O Tempora Mores / was für Zeiten, was für Sitten - meinanzeiger.de
3. Mai 2019
Weimar

O Tempora Mores / was für Zeiten, was für Sitten

Der 1. Mai in Weimar begann wie immer mit einem kleinen Demonstrationszug vom Rollplatz über den Flohmarkt ins Stadtzentrum bis zum Marktplatz. Das Front-Transparent vom DGB zum 1. Mai lautete „EUROPA. JETZT ABER RICHTIG!“. Wenn aber der Mellinger Spielmannszug nicht dabei gewesen wäre, dann hätte uns kaum jemand wahr genommen. Irgendwie störten wir sogar die zahlreich anwesenden Trödelmarkt-Besucher. Es gab sogar die Aufforderung, ob wir nicht wo anders lang laufen könnten. Ja, so ist die Realität, die Mehrheit der Deutschen sind ausgeprägte Schnäppchenjäger. „Geiz ist geil“ haben schon Viele mit Muttermilch aufgesagt. Aber die Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen hatte mich überrascht: „Es geht nicht nur ums Geld. Die Jagd nach den besten Angeboten macht die Konsumenten sogar glücklich“.

Die Geschichte des 1. Mai begann 1865, als die Gewerkschaften in der USA erstmals die Forderung nach der Einführung des Acht-Stunden-Tags erhoben. Und bis der 1. Mai ein gesetzlicher Feiertag wurde haben nicht Wenige von unseren Vorfahren ihre Freiheit, Gesundheit und auch ihr Leben geopfert, damit heute an diesem freien Tag die Familien ihren persönlichen Neigungen nachgehen können.

Auf dem Marktplatz jedenfalls gedachten und feierten der DGB, DIE LINKE, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und andere Vereine und Organisationen mit ihren Gästen gemeinsam den 1. Mai. Mehrere Hundert Menschen verfolgten die politischen Reden. Die FDP stand aber nur am Rand, die CDU war nicht zu sehen, dabei werden vom Kreisverband des DGB alle Parteien eingeladen. Ein Blick in das Ahlener Programm der CDU vom Februar 1947 wäre hier hilfreich: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutsches Volkes nicht gerecht geworden. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein “.

Der Volksmund sagt: „Jeder ist seines Glückes Schmid“, aber die gesellschaftlichen Verhältnisse, sagen etwas anderes. Es gibt ein magisches Dreieck welches ein friedliches, gerechtes und glückliches Leben in einer Gesellschaft garantiert: „Gemeinschaftssinn, sozialer Ausgleich und Kontrolle über das eigene Leben“. Auf dem Vormarsch sind aber Egoismus, Gier und die Gleichgültigkeit. Das zeigt sich beim übersteigenden Streben nach materiellem Besitz, unabhängig von dessen Nutzen, verbunden mit dem Geiz, der übertriebenen Sparsamkeit und dem Unwillen zu teilen.

Leider lernt die Mehrheit nicht aus der Geschichte, sondern erst durch eigene Erfahrungen und dann ist es meistens zu spät. Nur 17 Prozent der Beschäftigten sind in einer Gewerkschaft organisiert. Aber die Gewerkschaft und ihre Funktionäre können nicht helfen, wenn die Beschäftigten nicht bereit sind, selbst für ihre Rechte zu kämpfen.

Wie heißt es in dem Lied der Internationale: „Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun, uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!“

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