23. April 2021
Weimar

„Bevor sie vergessen sind“

Schicksale im 2. Weltkrieg: In Deutschland sind 500 Fliegermorde erfasst – es geschah auch im Weimarer Land – in Ottmannshausen, in Wohlsborn

Eine B-17 Flying Fortress im Einsatz. Foto: USAF

Eine B-17 Flying Fortress im Einsatz. Foto: USAF

Vor 20 Jahren erschien im Allgemeinen Anzeiger eine ­Serie von Artikeln über ­Morde an US-Fliegern um Weimar im 2. Weltkrieg. Es gab große Anteilnahme, Zeitzeugen meldeten sich, ­Gedenksteine wurden errichtet und Gregory S. Martin, Viersterne-General der US-Luftwaffe, damals Kommandeur der US-Luftstreitkräfte in Europa, lud die Initiatoren nach Ramstein ein. Traugott Vitz, Pfarrer im Ruhestand aus dem Rheinland und Bernd Schmidt, Weimarer Heimatforscher, ­recherchierten die Schicksale neu und packten ihre Erkennt­nisse in drei Bücher. AA-Redakteur Thomas Gräser sprach mit den beiden.

 

Was bewog Sie, das Thema „Fliegermorde“ noch einmal aufzugreifen?

Vitz: Ich bin erst 2016 auf das Thema gestoßen. Und ich war erschüttert darüber, wie wenig sich die Lehrstühle für (Neuere) Geschichte damit befasst ­haben.

Schmidt: Zum Thema ,Fliegermorde’ wird ausgiebig auf englischsprachigen Web­seiten berichtet, aber in Deutschland gibt es dazu nur wenige Publikationen, die meist nur regional verfasst sind. Heimatforscher und Ortschronisten besitzen Sammlungen über diese ­Taten. Unser Ziel ist, diese ­Informationen – auch aus den damaligen Ausgaben vom Allgemeinen Anzeiger – für die nachfolgenden Generationen zu bewahren, bevor sie ver­gessen sind.

Vor 20 Jahren gab es schon mal Aufklärungsver­suche. Was ist heute anders?

Schmidt: Heute sind über das Internet viel mehr Informationen zugänglich, die man sich damals zeitaufwendig und teuer von Archiven ­schicken lassen musste. Forschung ist leichter geworden.

Welche neuen Erkenntnisse kamen ans Tageslicht?

Schmidt: In der Vergangenheit lag Kollektivverdacht über den Bewohnern der Ortschaften, in denen Fliegermorde nachgewiesen wurden. Aber die Meinung, dass sich ein ganzes Dorf auf die Flieger gestürzt habe, um sie zu lynchen, hat sich in unseren Fällen als falsch erwiesen. Es war kein Kollektivmord. Es waren fanatische Nazis, die andere mitrissen. Und sie wussten natürlich, dass diese Lynchmorde nicht ­geahndet werden würden.

Vitz: Die Perspektive hat sich auch dadurch geändert, dass wir Originalaussagen der ­Täter aus den Prozessprotokollen beigebracht haben. Sie kommen dadurch deu­t­licher in den Blick.

Schmidt: Vor 20 Jahren wurde durch das Setzen der ­Gedenksteine an die Taten erinnert. Aber die Vorgänge waren damit noch nicht wirklich erforscht. Auch hat die Öffentlichkeit manches wieder vergessen. Eine Dokumentation soll das Vergessen für immer verhindern.

Schweigen und Verdrängen haben immer noch die Oberhand?

Schmidt: In den Ortschaften leben teilweise noch die ­Angehörigen der Täter. Sie sind für die Taten nicht verantwortlich, aber sie leben natürlich noch unter der Scham. Viele schweigen auch, weil sie ihre Nachbarn nicht denunzieren oder in Verlegenheit bringen wollen.

Vitz: Ich glaube, dass mit dem zeitlichen Abstand auch die Bereitschaft wächst, sich dem zu stellen, was wirklich passiert ist, mindestens in der jüngeren Generation. Und es gibt ja nicht nur ­Negatives zu erzählen. Manche in den Dörfern haben auch Widerstand gegen das Lynchen geleistet.

Auch Dokumente und Aus­sagen aus und in den USA weisen Widersprüche aus. Wurde damals geschlampt?

Vitz: Teilweise ja, aber das muss man verstehen. Ermittler mussten gut Deutsch können. Die USA warteten ungeduldig darauf, dass ihre ,Boys’ nach Hause kämen, dass die Anzahl der GIs in Europa und die Kosten der Stationierung verringert ­werden könnten. Es mangelte ­also an Zeit, Personal und Material. Ein Team von fünf Ermittlern hatte unter Umständen für alle anfallenden Fahrten nur einen einzigen Jeep, der mit Kaugummi, Isolierband und Gebeten ­zusammengehalten wurde. Es wurden damals schwere Fehler gemacht, aber auch großartige Ermittlungsarbeit geleistet.

Sie haben auch Wert auf technische Details (Flugzeug) gelegt. ­Warum war ­Ihnen das wichtig?

Vitz: Weil man manche ­Berichte nur versteht, wenn man sich die räumlichen Verhältnisse und die Arbeitsbedingungen in so einer Fliegenden Festung vorstellen kann. Bei der Einweihung des Denkmals in Wohlsborn kursierten auch historische Fotos von der Absturzstelle.

Welche Erkenntnisse haben Sie darüber?

Schmidt: Davon wissen wir nichts, obwohl wir mit dem Ortschronisten, Angehörigen von Zeitzeugen, dem ­Bodendenkmalpfleger und älteren Einwohnern gesprochen haben. Die einzige Ausnahme ist ein Foto (es ist im Buch), das angeblich die Bergung des Wracks zeigt, aber dem wird auch widersprochen. Wir können nicht ausschließen, dass es noch irgendwo Fotos gibt, die man niemandem außerhalb der Familie zeigt. Wir können nur hoffen und bitten, dass auch die eines Tages ans Licht kommen. Lesenswert sind auch die weiteren Lebensgeschichten der überlebenden US-Flieger.

Aber das Ausschlagen der Hand der Versöhnung ist schon heftig. Oder?

Vitz: Die beiden zitierten ­Besatzungsmitglieder (Elderkin und Pennoyer) waren schon über 80 und hatten wohl geglaubt, sie hätten diese traumatische ­Geschichte hinter sich gelasen. Dann wurden sie plötzlich wieder damit konfrontiert. Elderkin hat am Bärenhügel in Wohlsborn die Leichen seiner Bord­kameraden gesehen. Dass er die Erinnerung daran nicht unbedingt auffrischen wollte, kann man verstehen.

Bei aller Wertschätzung für ehrendes Gedenken sind doch falsch gravierte ­Namen und Rechtschreibfehler auf Ehrenmalen peinlich – mangelnde Sorgfalt?

Schmidt: Die falsch geschriebenen Namen beruhten wohl auf Infos aus den USA – und die waren leider falsch. Aber die Zeit drängte; ­bestimmte Termine sollten gehalten werden – eine Nachprüfung fiel aus. Falsch geschriebene Namen und Rechtschreibfehler stiften natürlich Verwirrung, aber es ist ja noch nicht zu spät für eine Korrektur.

Welche Pläne zu Veröffent­lichungen gibt es noch?

Vitz: Ich schreibe zur Zeit an einer Veröffentlichung über die Fliegermorde in und um Buttstädt. Ein Gedenkstein steht bereits in Schloss­vippach – aber der dort ­genannte Flieger ist nicht der einzige, der im März 1945 und in dieser Gegend ermordet wurde. Wir wissen von mindestens fünf, möglicherweise sechs Fällen. Das Heft wird ungefähr hundert ­Seiten haben und wieder im ­Galerieverlag Weimar ­herauskommen.

 

Eine B-17 Flying Fortress im Einsatz. Foto: USAF

Eine B-17 Flying Fortress im Einsatz. Foto: USAF

Bernd Schmidt
Autor Bernd Schmidt

Traugott Vitz
Traugott Vitz

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Der Fliegermord von Ottmannshausen, Der Tieffliegerangriff und die Zugexplosion von Hopfgarten, Der Fliegermord von Wohlsborn von Bernd Schmidt und Traugott Vitz.

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