„Die Fledermaus“ als erfolgreiche Botschaft von Menschlichkeit, Wiener Lebensfreude und internationaler Zusammenarbeit - meinanzeiger.de
18. Juli 2018
Weimar

„Die Fledermaus“ als erfolgreiche Botschaft von Menschlichkeit, Wiener Lebensfreude und internationaler Zusammenarbeit

Aufführungen des Weimarer Lyric Opera Studios im „mon ami“ 14.-18.07.2018

Wenn im richtigen Leben schon vieles falsch läuft, dann kann ein wenig Lüge, Maske, Kostüme, Polka, ¾ Takt und falsche Identität nicht nur dem Wiener, sondern auch dem Weimarer weiter helfen, dachte sich Damon Nestor Ploumis und inszenierte zum ersten Mal „Die Fledermaus“ von Johann Strauss mit seinen Teilnehmern am Sommerkurs des Weimarer Lyric Opera Studios. Denn auch in Weimar wird ja eine ganze Menge wichtigtuerischer Schaum geschlagen und das kluge Publikum weiß zu assoziieren, wer da aus Stadtpolitik oder Klassik-Stiftung gemeint sein könnte.

Alfred, Doowon Kim aus China, betet so in seiner ersten Belcanto-Arie mit hellklarer lyrischer Tenorstimme „Täubchen, das enflattert ist, stille mein Verlangen…“ Rosalinde (Christa Navy, Sopran, USA) an. Stubenmädchen Adele (Gabriella Will, Sopran, USA) wuselt daher, um sich in ihren späteren Arien „Spiel ich die Unschuld vom Lande“, „Mein Herr Marquis“ lustvoll und mitreißend auszuspielen. Dr. Falke, (Alexander Adams-Leytes, Bass-Bariton, USA) erscheint im Gehrock und parliert hintersinnig und manchmal hinterlistig seine kleinen Intrigen, die er auch stimmlich sehr überzeugend darstellt.

Die an volkstümlich-philosophischen Sprüchen so reiche „Fledermaus“ leitet Gabriel von Eisenstein (Steven Fiske, Bariton, USA) mit seinen „Grinzinger Wein-Weisheiten“ ein: „Wenn die Ratten dich benagen, hüte dich vor vollem Magen“, um dann mit Dr. Falkes (Alexander Adams-Leytes), „Stirbt der Bauer im Oktober, braucht er im Winter koan Pullover“ alle möglichen „Operetten-Vögerl“ abzuschießen. Die „Fledermaus“ feiert so im Weimarer „mon ami“ eine fröhliche Erweckung. Die Zuschauer fühlen sich am Premieren-Abend pudelwohl und auch an den Folge-Abenden gibt es viel Szenenapplaus. Steven Fiske lebt seit längerer Zeit in Wien und hat schon viel „Wiener Schmäh“ inhaliert. Zur Nervenstärkung während der Proben kam eigens seine Hausvermieterin aus Wien nach Weimar, um ihn einmal so richtig zu hören und ihm Zuspruch zu geben.

Das gesamte Ensemble des Weimarer Lyric Opera Studios trägt zur guten Laune bei.

Christa Navy ist eine szenisch präsente Rosalinde. Mit wortdeutlichem Fast-Wienerisch beherrscht sie ihre große Partie von tiefen Mezzo-Tönen bis wunderbarem Sopran. Federleicht und mit Temperament, besonders im Csárdás des Mittelaktes, „Klänge der Heimat“, versteht sie es, das Publikum mitzureißen. Die Rachegedanken des Dr. Falke lässt Alexander Adams-Leytes in wohl timbrierten Schmelz erklingen. Angelica Conner, aus Großbritannien lebt in Sprache und wohltönendem Mezzo den russischen Prinz Orlofsky. In elegant klassischen Kostümen tanzt der Chor des Weimarer Lyric Opera Studios die packende Polka „Donner und Blitz“. Auch der stotternde Dr. Blind (Jesper Wardtlik, Bariton, Dänemark) wie der mimisch und stimmlich sichere Milan Babic, aus Serbien, als Gefängnisdirektor Frank, begeistern die Zuschauer. In der kleinen aber nicht unbedeutenden Rolle der Ida sorgt Aurora Borotinskij aus Finnland mit ihrem Sopran für viel Freude und Aufmerksamkeit.

Damon Nestor Ploumis als Regisseur und Olaf Storbeck als Dirigent entfalten mit den Eleven des Weimarer Lyric Opera Studios in vielen Facetten ihrer Fledermaus ein urtümliches wie feines wienerisches Kolorit, wenn auch an den Sprechdialogen noch nachgebessert werden könnte. Der Gesang kommt allerdings schon mit viel Wiener Charme unter das Weimarer-Publikum und erheitert dauerhaft. Die Besucher des Weimarer „mon ami“ feiern das Kurz-Zeit-Ensemble mit seiner
Fledermaus-Interpretation mit anhaltendem Beifall.

Zu dem charmanten Gesamteindruck trägt auch das Bühnenkonzept von Damon Nestor Ploumis bei. Besonders im 2. Akt bespielt er den gesamten Raum und versetzt die Zuschauer mitten hinein in das Geschehen der üppigen Feier bei Prinz Orlovsky. Diese Unmittelbarkeit des Erlebens wird für die Zuschauer zum prächtigen Erlebnis. Außerdem wird im 2. Akt auch das ein und andere „Gläsel“ an die Zuschauer verteilt.

Viel zum Erfolg haben auch zwei Trainer beigetragen: Professor Robert Dean von der „Guildhall“, in England und Jean Christopher Charron von der „Komischen Oper Berlin“. Beide haben zu Beginn des Sommerkurses mit den Studenten intensive Gesangstrainings absolviert. Robert Dean hat mit einzelnen Sängern geprobt und Jean Christopher Charron hat vor allem den Chor zu Höchstleistungen geführt. Kein Wunder, dass alle Vorstellungen ausverkauft sind. Darum will Damon Nestor Ploumis auch im kommenden Winterkurs seine Fledermaus-Interpretation wieder auflegen und dann mit einem Frosch-Darsteller, der fehlt leider diesmal. „Am Text wird schon gefeilt“, meint Ploumis augenzwinkernd, „mehr wird aber noch nicht verraten“. Und da dieser griechische Amerikaner viel Sinn für Überraschungen hat, darf man gespannt sein, wenn die „Rache der Fledermaus“ neu angezettelt wird.

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