3. September 2018
Weimar

Hört Hört! Puppen pendeln zwischen Parlament und Psychoanalyse. TLZ, 30.08.2018

Ich habe mich zu Beginn des Stückes beim Kunstfest Weimar nicht amüsiert, sondern ich wurde sehr nachdenklich. Der Conferencier Pascal Lalos begann seinen Auftritt sehr anschaulich einem Brot und den steigenden Preisen bis in die Millionen. Dabei demonstrierte er plastisch die wirtschaftliche Krise nach dem ersten Weltkrieg. Dabei wurden plötzlich alle Milliardäre, wen sie ein Brot kaufen wollten. Da läuft es mir kalt über den Rücken, wird sich die Geschichte wiederholen?

Seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 hat sich der Schuldenstand der OECD-Staaten von 25 auf 45 Billionen Dollar erhöht. Der Euro wurde 2002, als Bargeld eingeführt und bis heute erreichte die Inflation über 20 Prozent. Im Jahr 2016 konnten sich zirka 21,3 Millionen der Bürger ab 16 Jahren keine unerwarteten Ausgaben in Höhe von 985 Euro leisten. Der Geldbetrag entspricht dem seinerzeit statistisch maßgeblichen Schwellenwert bei der Armutsgefährdung in Deutschland. 12,8 Millionen Bürger können sich einen einwöchigen Urlaub außerhalb ihres Zuhauses nicht mehr leisten. Etwa 1,3 Millionen Großstadt-Haushalte hatten nach Abzug der Miete nur noch ein Resteinkommen, das unterhalb der Hartz-IV-Regelsätze liegt. In den letzten 30 Jahren hat sich der Bestand an Sozialwohnungen um Zweidrittel verringert und es fehlen fünf Millionen Sozialwohnungen!

Meiner Meinung nach sind das die Ursachen für den Frust der Leute und die Anfälligkeit eines neuen Nationalismus, sowie den Rechtsruck in der Gesellschaft. Und ich habe höllische Angst, dass unsere Demokratie eine neue Finanzkrise nicht überlebt.

Doch zurück zum Theaterstück, dort ging es weiter um die schnell wechselnde politische Stimmung in der Weimarer Republik, um Angriffe der zahlreichen Gegner gegen das Bauhaus und die hitzigen Attacken im Thüringer Landesparlament. Diese brachten das Bauhaus immer wieder in den Fokus politischer Kontroversen und führten 1925 zur Schließung. Die Puppen-spielerinnen zitierten aus den Landtagsprotokollen, es gingt um die Finanzierung der heute legendären Bauhaus – Ausstellung 1923.
Die Angriffe von Gymnasiallehrer Dr. Emil Herfurth, Abgeordneter der DNVP im Landtag, könnten von den Abgeordneten der heutigen AfD stammen.

Deshalb sollten wir Goethe ernst nehmen: Es ist nicht genug zu wissen – man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen – man muss auch tun.

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