung. Die Zeit darauf einzugehen ist hier nicht. Sollte aber vielleicht mal für einen historischen Rückblick gefunden werden. In bundesrepublikanischen Zeiten hat sich da sehr viel gebessert. Und ich bin der Letzte, der in Berichten Kampfrichter für Niederlagen verantwortlich macht. Meine Berichte seit 1970 zeugen davon. Kritiker mit anderer Meinung mögen gerne nach Beispielen suchen. Doch diesmal muss man Herrn Reitmeir eine Aktie an der Greizer Niederlage zugestehen. Ich weiß jetzt nicht, wie lange Herr Reitmeir schon in der Bundesliga pfeift, auf jeden Fall sind es einige Jahre. Erfahrung müsste also vorhanden sein, Nervosität dürfte kaum eine Rolle gespielt haben. Die Markneukirchener Funktionäre kritisierten vor dem Kampf den Schiedsrichter in der Vorwoche, als sie in Aue antraten: „Da gab es Fehlentscheidungen auf beiden Seiten!“ Diesmal konnte ich diese fast vollständig nur zu Lasten der Mannschaft mit den blauen Auswärtstrikots erkennen. Für die Greizer Ringkampfanhänger, die leider nicht mit in der Halle sein konnten, meine subjektiven Eindrücke.
Den Auftakt machte Sven Cammin (57 kg/g) gegen seinen alten Bekannten Valerij Borgoiakov. Der Russe kämpft seit 2016 für Markneukirchen. 2017 trennten sich beide im freien Stil 19:19. Diesmal dominierte der Griechisch-römisch-Spezialist in einer anfangs totenstillen Halle. In der Vorwoche sagte der Hösbacher Trainer Mario Wohlfahrt voller Respekt: „Ich habe schon viele Kämpfe gesehen, bei denen Sven Cammin eigentlich chancenlos war und am Ende doch gewonnen hat.“ Diesmal sollte es aber nicht so enden. Diesmal ging die Cleverness des Berliners nach hinten los. Nach einer Kopfschleuder (heißt heute im DRB sicher anders), konnte er sich befreien und versuchte sich nicht nur auf den Bauch zu legen, sondern den Gegner noch zu beherrschen. Er griff also um die Hüfte des Gegners, der aber den Braten roch und ihn im selben Augenblick überstieg, dabei den Arm mitnahm und nun den rechten Arm bis zum Schultersieg nicht mehr losließ. (Mannschaftsstand aus Greizer Sicht: 0:4)
Gegen den routinierten Dagestaner Magomedgadzhi Nurasulov war der fast 20 kg leichtere und körperlich schwächere Sebastian Wendel (130 kg/f) ohne Siegchance. Kurz vor der Halbzeit hatte der Markneukirchner beim 16:0, die für den Kampfabbruch nötigen Punkte erkämpft. (0:8)
Ghenadie Tulbea (61 kg/f) traf auf den seit langem in Markneukirchen heimisch gewordenen Hofer Roman Walter. Dass es dem Greizer Routinier schwer fallen würde eine Gewichtsklasse höher entgegen zu halten, war schon in der ersten Hälfte sichtbar. Zwar ging der Greizer 2:0 in Führung, doch zur Pause stand es 2:5. Aufregung dann zu Beginn der fünften Minute. Walter hatte das Bein seines Gegners gefasst, landete aber nach einer Aktion selbst in der Brücke. Die Greizer forderten eine „Vier“, der Kari gab die „Vier“, allerdings für den Angreifer. Auf jeden Fall hätte es mindestens eine Wertung für den Greizer geben müssen. Der aus Moldawien stammende faire Sportsmann, der schon an allen Ecken der Welt gekämpft hat, konnte beim folgenden Gang in die Mattenmitte nur zwei Finger in die Höhe halten und dem Kampfrichter einen fragenden Blick zuwerfen. Meine Meinung: Der Angriff ging von Walter aus, wurde aber so geschickt übernommen, dass vielleicht sogar eine „Vier“ für Tulbea möglich gewesen sein könnte. Auf jeden Fall hätte es ein 4:2 geben müssen! Im zweiten Fall wäre danach aber noch eine „Eins“ für Walter, der Obermann wurde, fällig gewesen. So stand es aber 9:2. Trotzdem war der Kampf danach ausgeglichen. Doch Sekunden vor dem Ende kam der Markneukirchner unter dem Jubel der Einheimischen zu einer parallelen Beherrschung, die das 11:2 und damit doch noch drei Punkte für die Gastgeber bedeutete. Walter wurde am Ende des Kampfes als „man of the match“ ausgezeichnet. (0:11)
Alex Szöke (98 kg/g) traf auf Anton Vieweg. Der ein Jahr jüngere Lugauer und der 21-jährige ungarische Vizeweltmeister ähneln sich im Auftreten und Habitus. Obwohl der Olympiafünfte dominierte, gelangen ihm bis zur Halbzeit nur vier Einserwertungen. Leider fehlt im Video der erste angeordnete Bodenkampf, bei dem der Ungar nicht punkten konnte. So sieht man auch nicht, dass Vieweg hier mit Oberschenkel und Ellenbogen seine Hüfte abdeckte, was mindestens das Kommando „Open“, wenn nicht gar eine härtere Sanktion hätte nach sich ziehen müssen. Völlig unverständlich dann das Zurückpfeifen einer im Standkampf erfolgten „Zweierwertung“ des Ungarn. Schon die ratlose, fragende Gestik des Ungarn sagt hier genug. Auch nach zehnmaligen Anschauen der Szene kann ich hier keine Regelwidrigkeit erkennen. Beim nächsten Bodenkampf rollt der Ungar seinen Gegner. Eine weitere Aktion am Boden wird wegen zu tiefen Fassens abgepfiffen. Am Ende siegte der Greizer mit 10:0. Was aus dem Video nicht hervorgeht: Wenn man – wie ich – der Kamera fast gegenüber saß, konnte man beobachten, dass der Markneukirchener mit seiner rechten Hand bei jeder sich bietenden Gelegenheit das linke Handgelenk des Greizers blockierte. Der Kampfrichter stand fast immer hinter dem Ungarn und konnte es so nicht sehen. Am Sonntag versuchte ich mich mal schlau zu machen und mit Leuten zu reden, die sich mit dieser Stilart besser auskennen. Schon in Markneukirchen hatte man mir gesagt, dass das offiziell zu sanktionierende Blockieren des Handgelenkes von ihren jungen Sportlern nun stärker praktiziert würde, da „die Routiniers in Deutschland das alle machen würden.“ Nun sagte man mir, dies würde in der Nationalmannschaft sogar speziell trainiert. Ein richtig stehender Kampfrichter erkennt es allerdings. (3:11)
Dawid Karecinski (66 kg/g) lag nach drei Minuten 0:1 gegen den Leipziger Dustin Scherf zurück. Dann rang nur noch der Pole. Beim ersten mal als Obermann gelangen ihm zwei Rollen, beim zweiten mal ein mit vier Punkten bewerteter verkehrter Ausheber. Sofort nach dieser Aktion fasste er noch einmal zum verkehrten Ausheber. Der Kampfrichter pfiff aber mitten in der Aktion leider ab, was den Polen und die Greizer Betreuer sichtlich empörte. So blieb es beim 9:1. (6:11)
Die große Überraschung gelang dem Greizer Trainer Tino Hempel mit dem Einsatz von Ahmet Bilici in der 86 kg-Klasse des freien Stils. In der Vorwoche hatte der in Hallbergmoos lebende Türke noch mit allerdings nur knapp 90 kg in der 130 kg-Klasse gegen Hösbach gerungen. Sein Gegner wurde danach in der örtlichen Presse als einer der für die Niederlage verantwortlichen Sportler eingeschätzt, da ihm gegen einen viel leichteren Gegner in der zweiten Halbzeit nur ein Punkt gelang. Der Greizer war jahrelang Profi in der Türkei. Zum Gewichtmachen meinte er nurlapidar: „Ich hab‘ täglich dreimal gegessen, halt nicht sehr viel.“ Nun hieß der Gegner Patryk Dublinowski und hatte für die Rückrunde ebenso viel Gewicht gemacht. Der Mann mit der polnischen und deutschen Staatsbürgerschaft rang in jungen Jahren auch ein Jahr in Greiz. Bereits im Vorkampf standen sich beide in der 98 kg-Klasse gegenüber, da hatte der Greizer mit 19:3 gewonnen, allerdings erst in der sechsten Minute. Diesmal ging alles ganz schnell. Am Kopf zu Boden geholt, dauerte es nicht einmal eine Minute bis durch Rollen und Aufreißer der 16:0 Sieg feststand. Wieder einmal eine Superleistung von Ahmet Bilici, dessen Gegner einer der Aktivposten in dieser Saison beim Gegner war. (10:11)
Joel Wrensch (71 kg/f) traf auf den rumänischen Auswahlringer Stefan Coman und gab in der Anfangsphase zwei „Zweierwertungen“ ab. Danach kam er besser in den Kampf, stellte sich besser auf die Angriffe des Rumänen ein und gab bis zur fünften Minute nur noch „Einserwertungen“ durch Hinausdrängen aus der Kampfzone ab. Allerdings stand es zur Halbzeit schon 0:8 und zwei Angriffe in der fünften Minute brachten den Endstand von 0:15. (10:15)
Im Vorkampf hatten sich Igor Besleaga und Erik Löser in der 86 kg-Klasse 8:0 getrennt, was für Greiz drei Punkte brachte. Nun trafen sie in der 80 kg-Kategorie aufeinander und wieder ging es um jeden Punkt. Der Greizer dominierte gegen den Ex-Gelenauer, der nach einer Minute zu Boden musste. Ein Ausheber brachte vier Punkte. Bis zur Pause bestimmte der Greizer weiter den Kampf gegen den diesjährigen U 23-EM-Teilnehmer, Punkte konnte er aber nicht erkämpfen. Diese Chance ergab sich aber mit dem zweiten angeordneten Bodenkampf in der vierten Minute. Doch diesmal kommt der Ausgehobene auf die eigenen Füße und verlässt die Matte. So gibt es nur noch einen Punkt. Es stand 127 Sekunden vor Schluss 7:0. Die kleine Greizer Delegation feuerte nun ihren Sportler vehement an. Doch bis zum Ende passiert nichts mehr. Es blieb bei den zwei Punkten für Greiz. (12:15)
Christian Fetzer (75 kg/g) musste sich wie im Hinkampf mit Maxumilian Simon auseinandersetzen. Der Weißwasseraner trainiert wie fünf weitere Sportler der Markneukirchener am sächsischen Stützpunkt in Leipzig und war wie alle übrigen gut in Form. In Greiz siegte er 3:1. Nun waren die Fronten klar: Zwei Kämpfe standen noch aus. Greiz lag mit drei Punkten zurück. Ein Sieg, wie knapp auch immer, musste her. Der Greizer musste zuerst in den Boden (0:1), gab dort aber keinen Punkt ab. Kaum wieder im Standkampf fiel eine wichtige Vorentscheidung. Simon kam zum Wurf. Der Schiedsrichter gab eine „Zwei“, die Gastgeber, die Fetzer in Rückenlage gesehen haben wollten, eine „Vier“. Danach gelang es dem halb auf der Seite liegenden Greizer mit einem Arm Simon zu rollen. Der Kampfrichter gab die Zweierwertung aber unverständlicherweise an Simon. So führte der Markneukirchener nicht 3:2 sondern 5:0. So blieb es bis zur Pause, dann musste Simon zu Boden (5:1). Fetzer gelang es zwar den Gegner anzukippen (5:3), doch Simon wurde Obermann (6:3). In der fünften Minute brachte der Versuch eines Hüftwurfes Simon am Mattenrand noch einmal zwei Punkte (8:3) Markneukirchen führte uneinholbar 17:12.
Beim letzten Kampf ging es nur noch um die Resultatsverbesserung. Lucas Kahnt (75 kg/f) traf nicht wie erwartet auf Wiliam Stier, der verletzt passen musste, sondern auf Marco Stoll. Der Sportler aus Nordrhein-Westfalen kämpft seit drei Jahren für Markneukirchen, studiert und trainiert in Leipzig und wurde in diesem Jahr Juniorenmeister im griechisch-römischen Stil, Schon 2019 war er Dritter bei den Männern. Auch im freien Stil hielt er gut mit und machte dem Freistilspezialisten das Leben schwer. Dass er aber in der Anfangsphase zum 2:2 Ausgleich kam, hatte er dem Schiedsrichter zu verdanken. Die Punkte wurden vergeben als der Greizer das Bein des Gegners noch unter seiner Brust festhielt. Unter paralleler Beherrschung versteht man etwas anderes. Die zwei Punkte spielten für den Kampfausgang allerdings keine Rolle mehr. Hier ging es aber nicht, wie bei Ghenadie Tulbea um eine blitzschnelle unerwartete Aktion sondern um eine ganz langsame vorhersehbare. Der Greizer ließ sich aber dadurch nicht aus dem Konzept bringen, sammelte Punkt um Punkt, konnte sich aber über seinen 19:3 Erfolg nach gut fünf Minuten nicht so sehr freuen. Die Greizer hatten den Mannschaftskampf mit 16:17 verloren.
Fazit: Es wird immer wieder vom Vogtlandderby gesprochen. Aber es ging um mehr als um die Vorherrschaft in zwei zwar sehr schönen, kulturell reichen, aber kleinen Landesteilen, die zu Thüringen und Sachsen gehören. Es ging um die Vorherrschaft in Ostdeutschland. 2016 standen sich beide Mannschaften in ähnlicher Mission in der 2.Bundesliga Ost gegenüber. Damals hatte Greiz die Nase vorn, diesmal war es Markneukirchen. Es lohnt ein Blick zurück. Vor 30 Jahren nahmen zwei gallische Dörfer den Kampf gegen die übermächtigen Legionen aus Luckenwalde, Frankfurt, Halle, Leipzig, Jena und Zella-Mehlis auf. Heute stehen zwei stolze Burgen im Land der Vögte, die Heerlager in Zella-Mehlis (um Missverständnissen vorzubeugen: ich meine nicht Jugendkraft/Concordia Zella-Mehlis sondern den ehemaligen, schon lange aufgelösten SC Motor Zella-Mehlis), Halle und Jena sind verödet, die Legionen in Luckenwalde, Frankfurt/Oder und Leipzig nicht mehr annähernd so prachtvoll und stolz wie damals.
Dieses Jahr hatte Markneukirchen mit ihren Machern Jens Berndt und Jörg Guttmann die Nase im Vogtland und Ostdeutschland vorn. Herzlichen Glückwunsch aus den thüringischen Vogtland. Frohe Weihnacht und viel Erfolg gegen die Römer aus dem Süden und Westen Deutschlands.
Bericht: Erhard Schmelzer

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