Klicken statt Kicken - professionelle e-Sportler aus Gera - meinanzeiger.de
4. Februar 2020
Weimar

Klicken statt Kicken

Sind Geras Spitzensportler Computernerds? Die professionellen E-Sportler spielen „League of Legends“ und zählen zu den besten Deutschlands

Daniel Aitbelkacem alias „Scarface“ ist sich siegessicher was den Gewinn der Deutschen Meisterschaft beim E-Sport (auch: eSport) angeht. Foto: Peter Zielinski

Sie sind Anfang 20, ­diszipliniert und ­absolut siegeshungrig. ­Daniel „Scarface“ Aitbelkacem und Julian „Xioh“ Dumler gehören zu den besten in Deutschland. Sie sind professionelle E-Sportler. Sie spielen das ­Computerstrategiespiel „League of Legends“, kurz „LoL“. Sie spielen bei „ad hoc gaming“ aus Gera. Die Mannschaft, deren Team- und Trainingszentrum im Elstercube in Gera liegt, gehört zu den absoluten Spitzenteams in Deutschland. Das Team existiert erst seit 2015. Bisher stand „ad hoc“ in jeder Saison mindestens im Halbfinale der Deutschen Meisterschaft. 2015 und 2017 wurden sie inoffizieller deutscher Meister. Nach der Ligareform ist es leider nicht mehr gelungen, den Titel zu gewinnen. 2020 ist daher der Titelgewinn das erklärte Ziel. Verstärkt wurde das Team um drei Mitspieler aus Schweden, Slowenien und der Tschechischen Republik. Die Team- und Spielsprache ist Englisch.

Hartes Training und rund 30 000 Stunden Spielpraxis

Wenn man all das liest, dann klingt das so, als ob man über einen Fußballverein aus der Bundesliga spräche. „Und genauso ernsthaft trainieren wir.“, bestätigt Julian. „Insgesamt hat jeder von uns rund 30 000 Stunden Spielpraxis,“ rechnet Daniel vor. Wie bei allen Profisportlern ist die ­Woche streng getaktet. Drei Trainingstage und zwei Spieltage. Das Wochenende ist frei. Der Trainingstag ­beginnt um 10 Uhr. Das Spiel selbst, das heißt die Oberfläche zu bedienen, wird nicht mehr ­geübt. „Das hat man drauf. Die Tastaturbefehle und Mausbewegungen beherrschen wir im Schlaf. Wir sprechen hier von ein paar hundert Klicks in der Minute. In erster Linie arbeiten wir an taktischen Varianten und an der Kommunikation untereinander. Wir gehen da extrem weit in die ‚Tiefe‘ des Spiels,“ erklärt Daniel.

Spielinhalt und Struktur haben Ähnlichkeiten mit Schach

Fünf Spieler hat eine Mannschaft. Entsprechend den fünf Charakteren mit unterschiedlichen Fähigkeiten in „League of Legends“. Sie spielen gleichzeitig miteinander ­gegen eine andere Mannschaft. Ziel ist es, das große Hauptgebäude des Gegners zu zerstören. Ein Spiel dauert ungefähr 45 Minuten. Spielinhalt und Struktur haben Ähnlichkeiten mit Schach. Vor zehn Jahren wurde das Computerspiel „League of Legends“ auf den Markt ­gebracht. Mittlerweile spielen es über 100 Millionen Menschen weltweit. Die Turniere und das tägliche, mindestens achtstündige ­Training sind anstrengend, ganz zu schweigen von den vielen Presse- und Marketing­terminen. Körperlicher Ausgleich und gesunde Ernährung sind ein wesentlicher Baustein für den Erfolg eines Spielers. Julian besucht regelmäßig das Fitnessstudio im Elstercube und Daniel erholt sich bei ausgedehnten Spaziergängen in der Natur.

Krasser Gegensatz zu erzieherischen Vorstellungen

Computerspiel und ­erzieherische Vorstellungen der Eltern stehen in vielen Familien im krassen Gegensatz zueinander. „Es hat einige Zeit gedauert, bis meine Eltern verstanden haben, dass ich nichts anderes machen ­möchte und ich meine ­Zukunft im E-Sport sehe. Mittlerweile fahren sie zu den Turnieren mit, sehen sich die Wettbewerbe im Internet an und spielen sogar selbst ‚LoL‘,“ berichtet ­Daniel ­Aitbelkacem. Und ­Julian ­Dumler ergänzt: „Meine Eltern haben mich bis vor einem halben Jahr überhaupt nicht unterstützt. Als ich mit meinem ersten ‚Deutschen-Meister-Titel‘ nach Hause kam, wollte meine Mutter nur wissen, wann ich meine nächste Klassenarbeit schreibe. Aber mittlerweile hat sich das ­geändert. Sie haben es akzeptiert und verstehen, dass das ein richtiger Beruf ist, bei dem man auch Geld verdienen kann.“

Erfolgssicherung für die Zukunft

Da sich die E-Sport-Szene in Deutschland in rasender Geschwindigkeit immer mehr professionalisiert, denken die Managementköpfe von „ad hoc gaming“ darüber nach, in nicht allzu ferner Zukunft, in Gera ein E-Sport-Ausbildungs- und Leistungszentrum und eine „Academy-Mannschaft“ aufzubauen. Denn wie im Computerspiel gilt: Erfolg darf man nicht dem Zufall überlassen.

Von Peter Zielinski

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