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6. Oktober 2016
Weimar

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Zitate
„Nur weil wir eine psychische Erkrankung haben, müssen wir auf Kinder doch nicht verzichten.“
Anna, Mutter und Studentin aus Jena

„Man will sich nicht darauf ausruhen, weil man krank ist.“
Paul aus Jena

Zitat mit Foto
„Wir wollen mit unserer Woche seelischen Gesundheit erreichen, dass psychische Erkrankungen nicht mehr stigmatisiert werden.“
Katharina Fuchs,
Mitorganisatorin der Woche der seelischen Gesundheit in Jena



Familie zwischen Frust und Lust
Anna und Paul geben dank ihres kleinen Sohnes ihrem Leben eine neue Perspektive

Von Simone Schulter

Anna* und Paul* haben sich gefunden. Doch die beiden Mittzwanziger eint kein Familienleben im herkömmlichen Sinne. Liebe, Respekt und Rücksicht sollten jede Paarbeziehung charakterisieren. Doch für Anna und Paul sind diese Komponenten besonders wichtig, um den Alltag zu meistern. „Wir haben beide eine Persönlichkeitsstörung“, erklärt Anna.

Kennengelernt haben sich die Jenaer in einer Wohngruppe. Seit dreieinhalb Jahren sind sie ein Paar. Vor knapp zwei Jahre komplettierte ihr Sohn den Bund. Seither erleben sie die Ambivalenz von Familie zwischen Frust und Lust noch intensiver als Paare ohne gesundheitliche Einschränkungen.

Partnerschaft und Familienleben empfinden sie trotzdem als Bereicherung „Erst durch meine Familie fing ich an zu reflektieren“, erklärt Paul. Seither lebt er bewusster mit seinen Defiziten. Seine unbedingter Wille, Ziele zu erreichen, haben ihn früher oft straucheln lassen. Zu viel hatte er sich zugemutet. Um so härter waren die Rückschläge. Paul ist sehr sensibel. Konflikte nimmt er intensiver wahr. Schafft er seine Leistungen nicht, leidet sein Selbstwertgefühl stärker als bei seinen Mitmenschen. Er ist buchstäblich im Hamsterrad gefangen. Zu viel Kraft hat ihn in der Vergangenheit seine Übermotivation gekostet.

Aus dem Teufelskreis konnte er sich befreien. Mit Medikamenten und harter Arbeit an sich selbst. Er hat akzeptiert, dass er einen Acht-Stunden-Arbeitstag nicht bewältigen kann. Stattdessen arbeitet er jetzt ehrenamtlich in einer Begegnungsstätte für Menschen mit psychischer Belastung und Erkrankung. Diese Rücksicht auf sich selbst, eine neue Gelassenheit hat er seiner Familie zu verdanken.

Auch Anna musste lernen, Prioritäten zu setzen. Früher ist die Studentin der Wirtschaftswissenschaften von einer Lehrveranstaltung zur nächsten gehastet. Viel zu viele Eindrücke für einen Menschen mit Persönlichkeitsstörung. Heute weiß sie, ihre Belastbarkeit einzuschätzen – und sich Freiräume zu schaffen. Ihr ist klar, dass sie ihre Woche nicht mit Terminen vollstopfen kann. Für ihren Sohn pausiert sie deshalb beim Studieren. Sie will und braucht Zeit für ihr Kind, aber auch für sich selbst. Zur Reflexion, für Achtsamkeitsübungen und Gefühlsprotokolle. Bis dahin war es allerdings ein langer Entwicklungsprozess.

Ähnliche gesundheitlichen Einschränkung schaffen in einer Partnerschaft ein besseres Verständnis für Probleme und Reaktionen des jeweils anderen. Aber zugleich kosten sie Kraft. „Jeder von uns benötigt viel Zeit, um sich mit sich selbst und seinen Problemen auseinanderzusetzen“, erläutert Anna. Das beeinflusst den Familienalltag. Ebenso wie Konflikte, die intensiver ausgetragen werden als bei anderen Paaren. Doch beide eint der Wunsch, gemeinsam mit ihrem Sohn das Leben zu meistern. Für ihn haben sie sich bewusst entscheiden. Ihm zuliebe arbeiten sie auch mit Unterstützung von Betreuern und Ärzten an den Symptomen ihrer Erkrankung und setzen sich dadurch neue, realistischere Ziele. Familie zwischen Frust und Last: Anna und Paul können mit diesen Gegensätzen immer besser umgehen

*Namen von der Redaktion geändert.

ZUR SACHE
Von Persönlichkeitsstörungen sind Menschen betroffen, die zu misstrauisch, zu hysterisch oder zu ängstlich-vermeidend sind. Dadurch werden sie an der Bewältigung des Alltags gehindert.
Durch diese tief verwurzelten psychischen Eigenschaften kommt es häufig zu Irritationen und Konflikten mit anderen Menschen. Der Betroffene ist äußerst eingeschränkt in seinem Leben. Persönlichkeitsstörungen können unterschiedliche Formen annehmen.
Quelle & Inform@tion: www.seelischegesundheit.net

TERMIN
+ Unter dem Motto „Familie ­ Frust und Lust“ organisierten Vertreter aus dem Gemeindepsychatrischen Verbund (GPV) Jena eine Woche der seelischen Gesundheit. Sie startet am 4. Oktober im Jenaer Rathaus nach einer Ausstellungseröffnung und Theateraufführung um 17 Uhr mit einem Impulsvortrag von Dr. Ulrich Lakemann zum Thema „Familie nimmt Kraft – Familie gibt Kraft“ . Es schließt sich eine Podiumsdiskussion an. An diesem Tag besteht auch die Möglichkeit, mit den Veranstaltern der diesjährigen Aktionswoche ins Gespräch zu kommen und sich über deren Angebote zu informieren, unter anderem mit der Aktion Wandlungswelten, der Elterninitiative für das seelisch erkrankte und verhaltensauffällige Kind Thüringen, der Diakonie Ostthüringen, Grenzenlos e.V. ­ Verein für behinderte Menschen und Menschen in Notsituationen, Familienleben, der Praxis für bewusste Elternschaft und der Förderverein Hospiz Jena.
+ Bis zum 10. Oktober finden Filmvorführungen, Vorträge und Mitmachangebote. Behandelt werden Themen wie Beziehungs- und Suchtprobleme, Elternzeit und Elternschaft, Musik- und Familientherapie, und Entspannungsmöglichkeiten, Tod Trauerarbeit.
+ Das ganze Programm unter: www.do-diakonie.de.

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